Chaos, Rechtlosigkeit, Willkür – mit einer Mischung aus Humor und Sarkasmus beobachtet Naipaul minutiös und ziemlich abgeklärt, wie Beamte, tausende von Kilometern weit weg vom Zentralstaat, Ordnung und Struktur auf der Insel Trinidad zu schaffen versuchen, die erst spanisch, dann englisch kolonisiert war. Und dabei selbst den Verführungen der Willkür erliegen, ihre Werte verlieren – oder daran zerbrechen, sie durchzusetzen zu versuchen.
Sehr erheiternd schildert Naipaul, wie die Spanier am Anfang ihre Ordnung durchzusetzen versuchen, und der „cabildo“ (eine Art Gemeinderat) der damaligen Hauptstadt St. Joseph ihnen mitteilt, sie hätten nicht einmal eine Kiste, in der sie offizielle Dokumente verwahren könnten, und auch keine Werkzeuge oder Fertigkeiten, eine solche herzustellen.
Richter kommen und gehen; sie können Recht und Gesetz nicht durchsetzen oder gar nachhaltig etablieren.
Eine Zeitlang setzen Gefängniswärter und Gouverneur gemeinsam ihre seltsame, brutale Ordnung durch. Es wird gefoltert, vergiftet, hingerichtet. Kein Mensch weiß, nach welchen Gesetzen. Jahrzehnte lang wird nicht entschieden, ob auf Trinidad englische oder spanische Gesetze gelten, und es gilt letztlich das Recht des Stärkeren.
Die Kolonialmacht ist nackt, und Naipaul zeigt ihre Nacktheit in allen Facetten der Hilflosigkeit, Gleichgültigkeit, Vernachlässigung, Inkompetenz. Wie der spanische König so gerne schreibt: „No hay che risponder“ – es gibt nichts zu antworten. Egal, wie dringlich die Klagen und Bitten sein mögen. Sie ist nicht wichtig genug, im Weltreich, diese kleine Insel mit ihren verkommenen Siedlern und ihren erst gefährlichen, dann durch Ausbeutung und Alkoholmissbrauch unschädlich gemachten Ureinwohnern.
Eine sehr interessante, eindringliche Blaupause auf das, was uns womöglich erwartet, wenn nach Zusammenbrüchen der Zentralstaaten (derzeit noch außerhalb Europas) die Anarchie einkehrt. Der Kampf von Faktionen, größenwahnsinnigen Individuen, Banden, und die Instrumentalisierung der Bevölkerung.
Die Irrationalität des Ganzen, der meisten Akteure, ist wirklich beeindruckend. Das herauszuarbeiten, ist vielleicht die größte Stärke dieses Buchs, die Macht von Fantasien, Skripten, Wünschen, Mythen; wie sehr diese das Agieren von vielen bestimmen und (meist) ins Nichts führen. Eldorado – der Mythos, dem Raleigh erliegt. Die Revolution, das Volk, das frei sein will (was auch immer das bedeutet) und sich erhebt – das Ideal, dem Miranda erliegt.
Der gute Staat, der Menschenrechte durchsetzt – das Ideal, das durchzusetzen für einen der Gouverneure zur tödlichen (und desillusionierenden) Obsession wird.
Die Realität der Sklaverei und ihre Brutalität, aber auch das wirtschaftliche Interesse daran, überrollt die Idee während der französischen Revolution neu formulierten Menschenrechte gnadenlos. Die Mittel, sie durchzusetzen, fehlen. Der Wille sowieso – der einzige Gouverneur von Trinidad, der von den damals neuen Ideen durchdrungen ist, kapituliert sofort. Die Abschaffung der Sklaverei auf Trinidad würde eine Revolution bedeuten, und alternative Wirtschaftsmodelle / Geschäftsmodelle erfordern. Dafür fühlt sich der Idealist und Verwaltungsbeamte aber nicht zuständig.
Vor den Sklaven haben natürlich alle Angst, sie bleiben für die Herrschenden eine gesichtslose Masse, die unterdrückt werden muss, um der Ordnung willen.
Auch sie leben übrigens in ihren Fantasien, die einige (buchstäblich) den Kopf kosten – Könige und Hofstaat zu haben und entsprechende Beziehungen zu pflegen, und sich mit Hoffnungen auf Revolution und Rache (völlig unausgereift) über Wasser zu halten.
Und natürlich gibt es ehemalige Sklaven, die, einmal frei gekommen, selbst Sklaven halten. Der Folterknecht des Gefängnis-Aufsehers, ein Schwarzer und selbst Sklave, hat keine Schwierigkeiten damit, seinesgleichen zu foltern oder zu töten.
Am Ende geht Naipaul noch kurz auf die Auswirkungen der gewalttätigen Sklavenhalter-Gesellschaft auch auf die Freien und ihre Beziehungen ein – die durch die Gewalt ebenfalls vergiftete ist. Ich fasse zum Schluss noch seine Schilderungen der Auswirkungen auf den Umgang mit Kindern zusammen:
Die Gewalt wird ritualisiert: Verprügelte Kinder gelten als „gesegnet“, der Gewalttäter als „Gesandter“, „Segnender“, der während des Gewaltexzesses quasi in „heiliger“ Trance sei, und dem mit Ehrfurcht zu begegnen sei. Das Kind bekommt danach was Süßes. Und: „Menschen stehen einander näher nach einer Segnung“.
„Das Drama der Auspeitschungen auf den Plantagen wird hier in einen Traum von Gemeinschaft umgewandelt. In den nächtlichen Königreichen der Sklaven spielte der „große Richter“, der in der Nacht straft wie bei Tag der Aufseher, eine wichtige Rolle.“
Tja, so geht's zu bei Menschheits. Besser, man weiß es.