"Archée bezeichnet die Reichweite eines Bogens. Kein anderes Wort verleitet mich so zum Träumen. Es enthält den zum Zerreißen gespannten Bogen, den Pfeil und den erhabenen Moment des Loslassens, den Aufstieg des Pfeils in die Lüfte, die Sehnsucht nach dem Unendlichen und schließlich auch das edelmütige Scheitern, denn die Reichweite des Bogens ist beschränkt, meßbar, ein vitaler Impuls, der mitten im Flug plötzlich endet. Es ist das Sinnbild der Lebenskraft von der Geburt bis zum Tod, der Inbegriff purer Energie, die in einem Augenblick verbrennt."
Amelie Nothomb beschreibt in ihrem Roman "Böses Mädchen" eine Freundschaft, die tatsächlich nie eine war, da sie von Anfang eine klare Hierarchie und Überlegenheit der selbstbewussten, angebeteten Christa gegenüber der zurückgezogenen, einsamen Blanche zeigte. Von Anfang war es ein Kräftemessen, wobei sich Blanche zu Anfang ihrer Rolle der Dankbarkeit und Untergebung fügte. Selbst als Christa ihr Bett, ihren Kleiderschrank, die Ruhe im Zimmer und die Aufmerksamkeit und Hingabe Blanches Eltern besetzt, sehnt sich Blanche nur nach ihren ruhigen Stunden beim Lesen. Das Aushalten scheint ihr wenig auszumachen. Erst als Christa schlecht über Blanches Eltern redet, findet die Protagonistin einen Grund, Christas wahre Herkunft und Identität zu entblößen.
Amelie Nothombs Charaktere sind überzeichnet, unrealistisch und alle auch gewissermaßen anstrengend. Das soll natürlich auch so. Die Eltern sind naiv und vergessen ihr eigenes Kind bei der Schönheit und Wortgewandheit Christas. Christa spielt ein doppeltes Spiel, im privaten erniedrigt sie Blanche, bei Anwesenheit anderer gibt sie sich besonders charmant, redet über ihre tiefe Bindung zur deutscher Philosophie (die ja bekanntlich so homogen ist) und zeigt sich verletzlich, wenn sie über ihre arme Herkunft spricht. Blanche durchschaut schnell die Fassade, ringt aber mit ihren eigenen negativen Gedanken, die das Dasein einer Grüblerin sehr gut darstellen. Hat man dieses Verhalten verdient? Sollte man nicht froh sein, zumindest eine Freundin als diese bezeichnen zu können? Gleichzeitig weiß sie um die Sticheleien Christas, lässt sich teilweise sogar darauf ein. In Blanches Kopf findet sich aber nicht nur reine Erniedrigung, sie fühlt sich in dem Sinne erhaben, als dass sie sich ihres eigenen Intellekts bewusst ist und diesen nicht zur Schau stellen muss.
Das Buch ist mit diesem Setting und den Charakteren natürlich unglaublich durchschaubar und die Handlung sowie das Ende demnach auch erwartbar. Man geistert ständig in Blanches Kopf rum, erlebt die Hänseleien von Christa, stürzt sich in Selbstzweifel und findet dann wieder Freude in der Literatur und den stillen Momenten alleine. Es passiert nicht viel.
Und trotzdem holen der Schreibstil und der Humor einiges aus der Erzählung raus. Der Ton ist bissig, arrogant, aber auch an manchen Stellen einfühlsam und zärtlich. An einigen Stellen musste ich laut lachen und ich war beeindruckt von manch cleveren Sätzen. Amelie Nothomb kann schreiben. Aber kann sie auch erzählen?
Abschließend würde ich sagen, dass dieses Buch eher durch sein Wortgewandtheit, als durch seine Handlung und Charaktere heraussticht. Und trotzdem bereue ich es nicht, dieses Buch gelesen zu haben. Ich bin gespannt, was Nothomb noch zu sagen hat.