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Gentrifizierung und Verdrängung: Aktuelle theoretische, methodische und politische Herausforderungen

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Angesichts der sich seit Jahren zuspitzenden Lage auf den Wohnungs- und Immobilienmärkten ist Gentrifizierung zu einem der wichtigsten Begriffe geworden, um die gesellschaftlichen Veränderungen in den Großstädten zu beschreiben. Die Beiträge des Bandes liefern aktuelle Diagnosen der deutschsprachigen Gentrifizierungsforschung und betrachten die jüngsten Entwicklungen anhand einer Vielzahl von Fallbeispielen aus unterschiedlichen Perspektiven. Wie in einem Brennglas lassen sich dadurch gesellschaftliche Veränderungen, soziale Konflikte und politische Aushandlungsprozesse der Stadt- und Wohnungsmarktentwicklung beobachten und verstehen.

394 pages, Paperback

Published December 1, 2021

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Jan Glatter

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Profile Image for Marius.
46 reviews18 followers
December 8, 2025
Die Herausgeber Jan Glatter und Michael Mießner geben zunächst eine umfangreiche Einführung in die relevanten Entwicklungen und Debatten der deutschen Gentrifizierungsforschung sowie in die unterschiedlichen Phasen der Gentrifizierung im deutschsprachigen Raum.

Bernd Belina beruft sich in seinem Beitrag über den Zusammenhang von Gentrifizierung und Finanzialisierung zwar umfassend auf den marxistischen Geographen David Harvey, der unter anderem immer wieder durch linkspopulistische Beiträge zu Neoliberalismus und Finanzialisierung auffällt, und grenzt sich von diesen Positionen nicht ab, doch er selbst widerspricht zumindest der verbreiteten Gegenüberstellung von bösen Großinvestoren und guten kleinen Privatvermietern. Die großen Player verfügten demnach lediglich über die nötigen Mittel, um Mietsteigerungsmethoden effizienter anzuwenden. Belina betont am Ende seines Beitrags auch, dass der Zusammenhang zwischen Finanzialisierung und Gentrifizierung im Kapitalismus angelegt ist, schlägt, um die Folgen „abzumildern", aber eine Regulation bzw. ein Verbot von Spekulation vor und blendet dabei die Friktionen und Ausweichbewegungen aus, die solche regulativen Eingriffe zur Folge haben, weil sie nicht in der Lage sind, die Kapitalverwertung als solche zu unterbinden.

An den Zusammenhang zwischen Gentrifizierung und Finanzialisierung knüpft Michael Janoschka in seinem Beitrag an und erweitert ihn um demokratietheoretische Überlegungen. Dabei wird die aus der Politikwissenschaft stammende Annahme, der „deregulierte[] Finanzkapitalismus" habe die „soziale und politische Einbettung der Ökonomie gesprengt" (74), was wiederum eine Gefährdung der Demokratie zur Folge habe, auf Gentrifizierungs- und Verdrängungsprozesse in der Stadt übertragen. Später ist auch von einer Sprengung der „soziale[n] und politische[n] Einbettung des Finanzkapitalismus" (80) die Rede. Es ist allerdings mehr als fraglich, inwiefern vor dem Bedeutungsgewinn des Finanzsektors eine solche Einbettung tatsächlich und unter welchen Bedingungen gelang. Die implizit geäußerte Sehnsucht nach der Rückkehr zu jenem Zustand geht, wie bereits bei Belina, von einer gelingenden „Bändigung“ der Ökonomie durch politische Maßnahmen aus. Die formulierte Kritik geht dazu nicht über eine Problematisierung der Verschärfung von Ungleichheit und der Bedrohung der Demokratie hinaus. Es gelte daher, „der Naturalisierung der Finanzialisierung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens entgegenzuwirken" (84), den „Schulterschluss mit sozialen Bewegungen" zu suchen und „Vorschläge zur De-Finanzialisierung unseres Lebens zu entwickeln" (85). Janoschka betont, ähnlich wie Belina, dass finanzialisierte Akteure im Vergleich zu kleineren Privateigentümern zwar nach anderen Logiken handelten, aber letztlich beide Gruppen auf steigende Mieten und Immobilienpreise abzielten. Finanzialisierung präge zudem das Agieren staatlicher Institutionen, indem diese nach ähnlichen Prinzipien handeln würden. Er beobachtet insgesamt eine starke Zunahme von „finanzorientierten unternehmerischen Logiken" (79). Treffend ist seine Kritik an unzähligen empirischen Untersuchungen einzelner Fallbeispiele potenziell gentrifizierter Räume, die kaum Erkenntnisgewinn bieten und mit einem „exzessiven Rekurs auf tradierte Erklärungsmuster" (84) verbunden sind.

