"Um die Schublade zu öffnen, muß man die Klinke wie einen Hebel betätigen und zugleich gegen die Lade drücken. Dann löst sich die Feder, der Mechanismus schnappt mit einem leisen metallischen "klick" ein, die Kugellager setzen sich automatisch in Bewegung, die Schubladen sind etwas geneigt und gleiten von selbst auf kleinen Schienen."
So beginnt Tabucchis Roman mit dem Titel DER RAND DES HORIZONTS, über den der Autor in einer Nachbemerkung schreibt: „Der Rand des Horizonts ist ja tatsächlich ein geometrischer Ort, denn er bewegt sich, wenn wir uns bewegen. Ich wünsche sehr, daß meine Figur ihn mit Hilfe eines Wunders erreicht hat, denn auch sie trug ihn im Auge.“
Auch wenn diese Erklärung auf den ersten Blick physikalisch und damit erklärbar wirkt, klingt für meine Geschmack auch eine reichliche Portion Metaphysik an.
Doch zurück zum ersten Satz. Die exakte Beschreibung der Mechanik, mit der sich die Schublade öffnet, spiegelt eine Faszination, wie sie die Künstler der Spätrenaissance an den Tag legten, wenn sie mit unglaublichem Einfallsreichtum Mechanismen für Sammelkästen und Kunstschränke ersonnen. Gesammelt wurden in diesen Schränken neben Kunstgegenständen gerne auch Tödlein und andere Allegorien auf die Vergänglichkeit, die den Betrachtern die Sterblichkeit des Menschen vor Augen führten.
Und so setzt Tabucchi seinen Roman fort:
"Zuerst kommen die Füße, dann erscheint der Bauch, dann der Rumpf, dann der Kopf des Leichnams."
Wir befinden uns also in einem Leichenschauhaus, und Spino, der dort angestellte Erzähler, besieht die Leiche eines frisch eingelieferten jungen Mannes, von dem man nichts weiß und der unter mysteriösen Umständen erschossen wurde.
Nun ist eine Leiche üblicherweise kein Sammelgegenstand, aber wenn ich die Anklänge auf die Sammelkästen, um eine Lesart zu gewinnen, weiterspinne, so bekommen wir es mit einem Erzähler zu tun, der möglicherweise dem Sammler wesensverwandt ist. Was ich damit meine: Ein Wesenszug des Sammlers ist es, dass er durch den Besitz der Dinge, die sich seinem Zugriff nicht entziehen können, die Distanz zwischen Subjekt und Objekt aufhebt und in gewissem Sinne über die Herrschaft über die Dinge auch eine Herrschaft über seine Welt erlangt.
Wende ich meine Lesart weiter an könnte man sagen, dass Spino, sich dem Geheimnis der Existenz, von Leben und Tod über die Leiche des Unbekannten annähert. Tatsächlich fragt er sich:
"Ist denn die Entfernung zwischen Lebenden und Toten wirklich so groß".
Diese Nähe spiegelt sich auch in der namenlosen Stadt, in der Spino lebt. Wie die menschlichen Körper zerfällt auch die Stadt mit der Zeit, und gerade in dem Viertel, dass am baufälligsten ist, befindet sich die Leichenhalle.
Es gibt einen deutlichen Bruch zwischen der Außenwelt und Spinos Leben: Illusionen (das Kino Lanterna Magica) und die "Dinge von vorgestern" (alte Wandschmierereien, Ränder von Weingläsern früherer Gäste, die auf den Marmortischen wie Hieroglyphen der Vergangenheit prangen) ebenso wie unterschiedliche Erwartungen und Lebenspläne (seine Freundin Sara möchte, dass Spino trotz seines Alters noch promoviert, während er diese Ambitionen nicht teilt, wie ihm auch ihre Romantik und Reiselust ein wenig fremd sind). Das ewige "Zu spät" hängt über der Beziehung.
Als der Tote gebracht wird, heißt es: "Totenballett, dessen Syntax er (d.i. Spino) nicht kannte".
Hieroglyphen, Syntax, Palimpseste: Es begegnen uns fremde und sich überlagernde Zeichensysteme.
Spino beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, wer der unbekannte Tote war und warum er sterben musste. Dabei fühlt er sich dem Verstorbenen auf seltsame Weise verbunden, verpflichtet. Auf die Frage, warum er solchen Anteil nimmt, lautet die Antwort: Weil er tot ist und ich lebe.
„(…) sie löschen seine Vergangenheit aus“, befürchtet Spino, und dem will er entgegen wirken.
Man gewinnt zunehmend den Eindruck, das Spino in seiner eigenen Existenz nicht zu Hause ist, dass die Suche vor allem auch seinem eigenen Leben einen Sinn geben soll.
Dabei treiben ihn seine Nachforschungen, die von außen betrachtet ins Leere laufen, in einen Zustand manischer Besessenheit, der ihm Züge eines Irren verleiht, wenn er Bekannte mit unverständlichen Andeutungen irritiert oder viel zu laut spricht.
„(W)er den Mut nicht hat, eine bestimmte Linie zu überschreiten, wird nie verstehen, sondern ist gezwungen, ein Leben lang zu spielen, ohne zu wissen, warum“, sagt er, und macht damit die Dringlichkeit seines Handelns deutlich.
Um sich selbst zu finden muss man, so Spino, „in alten Schubladen wühlen“. Voila, da ist es wieder, dass schon zu Beginn des Romans angeklungene Sammlermotiv, das immer wieder aufgenommen wird. Immer wieder begegnen uns im Buch die Schubladen, die durchsucht werden müssen.
Die Dinge, so scheint es mir, konkurrieren mit der Existenz des Toten, sind in der Überzahl und drohen sie zu ersetzen:
„(D)ie Kohlesäcke an den Wänden sahen aus wie in Schlaf versunkene menschliche Körper.“
Die Hoffnung, durch die Herrschaft über die Dinge auch Herrschaft über das Leben zu erlangen, hier scheint sie fraglich zu werden, sich ins Gegenteil zu verkehren.
Spino ermittelt bei einem Schneider, im Hafen, in einer Kaschemme, und während die Suche immer absurder wird, wirken die Bilder wie aus einem klischeehaften schwarzweiß-Krimi der 50er Jahre. An der Grenze zur Irrealität bewegt sich die Szene, als er einen Kellerladen aufsucht, in dem ein alter Mann einen Kräuterladen betreibt. Alles scheint voller versteckter Bedeutung und ist zugleich wahrscheinlich durch und durch unbedeutend.
„(A)ber gewiß fand es in ihm und in diesen Nachforschungen eine Erfüllung; auf eine andere und offenbar unzusammenhängende Weise, einer unerbittlichen Logik gehorchend wie einer unbekannten Geometrie: etwas, was sich intuitiv erkennen, sich jedoch nicht als rationale Ordnung oder als Grund formulieren ließ.“
Die Unfähigkeit, Zusammenhänge zwischen den existierenden Dingen wahrzunehmen, lässt uns überall Zufälle vermuten. Die „Erklärung“, die Spino schließlich für den Tod Carlo Nobodis (bei Joyce wäre es wohl HCE, der "Jedermann" gewesen) entwickelt, entzieht sich jeder Beweislage und übernimmt schließlich für ihn die Funktion eines sinnstiftenden Glaubens.
Die Schublade, die so auffällig oft im Roman vorkommt, wird schließlich entrümpelt, und Spino befreit sich von der Herrschaft der Dinge. Aber wird er ohne sie leben können?