Der spannende Reisebericht zweier junger Männer, die sich 1951, nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, mit einem altersschwachen Motorrad von Deutschland aus auf die Reise nach Indien machen. Ihr Geld verdienen sie unterwegs als Künstler (Oss singt und spielt Gitarre, Gustav kann zaubern und feuerspucken). Der Reisebericht, 1997 anhand der Tagebücher, Zeitungsberichte und natürlich der lange kultivierten eigenen Erinnerungen von Oss verfasst und 2009 neu aufgelegt, begleitet die beiden Reisenden von Station zu Station, durch Wüste, Dschungel und Großstädte bis nach Kalkutta und schließlich über den Ozean zurück nach Hause. Das Buch liest sich wirklich toll. Oss Kröher erzählt lebendig und überaus facettenreich. Er liefert keinen schnöden Reisebericht im Sinne einer Aneinanderreihung von Stationen. Stattdessen erzählt er von Erlebnissen, Eindrücken, den historischen Landschaften, durch die sie fahren, den Menschen, denen sie begegnen, der Musik, dem Essen, den Kulturen. Jeder Abschnitt ist mit Herzblut und einer großen Lust am Erzählen geschrieben. Die Reisenden sind trotz oder vielleicht gerade wegen der zurückliegenden Kriegsjahre, die sie selbst als Jugendliche noch miterleben mussten, weltoffen und an den Menschen, denen sie begegnen, ehrlich interessiert, wenn auch nicht frei von Vorurteilen. Nicht alles hat mir inhaltlich gefallen, nicht jede Aussage und nicht jeder Ausdruck ist aus heutiger Sicht in Ordnung. Das ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass eben eine Reise im Jahr 1951 erzählt wird, als bestimmte Sichtweisen und Ausdrücke noch anders bewertet wurden als heute. Dass Frauen zumeist nur ihrem Aussehen nach begutachtet werden, sei dem Autor verziehen – das würde ich hier tatsächlich auf den Zeitgeist zurückführen und die Tatsache, dass zwei Anfang-20-Jährige anderthalb Jahre etwas einsam aufm Motorrad hockten. :D Interessanter ist die Frage, inwiefern despektierliche Bezeichnungen für bestimmte Menschengruppen in einer Nacherzählung von 1997 (und deren Neuauflage von 2009) noch einen Platz finden sollten. Ist es noch Zeitgeist oder schon der Mief der Vergangenheit, der hier herumwabert? Der Autor selbst scheint die Ausdrücke nicht mit böser Absicht zu gebrauchen. Tatsächlich gibt es einen Abschnitt, in dem er erzählt, wie ihn ein Muslim zur Schnecke machte, weil er ihn „Mohammedaner“ genannt hatte und er daraufhin das Wort, von dem ihm nicht bewusst gewesen war, wie herablassend es ist, aus seinem Wortschatz verbannte. Allgemein wird im Buch glaubhaft, dass Os und Gustav von der „Hitlerei“ gehörig die Schnauze voll hatten und es ihnen auch sehr unangenehm war, unterwegs auf glühende Verehrer der Nazis (unterschiedlichster Kulturen) zu treffen. Ob aber die beiden Reisenden immer noch der Meinung sind, dass Roosevelt „den Russen, Tschechen und Polen die deutschen Ostgebiete in den Rachen geworfen habe, die doch großtenteils seit achthundert Jahren von Deutschen besiedelt seien“, wie sie in Indien dessen Ehefrau in einer Pressekonferenz sinngemäß fragten? Herrje. Ich verstehe ja irgendwie noch, wie man sowas 1951 fragen kann – aber seine Meinung zu diesem Thema dürfte man bis 1997 doch gerne ein wenig differenziert haben. Ist alles nicht so einfach. Einseitige und polemische Ansichten, von allen Seiten, sind Teil dieser Reiseerzählung, die damit aber auch einen interessanten Einblick in die Gedankenwelten der frühen 1950er Jahre bietet, der durch glättende Darstellung verlorengegangen wäre. Hätte das Buch sich den ein oder anderen Kommentar dazu gönnen dürfen? Vielleicht, aber am Ende ist es ein persönlicher Bericht und kein Lehrbuch. Als solcher ist er überaus lesenswert. Der Bericht ist spannend und gerade durch seine Ecken und Kanten ist er authentisch und animiert zum Weiterinformieren und Herumstöbern.