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Im Paradies

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Paperback

Published March 31, 2005

About the author

Thomas Ott

34 books182 followers
"Thomas Ott was born in Zürich in 1966. He received training as a graphic artist at the School of Design in Zürich and has been a freelance comics artist and illustrator since 1987. From 1998–2001 Ott attended film studies at the University of Art and Design (HGK), Zürich. He currently lives and works in Zürich and Paris. Ott is also the lead singer of The Playboys." —Fantagraphics Books

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Profile Image for Klaus Mattes.
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April 19, 2026
Hier noch mal der Hinweis, dass weder das eingeblendete Foto noch die Herausgeber-Vita zu dem Thomas Ott gehören, der diese schwule Story-Anthologie herausgegeben hat. Thomas Ott ist ein Mitte der fünfziger Jahre geborener Deutscher, der in Stuttgart lebt und jahrzehntelang, bis in die 2020-er Jahre hinein geschäftsführender Buchhändler des schwulen Buchladens „Erlkoenig“ in Stuttgart war. Er hat im Allgemeinen Bücher weder geschrieben noch herausgegeben, aber ein paar Ausnahmen gibt es, als er für den Hamburger Männerschwarm Verlag die Redaktionsarbeit übernommen hat.

Es geht hier um den Literaturpreis der schwulen Buchläden. Von ihnen gab es damals noch etwa sechs in Deutschland, jetzt sind es noch zwei. Er fand sechs Mal statt, im Abstand von jeweils zwei Jahren und die hier dokumentierte Auszeichnung von 2004 ist die letzte gewesen, die es bis heute gegeben hat. Jeweils im Vorjahr war der Wettbewerb in schwulen Medien ausgeschrieben worden, mitmachen konnte jeder, der Umfang der Arbeiten war von Vornherein begrenzt, den drei Juroren wurden sie ohne Namensnennung übermittelt. Als Juroren amtierten wechselnde Experten aus Medien- und Verlagswelt, immer Männer und wohl immer schwul. Jeder durfte seinen Wunschpreisträger vorschlagen, also gab es drei Nominierte. Zum Schluss entschieden sich die Inhaber der schwulen Buchhandlungen für einen von ihnen. Im Folgejahr erschien dann jeweils ein kartonierter Auswahlband bei Männerschwarm, Es gibt also sechs, dieses ist der letzte. In ihnen sind immer die drei Nominierten drin sowie noch mindestens zehn weitere Geschichten, für deren Auswahl in aller Regel einer der Buchhändler zuständig war, mal Joachim Bartholomae vom Hamburger „Männerschwarm“ und hier Thomas Ott aus Stuttgart.

In jenem Jahr wurde den einreichenden Autoren erstmals eine thematische Klammer vorgegeben: „Den Körper ins Spiel bringen - Schwule und Sport“. Ausgerechnet der am Ende aufs Schild gehobene Sieger hat sich darum allerdings überhaupt nicht gekümmert. Außerdem war der Anteil sich beteiligender Frauen inzwischen auf 25 Prozent angestiegen. Den Juroren wurden die Namen und somit das Geschlecht der Autorinnen nicht offenbart. Erst die Buchhändler wussten für die Endausscheidung, wer was war. Allerdings ist dem Leser des Buchs nicht klar, ob es sich um lesbische oder heterosexuelle Frauen handelte, die da über Schwules schrieben. Eine Frau schaffte es in die Endauswahl, drei weitere kamen mit Storys ins Buch hinein.

