Nancy Mitford war eine Schriftstellerin aus der englischen Aristokratie. Neben ihren Romanen schrieb sie auch zahlreiche Artikel, in denen Betrachtungen über ihre Umgebung und ihre Mitmenschen anstellte. Die stießen nicht immer auf Begeisterung, was ich schon nach den ersten beiden Kapiteln verstehen kann.
Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beschreibt, wie ihre Eltern zwar körperlich anwesend waren, sich aber um ihre und die Erziehung ihrer Geschwister kaum gekümmert haben. Das war zu Nancys Zeit zwar üblich, trotzdem hat sie darunter gelitten. Ihre erste Liebe war ein Offizier, der mit ihrem Vater bekannt war und dem sie im ersten Weltkrieg dutzende von Handschuhen häkelte. Näher als das ist sie ihm und dem Feind leider nicht gekommen.
Das zweite Kapitel ist eines von denen, die machen wohl nicht so gut gefallen haben. Verarmte Adlige wollen offensichtlich nicht arbeiten, um ihr Vermögen wieder aufzubauen. Nein, lieber entlassen sie nach und nach das Personal und bedauern ihr Schicksal. Das ist schicker, als sich die Hände schmutzig zu machen. Das dabei Namen genannt werden, hat ihr bestimmt keine Freunde eingebracht.
Miss Mitford beobachtet genau, wie ihr Tagebuch eines Russlandbesuchs zeigt. Dort war sie 1954 und sollte eigentlich nicht darüber schreiben. Aber nachdem alle, denen sie mit der Veröffentlichung des Tagebuchs schaden könne, Russland wieder verlassen haben, veröffentlicht sie doch. Auf den ersten Blick ist es eine Reise mit einigen misslichen Begebenheiten, auf den zweiten Blick sieht man deutlich die Misstände, die man als Gast nicht sehen soll.
Aber es ist auch etwas an ihrem Stil, was mir nicht gefällt. Dass sie ein bisschen von oben herab schreibt, trifft mein Gefühl am besten, wenn auch nicht zu 100%.
Die spitze Feder bleibt auch in den nächsten Kapiteln. Darin redet sie über den (nicht vorhandenen) Modegeschmack ihrer Landsleute, die sich in "Tweed in der Farbe verschiedener Porridges" kleiden und immer mindestens zwei Jahre hinter der neuesten Mode aus Paris her sind. Auf der anderen Seite macht sie sich lustig über die Frauen, die sich herausputzen und keinen Tiefgang haben. Sie teilt also nach beiden Seiten aus.
Sie redet auch über Touristen, die über kleine Orte herfallen und sich über die scheinbare Armut und Antriebslosigkeit der Bevölkerung auslassen. Diese Passage ist sehr aktuell, da hat sich seit ihren Beobachtungen nicht viel verändert.
Nancy Mitford hat ein gutes Auge und eine spitze Feder, aber sie benutzt sie nicht. Ich hatte beim Lesen oft den Eindruck, als ob sie sich zurückhält und ab einem gewissen Punkt ihrer Geschichte das Thema nicht wechselte. Diese Zurückhaltung hat für mich nicht zu den Anfänge ihrer Geschichten gepasst. Es interessiert mich, warum sie das macht. Vielleicht finde ich im nächsten Buch die Antwort darauf. Das hier hat leider nur einen durchschnittlichen Eindruck hinterlassen.