Wie wird ein Staat zu seinem eigenen Kriegsschauplatz?
Immer häufiger kommt es rund um den Globus zu Bürgerkriegen. Barbara Walter ist eine der renommiertesten Expertinnen auf diesem Gebiet. Ihr Buch ist ein Weckruf – ganz besonders für die westliche Welt.
Ein Bürgerkrieg kommt immer scheinbar überraschend – und er kostet Tausende das Leben, zerstört Gesellschaften und die Zukunft von Millionen Menschen. Barbara Walter forscht seit Jahrzehnten zu der Frage, welches die wiederkehrenden Muster sind, die auf eine baldige Eskalation in einer Gesellschaft hindeuten.
In den USA ist Barbara Walter bekannt als Mahnerin, die gesellschaftlichen Risse zu kitten, bevor es zu spät ist. Nicht erst seit dem Sturm auf das Kapitol gehört sie zu den gefragtesten Expertinnen im Land. Ausgehend von verschiedenen Bürgerkriegen auf der ganzen Welt erklärt sie in „Bürgerkriege“ fundiert und anschaulich, unter welchen Umständen Staaten in Aufruhr und Chaos abgleiten. Ihre Erkenntnisse sind ebenso erhellend wie alarmierend.
Barbara F. Walter is the Rohr Professor of International Relations at the School of Global Policy and Strategy at the University of California, San Diego. A life member of the Council on Foreign Relations, Walter helps to run the award-winning blog Political Violence at a Glance and has written for The Washington Post, The Wall Street Journal, Los Angeles Times, Reuters, and Foreign Affairs.
Die Politikwissenschaftlerin Barbara F. Walter hat mit "Bürgerkriege" ein hochinteressantes und erhellendes Sachbuch vorgelegt. Für mich ein weiterer Höhepunkt des Jahres. Die Autorin untersucht, welche Umstände Staaten in Bürgerkriege führen können, welche Gegenmaßnahmen es gibt, und ob eine Früherkennung möglich ist. Letzteres ist Teil der Arbeit der Forschungsgruppe Political Instability Task Force (PITF), deren Mitglied Frau Walter ist.
Eine Gefährdung tritt ein, wenn ein Staat eine Anokratie ist. Das ist laut Robert Gurr ein Staat, der sich "in der Zwischenzone zwischen Noch-Demokratie und ausgebildeter Autokratie" befindet. Aktuelle Beispiele sind Ungarn und die Türkei. Interessant ist, dass die Gefahr von Bürgerkriegen existiert, wenn sich ein Staat zu schnell in die eine (Autokratie) oder in die andere (Demokratie) Richtung bewegt. Gemäß der analysierten Datenlage ist auch eine zu schnelle Demokratisierung mit erheblichen Bürgerkriegsrisiken verbunden. Als wichtigen Messwert verwendet Walter u.a. den Polity Score, der Staaten auf einer Skala von -10 bis +10 in fünf Kategorien von Autokratie bis vollständiger Demokratie einstuft. Eine Liste der Werte für einige Staaten aus dem Jahr 2018 findet man u.a. bei Wikipedia unter "Polity data series".
Es werden viele Beispiele von Bürgerkriegen auf engem Raum dargestellt. Das sind u.a. Palästina, Libanon, Syrien, Irak, Nordirland, Ruanda oder Simbabwe. Der Rolle der sozialen Medien als Brandbeschleuniger ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Das letzte Kapitel beschreibt Massnahmen zur Reduktion von Bürgerkriegsrisiken. Die letzten drei Kapitel sind deutlich US-zentrischer als der Rest des Buches. Das war sicherlich auch der Grund dafür, dass das Buch für eine Zeit die politischen Debatten in den USA dominiert hat. Geholfen hat dabei sicherlich auch das ungewöhnliche siebte Kapitel "Wie ein Krieg aussehen könnte". Hier wird ziemlich detailliert ein moderner Bürgerkrieg - fast schon wie eine fiktive Dystopie - geschildert. Beängstigend ist, dass die Beschreibung von einer Wissenschaftlerin kommt, die die Thematik seit dreißig Jahren erforscht.
Insgesamt ist es ein faszinierender und teils beängstigender Einblick in aktuelle Forschung in einer gut geschriebenen und gut strukturierenden Art und Weise. Eine absolute Empfehlung für Leser, die sich für weltpolitische Themen und Entwicklungen interessieren.