Auf jeden Fall hat die ungelöste „Frauenfrage“, man müsste sich darüber noch mal gründlich unterhalten, schrieb Thomas Ott ins Buch, gewiss mitgespielt bei der Einstellung des Literaturpreises der schwulen Buchläden. Selbige ist offiziell nie verkündet worden, aber es wurde nach diesem Buch kein Wettbewerb mehr ausgelobt. Was wohl auch etwas mit der Abwicklung der Hamburger Buchhandlung „Männerschwarm“ zu tun hatte, aus der der gleichnamige Verlag hervorgegangen war. Und vielleicht auch mit neuen Ansichten bei den Sponsoren, Hamburger Kultursenat und Jacobs Kaffee, was oder wen man mit Kulturförderung-Geldern unterstützen wollte. Herausgeber Ott wies darauf hin, der Preis sei auch nicht mehr so nötig wie zehn Jahre davor. Im deutschen Buchmarkt sei ja geradezu eine Flutwelle queerer Verlage und Buchneuerscheinungen losgegangen. (Es sollte sich bald zeigen, dass enorme Quantitätssteigerung einer qualitativen durchaus nicht entsprach. Die Debütanten-Story-Anthologien wurden öfters sehr vermisst als Möglichkeit, sich nicht nur in schwulem, sondern auch in literarisch ambitioniertem Schreiben auszuprobieren.)

Gern verwiesen wird heute noch auf die nachmalig einigermaßen bekannt und renommiert gewordenen schwulen Autoren, die hier erst- oder zweitmalig auffielen und es dann noch zu mehreren eigenen (oft allerdings kaum verkauften) Büchern gebracht haben: Lutz Büge, Markus Dullin, Peter Hofmann, Gunther Geltinger, Simon Froehling, Marcus Brühl, Holger Siemann, Eric Hegmann, Corinna Waffender, Peter Nathschläger, Peter Tschiche, Klaus Berndl, Arthur Knebel, Arn Aske, Gregorio Ortega Coto. (Achtung, diese Autorenliste bezieht sich auf alle 6 Bücher, nicht allein aufs hier besprochene! Auch ein Klaus Mattes war dabei, der hat es zum eigenen schwulen Buch aber nie geschafft.)

Tim Sonderhüsken, Juror und ansonsten Lektor bei Knaur, hat sich 2004 für den Text von Cordula Scheifele stark gemacht. Sie war seinerzeit Gebärdendolmetscherin, zur Autorin ist sie nicht geworden. Sie heiratete einen Mann und macht inzwischen in Busreisen. Damals erzählte sie eine leichthändige Komödie, in der sich zwei alt gewordene Schwule beim Hosenkauf über den Weg laufen und in Liebe fallen, wie man so sagt. (Statt sich gegenseitig an dieselbe zu fassen, wie es dem Üblichen eher entsprechen würde.) Am Text mochte ich auf Anhieb nicht, dass man die männlichen Namen der Protagonisten mühelos durch zwei weibliche oder einen weiblichen, einen männlichen ersetzen hätte können und an Sinngehalt und Stimmigkeit würde sich nicht das Geringste ändern. So gleich sind schwule und heterosexuelle Welten nun doch nicht.

Der Zürcher Kolumnist Philipp Tingler nominierte den Kommunikations-Trainer Eric Hegmann aus Hamburg für dessen Kurzgeschichte „Heldenfrühstück “, aus der später und in längerer Fassung die Titelgeschichte eines meistenteils eher heterosexuellen Storybands über junge Hamburger auf der Jagd nach Drogen, Sex und dem großen Glück werden sollte. Das erinnerte an F. Scott Fitzgerald: jung sein, schick sein, schön sein, high sein, durch die Gegend lieben, seine Illusionen verlieren, aber bitte nicht auch noch das Herz.

Der am Ende mit 1.000 €, einer öffentlichen Veranstaltung, Berichten in allen schwulen Medien und selbstverständlich dem Einzug ins Buch (das aus naheliegenden Gründer somit erneut nicht den Titel des Erstplatzierten übernehmen konnte) war „Leben. 200 Meter“ von Gunther Geltinger, aus dem, das war noch nicht abzusehen, ein Autor von gewichtigen, bei Suhrkamp verlegten Romanen werden sollte. Nominiert hatte ihn Matthias Kuhn, der als Journalist für eine Stadtillustrierte in München tätig war. Autor Geltinger, dessen Werke und Biografie man unterdessen selbstverständlich auch in Goodreads findet, war vom Main in Unterfranken gekommen, hatte Drehbuchschreiben in Wien studiert, war dann in Köln und dort unter anderem im Umkreis des greisen schwulen Außenseiter-Literaten Walter Foelske gelandet. Dessen und dessen Inspirationsquelle Thomas Bernhards Sprachmacht und komplexe Stilistik hat der oft angestrengt wirkende Geltinger hier bereits, aber auch in den Büchern seither mitgeschleppt. Geltinger ist wirklich der Schriftsteller, der nicht nur gut unterhalten will, wie Kollegin Scheifele, sondern den Leser mit Kunstfertigkeit eher zu überwältigen vorhat. Ein Artifizieller, wie man so sagt. (Ich mochte es bei „Mensch Engel“, ich mochte es nicht mehr bei „Moor“.)

