Der Tote aus dem Schlafwagen des Euronight zwischen Wien und Berlin trug nur das Teuerste - handgenähte Schuhe, Maßhemd, Kaschmir. Der Autor Xaver Pucher wurde auf dem Weg zu seinem Agenten in Berlin ermordet. Chefinspektor Anna Habel von der Mordkommission Wien, allein erziehende Mutter und z. Zt. geschwächt durch eine ordinäre Erkältung, kennt den Toten vom Sehen. Zusammen mit ihrer Freundin Andrea, die in einem Verlag arbeitet, hatte sie den Autor vor kurzem bei einer Signierstunde getroffen. Die Ermittlerin sucht Kontakt zur Berliner Kripo. Zwischen ihr und dem Kollegen Thomas Bernhardt rappelt es bereits beim ersten Telefongespräch gehörig. Thomas mit seiner deutschen Art und väterlichen Fürsorge macht Anna nervös."Wir hier in Wien sind auch nicht blöd" schnauzt sie den Berliner an. Anna und Thomas, Ösie kontra Piefke, bringen sich von nun an bei jedem beruflichen Kontakt gegenseitig zur Weißglut.
Pucher mit seinem Dandy-Getue war jedem auf die Nerven gegangen, erfahren die Ermittler. Als Produzent, Kolumnist und von ihm geplant nun auch als Politiker hatte der Ermordete seine Finger in den unterschiedlichsten Töpfen. Weil er offenbar dabei war, mit seinem aktuellen Buch einen weltweiten Skandal anzuzetteln, stand der Mann aus Wien schon vor seiner Abreise unter Überwachung des österreichischen Staatsschutzes. Doch wird jemand wegen eines geschwätzigen angeblichen Schlüsselromans, der in Afghanistan spielt, gleich ermordet? Anna Habel ermittelt in Puchers Verlag und in seinem Privatleben. Spuren und mögliche Motive gibt es zahlreiche, ein Motiv seltsamer als das andere. Ein zweiter Mord geschieht, Bernhardt und sein Kollege werden am Tatort schwer verletzt. Die Geschichte endet in einem leicht unübersichtlichen Finale, das mich nicht sonderlich mitreißen konnte.
Die Autoren knüpfen mit dem Fall Pucher eine interessante Verbindung zwischen jüngerer deutscher Geschichte und Ereignissen in Berlin und Wien. Bernhardt und Habel als frotzelnde Gegenspieler haben mich ausgezeichnet unterhalten, einen ausgeprägten Anteil an diesem Vergnügen hatten auch Annas pubertierender, konstant verstöpselter Sohn Florian und Nebenfiguren wie Computer-Kurti. Thomas Bernhardt, der als Alt-Linker einst zum Studium aus Rheinhessen nach Berlin kam, gibt der Handlung mit seinem liebevoll-ironischen Blick auf das vergangene Berlin als Zeitkapsel innerhalb der sich abkapselnden DDR den letzten Schliff.
Was sich liebt, das neckt sich. Sollten Anna, Thomas oder beide wieder ermitteln, bin ich dabei; denn die schnoddrigen Ermittler, die zunächst wie Hund und Katze miteinander umgehen, sind mir in Bielefeld-Hartliebs erstem Krimi ans Herz gewachsen.