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Jacobs Leiter

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Muss man 4000 Bücher kaufen, um eines zu schreiben? Viertausend Bücher jüdischer Emigrnten hat Steffen Mensching in New York entdeckt. Sein Roman "Jacobs Leiter" erzählt - lakonisch, witzig, in einem ganz eigenen Sound - von den Abenteuern dieser Bücher und ihrer Besitzer: vom Arzt und Kommunisten Jacobi; von Hilde, der Frau, die Schindlers Liste tippte; von 150 Jahren deutscher Geschichte.

426 pages, Hardcover

First published September 30, 2004

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Profile Image for Steffi.
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July 31, 2018
Den Namen des Ich-Erzähler von „Jacobs Leiter“ (der Titel eine Anspielung auf eine biblische Geschichte) erfährt der Leser nicht, doch einiges deutet auf die große biografische Nähe zum Autor selbst: das Geburtsjahr 1958, die Sozialisation in Ost-Berlin, die schriftstellerische Tätigkeit.
Dieser Ich-Erzähler kommt 1998 durch ein Stipendiat nach New York (das World Trade Center steht noch) und lernt einen Kreis deutsch-jüdischer Emigranten kennen (gegründet von Oskar Maria Graf) und schließt Freundschaft mit Hilde Berger, die während des Dritten Reichs durch ihr sozialistisches Engagement ins Visier der Machthaber geriet und ihre Familie und politische Weggefährten im Konzentrationslager verlor. Eine weitere folgenreiche Begegnung stellt der Kontakt zu dem Buchhändler Jakob dar, der den Erzähler dazu überredet, ihm seine deutschsprachigen Bücher, die zuvor jüdischen Emigranten gehörten, abzukaufen.

Anhand der Notizen, Widmungen, Exlibris und Papierschnipseln in diesen Büchern und unter Zuhilfenahme von Archiven in New York und Berlin rekonstruiert er verschiedene Lebensläufe, insbesondere den des Hamburger Juden Max Martin Nathan, der vor den Nazis floh und den des Arztes Abraham Jacobi, der nach Unterstützung der gescheiterten 48er Revolution im 19. Jahrhundert in New York den Neuanfang versucht und dort an der Gründung des Communisten-Clubs beteiligt ist. In den Archiven sucht und findet er auch Hinweise auf Hildes Vergangenheit und Akten zu der Nazi-Verstrickung seines eigenen Großvaters, den Konflikten seiner Eltern und Großeltern mit dem DDR-Regime und erinnert sich schließlich an seine eigene Kindheit in Ost-Berlin.

Alle diese Erzählstränge werden nie linear erzählt, sondern immer wieder unterbrochen. Diese für den Leser anfangs ermüdende Konstruktion wird noch komplizierter durch den oft allzu atemlosen Erzählstil, geprägt von vielen Dialogen, bei denen nie ganz klar wird, wer der Sprecher ist oder ob es sich bei manchen Aussagen sogar nur um unausgesprochene Gedanken handelt (völlige Abstinenz von Anführungszeichen). Einige uninspirierte Scherze können den Leser sogar ernstlich verärgern („Ein Hundeliebhaber kommt mir entgegen, zehn Köter an zehn Leinen, drei Pudel, ein Cocker, vielleicht Joe...?“).

Der Leser, der davor nicht kapituliert, wird reichlich belohnt. Die einzelnen Biografien werden immer anschaulicher, die politischen Umstände ihres Lebens immer verständlicher. Dabei recherchiert der Autor so genau – oder erfindet er so gut? - , dass man jede Figur für real hält. Die Danksagung am Ende des Buches deutet zumindest auf Authentizität hin. Letztere wird zusätzlich durch die zahlreichen historischen Figuren , die am Rande beschrieben werden, untermauert: Friedrich Engels, Carl Schurz, Oskar Schindler und andere mehr.

Es handelt sich also unterm Strich um eine wunderbare Hommage an Bücher, die nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte ihrer Besitzer erzählen.

Als am Ende des Romans der Erzähler dem Buchhändler Jakob ankündigt, das Buch zu schreiben, dass dem Leser vorliegt, kommt es zu folgendem Wortwechsel: „In jedem Fall solltest du die Story, vor allem meine Person, ändern, sonst glaubt dir niemand die Fiktion. Im Gegenteil, antworte ich, gerade wenn ich dich exakt so schildere wie du bist, wird niemand an der Erfindung der Geschichte zweifeln.“
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