Ich meine, für mich persönlich ist es ja immer schon mal ein Pluspunkt, wenn ein als angeblich „schwul“ gehandeltes Buch dann wenigstens ein paar Stellen hat, an denen Sex konkret beschrieben wird, aber, vom Inhalt abgesehen: Ist das sprachlich nicht stark übersteuert hier, um vorzuzeigen, dass man Künstler sei?

P 200 m. P ist ein Initial des Universums. 200 Meter ist seine irdische Intonation: Der Blinker klickert. Jeder weiß, was jetzt kommt: Ein paar Bänke mit Tischen, Beton oder wetterbeständiges Holz, Mülltonnen, meist übervoll, neu angepflanzte Hainbuchen, die nicht wachsen können, weil alle dran pinkeln. Die eingehen an der Grausamkeit der Verliebten gegenüber der Zeit. Jenny + Markus forever, I love you anonym, Kevin + Babsi in einem aufgerissenen Herz, oder kürzer Fuck you, gesäumt von Peace-Zeichen und narbigen AC/DC und SOS, Akronyme der Angst vor der Abwesenheit. In den struppigen Zweigen Coladosen und Chipstüten, zerknüllte Servietten und auch schon mal ein blutiger Tampon, der geschundene Stamm ragt aus einer Hand voll Häckselholz und der halbverdauten Pizza von vor drei Tagen. Linker Haltestreifen für LKWs, rechts für PKWs, und auf dem letzten freien Parkplatz picknicken Holländer. Wenn du Glück hast, ein Klohäuschen, abgeschlossen, wenn Pech, weil defekt, meist nur ein Maschendrahtzaun, irgendwo niedergetreten, ein Trampelpfad führt in eine Kiefer-Monokultur, gleich verarbeitet zu Tempotaschentüchern. Ich mag diesen Geruch aus Scheiße und Pisse und feuchtem Nadelgehölz und dem Schweiß hastiger Geilheit, ein wenig vermischt mit dem Muff des Sitzpolsterüberzugs, hinter einen Holzhaufen blase ich den Typen aus dem Passat, er schmeckt nach 500 Kilometern, zweimal Raststätte und morgens nicht geduscht. Ich mag es, wenn ich nicht weiß, woher sie kommen, nicht weiß, wohin sie fahren, nur wie lange sie schon unterwegs sind, und wenn sie mich ficken, weiß ich auch, wie lange noch. Ich mag es, ihre verhetzten Körper zu ertasten, Neuland zu erobern, Gefahrenzonen. Gebirge, Wälder, Wüsten. Ich mag diese angespannten Muskeln auf dem Sprung, die unbeholfenen Bewegungen des Beckens und die fahrigen, manchmal eheberingten Hände, das kämpferische Reißen an meinem Gürtel und den Moment des Einhalts, wenn er endlich aufspringt. Ich mag sie, diese irritierte Souveränität mit ihrer leicht verschwitzten Haut, auf der Brust und zwischen den Beinen auf dem Damm, vorgestern rasiert, ein paar Stoppeln um Brustwarzen und Anus, seither im Stress und keine Zeit für den Körper, er kämpft im eng geschnürten Zeitkorsett mit der Konferenz um drei, der Verabredung zum Essen um sechs, dem Fitnesstraining um neun und dem vorzeitigen Orgasmus.
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