Polen, Tschechen, Slowaken, Russen, Ukrainer, Kroaten, Bosnier, Serben – sie alle und noch einige weitere Völkerschaften werden als "Slawen" bezeichnet. Was aber haben diese rund 250 Millionen Menschen über die Verwandtschaft ihrer Sprachen hinaus gemeinsam, was verbindet sie? Eduard Mühle schildert knapp und fundiert die Geschichte der slawischen Bevölkerungsgruppen vom 6. bis zum 20. Jahrhundert und stellt dabei sowohl das realhistorische Phänomen als auch die imaginierte Gemeinschaft vor, die bis heute zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird.
Ich habe das Buch vor Jahren gelesen und für schlecht befunden. Nach erneuter Lektüre hat sich das Urteil nicht nur bestätigt, sondern sogar verschärft.
Dieses Buch ist (englische Werke miteingeschlossen) das schlechteste Einführungswerk zu den Slawen.
Es ist im Grunde nichts weiter als Wikipediawissen, das jedoch stark durch das Weltbild und die persönliche Ansicht des Autors gefärbt ist. Wer dieses Werk verinnerlicht und dann auf die Masse an tiefgreifender Literatur zu den Slawen freigelassen wird, wird sich schwerer zurechtfinden als wenn er es ohne die Lektüre dieses Buches getan hätte.
Es folgen 10 Kritikpunkte, im Anschluss Positives am Buch, sowie das Fazit.
1. Es ist unsinnig, ein etwa 130 Seiten langes Buch zu den Slawen mit dem Titel "Die Slawen" zu schreiben. So etwas kann nur schiefgehen. Und deshalb ist es konkurrenzlos. Es gibt faktisch keine anderen Einführungswerke, die behaupten, in das Thema "Die Slawen" einzuführen. Deshalb darf es als das schlechteste Einführungswerk zu den Slawen verstanden werden.
2. Der Autor weigert sich, von "den Slawen" zu sprechen. Die meisten dürften sich aber bewusst sein, dass kein Volk, keine Ethnie, keine Gruppe 100% einheitlich ist. Wenn man "die Slawen" oder "die Deutschen" liest, stellen sich die wenigsten eine Gruppe exakter Klone darunter vor. Nach dieser Logik dürfte man auch nicht von "den Deutschen", "den Linken", "den Arbeitslosen", oder anderen Gruppen sprechen. Der Autor geht hier deutlich weiter als bloß ein Klischee zu benennen.
2.1 Das slawophile Bild - der Slawe als orthodoxer, bodenständiger, anständiger, frommer und gänzlich guter Mensch ist tot. Das Klischee der Slawen: Männer als hockende Alkoholiker, Frauen als blonde Models ist ein viel schädlicheres und vor allem noch lebendiges Problem.
3. Der Autor teilt sich ein Problem mit einem sehr ähnlich denkenden Archäologen - Curta (wenig überraschend taucht er auch im Literaturverzeichnis auf). Beide stellen unrealistische und schlichtweg unsinnige Anforderungen an die vormordernen Bevölkerungen. Es wird faktisch nicht nachprüfbar sein, ob sich Bauer Nowak im 13. Jhd. als Slawe verstand oder nicht - ihm das aber abzusprechen, ist genauso falsch wie es ihm einfach zu unterstellen.
4. Nach Logik des Buches müsste jede ethnische Gruppe die vormodern und/oder supranational ist, für nichtig erklärt werden. Das gilt dann bspw. auch für die Araber. Das Problem: Der Autor sieht und bewertet aus westlicher Perspektive und ist deshalb gar nicht in der Lage, das Thema von innen heraus zu verstehen. Pole und Slawe schließen sich genauso wenig aus wie Ägypter und Araber. Und wenn Jan Nowak sich als Pole vorstellt, heißt das nicht automatisch, dass er sich nicht auch als Slawen sehen kann.
5. Kapitel V.1 und V.2 widersprechen den Quellen, ohne überzeugende Gegenargumentation. Zudem werden bloße Spekulationen und Behauptungen als quasi schon längst belegte Fakten dargeboten.
6. Die Aussage die slawische Mythologie habe sich grundlegend von der griechischen, römischen und germanischen unterschieden ist sehr wahrscheinlich und wird von so ziemlich allen Quellen gedeckt. Mühle geht aber weiter und formuliert, dass "die späte Vermenschlichung der slawischen Gottheiten [...] als Reaktion auf die Herausforderungen des Christentums gedeutet werden [MUSS]". Naheliegender wäre ein Ahnenkult. Man kann aber natürlich auch annehmen, dass es slawische Gottheiten gab, die dann später als Reaktion vermenschlicht wurden. Das bliebe dann aber noch zu beweisen. Stören tut darüberhinaus der bestimmende Klang in diesem Beispiel (gedeutet werden >muss<). Sowas kann man sich bei sehr sicheren Punkten erlauben, aber hier mindert eine solche Formulierung die Wissenschaftlichkeit.