Matthias Bernt schlägt mit seinem Konzept der Kommodifizierungslücke eine Weiterentwicklung der in der Gentrifizierungsforschung verbreiteten rent gap-Theorie von Neil Smith vor. Letztere leiste einen wichtigen Beitrag für das Verständnis von Gentrifizierung, da sie den Fokus auf die Produktion von Wohnraum statt auf die Nachfrage legt, die Historie eines Aufwertungsprozesses in den Blick nimmt und Immobilienökonomie, Nachbarschaftswandel und soziale Ungleichheit miteinander verknüpfe. Als Grenzen der Theorie versteht Bernt etwa die unscharfe Verwendung des Begriffs der Grundrenten und die nicht ausreichende Berücksichtigung der staatlichen Regulierungsfunktion bezogen auf den Wohnungsmarkt. Die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, sind bezeichnend: „Ohne eine Komplettierung durch politische und historische Zugänge bietet diese Theorie nur wenig Orientierung für die Frage, wie mit Gentrifizierung – anders als durch die Abschaffung des Kapitalismus – umgegangen werden kann" (100). Bernt erkennt an, dass Aufwertung und Verdrängung nicht enden werden, solange Wohnen warenförmig organisiert ist. Ihm geht es jedoch in erster Linie um den politischen Umgang in Form von Regulierung und damit um die notdürftige Verwaltung des Bestehenden. In seinem später im Jahr 2022 erschienenen Buch „The Commodification Gap" sind seine Überlegungen ausführlicher nachzulesen.

Abgesehen von diesen theoretischen Beiträgen, die bisher vorgestellt wurden und auf denen mein Fokus liegt, liefert Jan Üblacker einen aufschlussreichen methodisch fokussierten Beitrag, der die möglichen Probleme in der Untersuchung von Gentrifizierung explizit macht. Untersuchungen mit einer sehr breiten Gentrifizierungsdefinition verbleiben nicht selten auf einer beschreibenden Ebene und lassen die Zusammenhänge zwischen der sozialen, baulichen, gewerblichen und symbolischen Dimension unberücksichtigt. Er weist zudem auf das Problem atomistischer und ökologischer Fehlschlüsse hin, wenn ausschließlich auf Individual- bzw. Aggregatebene geforscht wird. Üblacker plädiert in Anlehnung an den Nachbarschaftseffekt für die Berücksichtigung des Gentrifizierungseffekts, der die Auswirkungen eines Gentrifizierungsprozesses auf die Akteure beschreibt.

Im Kapitel über den praktischen und politischen Umgang mit Gentrifizierung räumt Justin Kadi mit dem Mythos vom Mieterparadies Wien auf und betont zurecht, dass die Wohnungssituation in der österreichischen Hauptstadt ständig als Positivbeispiel herangezogen wird, ohne dass dabei bestehende Probleme Erwähnung finden.

Erwähnenswert ist noch der Beitrag von Annegret Haase und Anika Schmidt über grüne Gentrifizierung. Begrünung und die Befreiung der Quartiere von Autoverkehr, was beides für eine Abkühlung der Viertel im Sommer und eine geringere Lärm- und Emissionsbelastung sorgt und damit die Lebensqualität deutlich steigert, sind mit Mietpreissteigungen und langfristig mit Verdrängungen der Mieter verbunden. Das führt dazu, dass diejenigen, die von den positiven Auswirkungen einer grünen Aufwertung des Viertels profitieren sollen, dies häufig nicht mehr erleben.

Abschließend geben Michael Mießner und Matthias Naumann in ihrem Beitrag über ländliche Gentrifizierung einen Überblick über ein kaum beachtetes, aber zunehmend relevantes Thema.

Durch fast alle Beiträge zieht sich die Kritik an der neoliberalen Stadt. Dabei beschleicht einen das Gefühl, dass der Fokus auf Kritik am neoliberalen Kapitalismus dazu führt, dass nicht mehr das Substantiv, sondern das Adjektiv für das eigentliche Problem gehalten wird. Am akademisch-postmodernen Jargon des Sammelbandes wird zudem deutlich, dass er ein Produkt des Wissenschaftsbetriebs ist.
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