Ich habe das Buch günstig auf dem Flohmarkt erstanden. Es fiel mir auf, weil der Titel witzig klang und ich außerdem verschwommen das Gefühl hatte, dass es mir irgendwann, irgendwo schon mal auf Goodreads begegnet war ... Unglücklicherweise konnte ich mich nicht daran erinnern, ob es von den Menschen dort eigentlich gut, schlecht oder mittelmäßig bewertet worden war. Also musste ich mir selbst ein Bild machen. Und das habe ich getan.
Zuerst das Gute.
In diesem Roman geht es um einen Anwalt, der seit dem Besuch eines Seminars versucht, sein Leben nach den Regeln der Achtsamkeit auszurichten. Und als ihm ein krimineller Mandant Schwierigkeit macht, ermordet er ihn – und zwar vollkommen achtsam ...
Das klingt erst einmal lustig und ungewöhnlich. Und das ist es oft auch. Es gab immer wieder Sätze, bei denen ich glucksen oder sogar schallend lachen musste, was bei einer Lektüre, die sich „Ein entschleunigter Kriminalroman“ nennt, ja nicht unbedingt das Schlechteste ist.
Und spannend ist es ebenfalls. Wenn Icherzähler Björn Diemel wieder einmal zwischen die Fronten zweier Schwerverbrechergangs gerät und alles tun muss, um sich und seine Familie vor dem Zorn der Gangsterbosse zu schützen, kommt durchaus Spannung auf.
Nur: Dafür, dass das Buch den Begriff „achtsam“ im Namen trägt, ist es nicht selten äußerst blutig und brutal. Es gibt so manche Szene, in der grausame Morde, Folterungen oder Zerstückelungen genussvoll in allen Einzelheiten geschildert werden, und zwar mit der gleichen ungerührten oder leicht belustigten Lässigkeit, mit der die Hauptfigur auch beschreibt, wie ihre kleine Tochter sich beim Eisessen bekleckert oder teure Büromöbel mit Stiften anmalt.
Denn zunehmend missbraucht der Erzähler im Text sein Achtsamkeitstraining dazu, seine immer skrupelloser werdenden Taten vor sich selbst zu rechtfertigen, was ihm immer leichter zu fallen scheint. Das ist sehr klar an seinen pseudo-moralischen Betrachtungen zu erkennen, an denen er sein Lesepublikum im ganzen Buch teilhaben lässt.
Die Tatsache, dass er in der Geschichte Gott spielt, indem er über Leben und Tod entscheidet, hält ihn jedenfalls nicht im Geringsten davon ab, sondern bestärkt ihn eher noch darin, andere Menschen be- und häufig auch zu verurteilen.
Und diese Urteile fallen üblicherweise alles andere als freundlich aus. Da sind Leute zu dumm, zu ungebildet, zu arrogant, zu unfreundlich oder zu rücksichtslos, Frauen auch gern zu alt, zu billig, zu „kühl“, d. h. zu unwillig, Björns Wünsche zu erfüllen.
Und sie alle müssen aus seiner Sicht für ihre negativen Eigenschaften, Worte oder Aktionen bestraft werden (auch wenn er selbst offenbar ganz selbstverständlich straflos bleibt), was im Normalfall aufgrund der mühelosen Überlegenheit des Erzählers im Text auch gar kein Problem darstellt.
Das hatte bei mir allerdings zur Folge, dass mir die Hauptfigur im Laufe der Story immer unsympathischer wurde – was ich vorher trotz jahrzehntelanger „Lesekarriere“ noch nicht gerade oft auf diese Weise erlebt hatte und was in diesem Buch auch eine echte Leistung darstellt, da Björn schon zu Beginn des Buches ein ziemlich unangenehmer Mensch ist ...
Ich hatte bei der Lektüre allerdings den starken Eindruck, dass der Autor selbst seinen (trotz allem ganz klar als erfolgreich, schlau, umsichtig und familienliebend dargestellte) Hauptcharakter viel zu positiv sieht, weshalb er ihn wohl trotz der wachsenden Anzahl seiner Gräueltaten immer wieder glimpflich davonkommen und sogar triumphieren lässt.
Diese ethisch mehr als bedenkliche Grundhaltung, die immer wieder überdeutlich durchscheint, hat mir das Lesen zunehmend erschwert und irgendwann den Spaß ganz verdorben.
Daher von mir 2,5 Sterne.