Zwei junge Männer stehen an vorderster Front einer überhitzten Konsum- und Leistungswelt – und halten stand, bis die Beschleunigung ihr Leben erfasst, überwuchert: Der idealistische Magnus Taue schreibt für das Kundenblatt eines Ölkonzerns, fühlt sich als Loser und hasst seine Arbeit mit der Wut eines Schläfers. Thorsten Kühnemund, Manager und Macho, leidet insgeheim am erfolgreichen Hochglanzleben voller Druck und Alphatierneurosen, er betäubt sich mit Alkohol, schnellem Sex und Abstürzen im molochartigen Clubbing der Stadt. Aus Schulzeiten bekannt, freunden die beiden sich zögerlich an. Doch dann brechen die Fassaden ein. Magnus fühlt sich zu Thorstens Freundin Laura hingezogen, und alle drei strudeln ins Haltlose. So beginnt eine Suche nach irgendeiner Wahrheit des Empfindens, Denkens und Tuns – eine Suche im Rausch, Schmerz und Wahn, und in der eigenen Seele …
Einfühlsam und radikal erforscht Thomas Melle ein sich immer schneller um ein leeres Zentrum drehendes Leben – bis an die Grenzen des Ichs und darüber hinaus. «Sickster» ist ein großes diagnostisches Zeitbild – und das Romandebüt eines Autors, dessen Sprache, so Iris Radisch, «bis ins letzte Komma aufgeladen» ist.
Thomas Melle, 1975 geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor vielgespielter Theaterstücke und übersetzte u. a. William T. Vollmanns Roman «Huren für Gloria». Sein Debütroman «Sickster» (2011) war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman «3000 Euro», der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. 2015 erhielt Thomas Melle, der in Berlin lebt, den Kunstpreis Berlin.
Ich habe mich beim Lesen oft gefragt, ob ich das Buch genauso gelesen, die Geschichte genauso empfunden hätte, wenn ich Melles "Die Welt im Rücken" nicht gelesen hätte. Die Geschichte ist manchmal zu viel, manchmal wirr und oft erschütternd. Und all das erzählt Thomas Melle in seiner großartigen Sprache. Er findet immer die richtigen Worte. Was für eine große Gabe! Für mich ist er der beste deutschsprachige Schriftsteller unserer Zeit.
Dieser Roman hat bei mir gemischte Gefühle hervorgerufen. Im Großen und Ganzen fand ich das Buch gut. Aber es schien mir, dass der Roman mehr wollte, als konnte. Manche Metaphern kamen mir kitschig vor und zum Teil waren die Figuren unglaubwürdig, weil sie nicht nur gleiche Sprache wie der Erzähler gesprochen haben, sondern auch als wandernde Sachbücher klangen. Die Sprache des Romans ist gehoben, was zum Teil einen negativen Eindruck macht, denn Ausdrücke wie: "Sich alte Diktiergerät-Tapes anzuhören hat etwas von Palimpsest-Forschung." (S. 221) klingen etwas übertrieben und verraten den Autor als einen Literaturwissenschaftler... Abgesehen von der Kritik fand ich den Roman gar nicht so schlecht. Auf jeden Fall viel besser als viele andere, die heutzutage publiziert werden.
Zu Thomas Melle lohnt es sich vielleicht ein paar Worte zu verlieren, gerade weil dieses Buch für mich nahe an den vier Sternen gekratzt hat und ich mir gut vorstellen kann, dass sich das beim zweiten Lesen und auch bei der Beschäftigung mit seiner weiteren Literatur, noch verändern kann. Der wichtigere Grund für mich ist aber eher, dass ich doch viele recht durchwachsene Rezensionen zu lesen bekommen habe, hier auf dieser Seite. Ich bin über DIE ZEIT auf den Autor aufmerksam geworden und habe mich dann recht schnell um seinen Debütroman bemüht. Nach den knapp 350 Seiten würde ich für mich behaupten, dass das ein Debüt ist, dass sich mit fast allen Wassern gewaschen hat. Inhaltsangabe spar ich mir ein wenig. Drei Menschen, zwei Männer, eine Frau, keiner von diesen weiß was er will, nur was man eventuell soll und hinter und unter Ihnen Abgründe.
Melle ist in der Lage wahnsinnige Wucht in seinen Sätzen entstehen zu lassen, das ist wunderschön geschrieben, an manchen Stellen aber zu viel des Guten und die blumige, pathetische Sprache droht einzustürzen. Wenn er eine seiner Figuren wieder einmal durch das Berliner Nachtleben stolpern lässt, dann heißt es zum Beispiel:
„Er beobachtete seinen Schatten, ohne zu wissen, dass es sein Schatten war. Seine Dendritenarme sahen aus wie Sinuskurven.“
Diese Assoziationen können auf der anderen Seite und dort an der richtigen Stelle aber großartiges vollbringen, wenn diesen, nicht nur ein Gefühl, sondern eine handfeste Situation zu Grunde liegt und Melles frei fliegenden Gedanken die Realität neu besetzen und verfeinern. Wenn sich eine seiner Figuren über deren lifestylelinken Mitbewohner auslässt, dann klingt das zum Beispiel so:
„Ein Leben wie im Ambient Sound, ein zäher, hauchheller Loop, immer derselbe, ein abgemischtes Frauenlachen darin.“
Phasenweise hat mich das an Houellebecq erinnert, gerade dann, wenn Melle nicht einfach nur eloquent ist, sondern dokumentiert und seziert wie ein Großer. Dann befinden wir uns zum Beispiel im Einmaleins des Space-Managements in Tankstellen und tauchen ein, in die kleinen Zahnräder unserer Gesellschaft, das ist großartig.
Zu lang geraten ist mir die ganze Nummer dann trotzdem, zumal die Figuren sich weniger entwickeln, als dass sie ausgestopft werden. Wohin auch entwickeln? Das ist vermutlich schon ein Punkt der herausgearbeitet werden soll, bei diesen hoffnungslosen, wenig sympathischen Figuren. Als kleiner angelegte Erzählung oder als Novelle, hätte sich da womöglich doch noch einmal ein anderer Sog entwickeln können, trotzdem passiert hier richtig viel gutes. Satz für Satz zwar, aber auch im Ganzen wird unserer Gesellschaft wunderbar der Spiegel vorgehalten. Lohnt sich damit zu beschäftigen und ich bin gespannt auf sein weiteres Werk.
Wirr - mit diesem Wort würde ich dieses Buch beschreiben. Hat mich zwei Anläufe gekostet, das Buch zu lesen. Anfangs sind die einzelnen Charaktere noch interessant, doch irgendwann driften diese so weit ab, dass man kaum noch zu fassen kriegt, um was es eigentlich geht. Seitenlange, scheinbare "innere Monologe", bei denen ich Mühe hatte, die Seiten nicht einfach zu überspringen. Einzig die stellenweisen gelungenen Textpassagen - die zum Nachdenken anregen - haben mich dazu veranlasst, zwei statt nur einen Stern zu vergeben.
Die ersten Kapitel erinnern stark an die Popliteratur der 90er Jahre und waren für mich eher guter Durchschnitt, auch wenn Melle mit einigen Sätzen seine geniale Sprachgewalt zum Ausdruck bringt. Spannend und besonders wird die Story erst mit dem ersten Wendepunkt der Geschichte.