Postcolonial Bergson: Vitalismus gegen koloniale Starre
Souleymane Bachir Diagnes „Postcolonial Bergson“ untersucht die überraschend einflussreiche Aufnahme der Philosophie Henri Bergsons (1859–1941) in anti- und postkolonialen Denktraditionen. Das Buch zeigt, wie Bergsons Konzepte von Zeit, Dauer (durée) und Lebenskraft (élan vital) zu intellektuellen Werkzeugen wurden, mit denen koloniale Logiken der Stagnation, der Mechanisierung und der Determinierung herausgefordert wurden.
Bergsons Vitalismus als Gegenprogramm zur kolonialen Logik
Im Zentrum steht die Frage, wie Bergsons dynamisches, kreatives Zeitverständnis politisch fruchtbar gemacht wurde – insbesondere in Kontexten, in denen koloniale Herrschaft auf der Behauptung kultureller und historischer Erstarrung beruhte.
Léopold Sédar Senghor und die Négritude:
Diagne zeigt, wie der senegalesische Dichter und Präsident Léopold Sédar Senghor Bergsons Betonung von Intuition, innerer Dauer und lebendiger Erfahrung nutzte, um das philosophische Fundament der Négritude zu legen (Kapitel 1). Bergsons Denken half ihm, eine afrikanische Essenz gegenüber der mechanistischen, rationalistisch verengten europäischen Zeitauffassung zu formulieren. Senghors Afrikanischer Sozialismus (Kapitel 2) erscheint so als Versuch, eine soziale Ordnung zu schaffen, die dem élan vital wie auch einer spezifisch afrikanischen, spirituell aufgeladenen durée gerecht wird.
Iqbal und die islamische Reform:
Einen zweiten Schwerpunkt bildet Muhammad Iqbal (Kapitel 3). Diagne arbeitet heraus, wie Iqbal Bergsons Idee der kreativen Evolution heranzog, um den islamischen Begriff des Ijtihad – der unabhängigen, schöpferischen Vernunftanstrengung – neu zu beleben. Dies wird als philosophischer Gegenangriff auf fatalistische Interpretationen (Kapitel 4) verstanden, die politische und soziale Erstarrung begünstigten und so koloniale Herrschaft stabilisierten.
„Postcolonial Bergson“ ist ein unverzichtbares Buch für alle, die Philosophiegeschichte als politisch wirksame Kraft begreifen. Diagne zeigt eindrucksvoll, wie Bergsons scheinbar abstrakte Metaphysik für Intellektuelle des globalen Südens zu einer Waffe wurde – gegen die logischen, temporalen und kulturellen Rechtfertigungen westlicher Hegemonie und für die Imagination einer befreiten Zukunft in der Zeit (durée).