7. Das Werk ist sehr bestimmend (wie eben gesehen). Das ist dem Umstand geschuldet, dass einem Narrativ - nämlich der Ansicht des Autors - gefolgt wird und somit kein Raum für Interpretation, Forschungsfragen, oder Ungewissheit besteht.
8. Vollkommene Banalitäten werden als große Erklärung angepriesen. Der Fremdheitsgrad hat Einfluss auf die Benennung. Am Anfang konnte man die Bewohner Krakaus den Slawen zuordnen, im 11. Jhd. wusste man, dass sie Polen sind - prima. So wie ich am Anfang meine syrischen Mitschüler als Araber identifizieren konnte, und mit der Zeit dann als Syrer. - Macht die Polen weder zu Nicht-Slawen noch die Syrier zu Nicht-Arabern.
9. Das Buch endet mit der Behauptung, dass die Wiederbelebung der slawischen Idee unwahrscheinlich sei, der Historiker sich aber mit Vorhersagen tunlichst zurückhalten solle. Der Historiker sollte sich bei diesem Buch bei was ganz anderem und ganz vielem zurückhalten. Bei so vielem, dass das Übersehen der zeitgenössischen slawischen Bestrebungen (Serbien, Neojugoslawen, Panslawisten in Russland, Neopagane Slawische Gruppen bei den Wagner-Söldnern, Aufleben des Slawentums im Internet und Unterhaltungbranche, Interslawisch, etc.) nur noch wenig überrascht.
10. Schon gleich zu Beginn stempelt er die Slawen als bloße Sprachgruppe ab, indem er die Selbstbezeichnung der Slawen als Sprachgruppe interpretiert (wage These nach welcher Basken und Albaner auch nur Sprachgruppen wären). Solche gewagten Thesen oder vollkommen deplazierten Einwürfte die in einem einführenden Werk überhaupt nichts verloren haben, finden sich aber des Öfteren (bspw. bzgl. der iranischen Herkunft der Anten). Der Grund ist recht simpel: Sie sollen die Ansicht, die der Autor vertritt, stützen. Das schmälert den wissenschaftlichen Nutzen sowie den Lernfaktor bei Einsteigern enorm.
Bei aller Kritik möchte ich doch auch noch etwas Positives hervorheben. Immerhin erwähnt der Autor, dass die Idee eines "slawischen Volkscharakters" (hier sind die Anführungszeichen korrekt) vor allem durch die Deutschen Schlötzer und Herder entstand. Was ziemlich paradox ist, wenn man bedenkt, dass eben jener "slawische Volkscharakter" ein zentraler Bestandteil der anti-westlichen Slawophilen in Russland gewesen war. Ebenfalls positiv ist der Umstand, dass der Autor mit dem längst widerlegten Bild eines panslawistischen Zarenreichs aufräumt. Im Allgemeinen sind die Kapitel zur neuzeitlichen Epoche deutlich stabiler. Würde das Buch nur die Neuzeit umfassen, dort ausführlicher sein und den Titel "Die slawische Idee in der frühen Neuzeit" oder so ähnlich tragen, würde ich keine so lange und negative Rezension verfassen - es hätte sogar das Potenzial ein gutes Buch zu sein (retrospektiv betrachtet sogar etwas traurig). Laut dem Wikipediaeintrag von Eduard Mühle hat dieser Neuere Geschichte studiert, wechselte dann aber zur Mittelalterlichen Geschichte.
Fazit: Ich könnte noch mehr Punkte aufzählen, befürchte aber, dass dann diese Rezension länger als das Buch selber werden könnte. Deshalb pausiere ich lieber. Für wen ist das Buch? Für Einsteiger ungeeignet und für bereits Bewanderte (meistens) unbrauchbar. Das meiste weiß man i. d. R. bereits, einzelne Verweise auf Quellen können interessant sein, wenn man den vom Autor aufgedrückten Stempel ignorieren kann.
Was gibt es für Alternativen? Ich empfehle, in sich zu gehen und sich wirklich zu fragen, wofür man sich interessiert, und dementsprechend konkretere Einführungen zu suchen - Sprache, Epoche, einzelnes Volk, etc. Will man ein allgemeines, möglichst alle Epochen und Völker abdeckendes Kompositum, so muss man sich bei den Überblickswerken umschauen, bspw. Roger Portal.