“Ich weiß, daß ich nicht weiß.“
“Now, what I want is, Facts. Teach these boys and girls nothing but Facts. Facts alone are wanted in life. Plant nothing else, and root out everything else.”
Diese zwei Aussprüche, der erste dem unbequemen Philosophen Sokrates zugeschrieben, der zweite dem zwar wohlmeinenden, aber engstirnig utilitaristischen Prinzipien verpflichteten Schulmeister Thomas Gradgrind von seinem Schöpfer Charles Dickens in den Mund gelegt, umreißen treffend das Spannungsfeld geistiger Strömungen, in dem der belgische Psychologe Mattias Desmet den Schlüssel zu den technokratisch-totalitären Entwicklungen verortet, die wir spätestens seit den Erfahrungen in der „Corona“-Bekämpfung nicht mehr übersehen können.
Auf der einen Seite hat mit der Renaissance eine Hinwendung des Menschen weg von einer auf Dogmen beruhenden, überkommene Autoritäten in Frage stellenden Religion zu einer skeptischen und aufklärerischen Weltsicht begonnen, die Auge und Geist für die Gesetzmäßigkeiten in der Natur eröffnete und das Subjekt mit der Macht eigenständigen, aber dabei gewissen Methoden folgenden Erkennens ausstattete. Nicht länger war der Einzelne den Unbilden und Launen der Natur unterworfen, sondern die Menschen konnten ihr neugewonnenes Wissen nutzen, um die sie umgebende Welt in einem vorher nie dagewesenen Maßstab zu gestalten und zu verändern. Dabei brachte sie aber auch unerwünschte soziale und psychische Nebenwirkungen hervor, die sie auf der anderen Seite am Ende dazu brachte, mehr und mehr, auf Kosten der anfänglichen Skepsis, einem Bild der Wissenschaft zu vertrauen, das sich – unter anderem infolge des aufkommenden Mechanik- und Meßbarkeitswahns und des Kultes um Zahlen und Statistiken – zusehends verengte und in einen naiven Fortschrittsglauben und Machbarkeitswahn mündete.
Desmet sieht in der letzten Entwicklung, im Verein mit der Entstehung von Massengesellschaften, d.h. Gemeinwesen, in denen traditionelle Bindungen eine immer geringere Rolle spielen bzw. gänzlich absterben, den Ursprung für die Zunahme des Potentials totalitärer Herrschaft, die heute nicht mehr von einzelnen Führern, sondern von ausufernder, jeglichen Lebensbereich durchdringender Büro- und Technokratie ausgeübt wird. Die bürokratische Durchdringung selbst des privaten Lebens, ursprünglich sicher von guten Absichten wie der Gewährleistung von Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit getragen, trägt zur Vereinzelung des Menschen bei, indem sie alle Bindungen bis auf die an den Staat auflöst. Gleichzeitig reduziert ein mechanistisches Weltbild, in dem alles, was nicht in Zahlen oder in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zu fassen ist, keinen Platz mehr hat und der Lächerlichkeit preisgegeben wird, den nunmehr sinnentleerten Menschen auf eine Entität verengt, die gänzlich durch biochemische Vorgänge zu erklären ist. Sehr gut – und dies ist eines der Hauptbeispiele, auf die Desmet immer wieder zurückkommt – sieht man diese Entwicklung an der „Corona“-Politik, in der das gesamte soziale Leben und all das, was den Menschen ausmacht, auf den Aspekt der Infektionsvermeidung reduziert wurde, während das Bedürfnis nach Gemeinschaft mit anderen ignoriert, ja sogar als Zeichen von unverantwortlichem Egoismus gelesen wurde. Von den Taktiken, Menschen gezielt durch Ängste zu steuern, und der Verachtung, die man gegenüber der individuellen Freiheit des Menschen entgegenbrachte, muß an dieser Stelle gar nicht erst geredet werden.
Immer wieder rekurriert Desmet bei seiner Analyse auch auf klassische Literatur wie Gustave Le Bon oder Hannah Arendt, deren umfangreiches Werk über totalitäre Herrschaft ich im Verein mit Erich Fromms Die Angst vor der Freiheit dank der Zeitreserven, die die „Corona“-Beschränkungen freisetzten, lesen konnte. Dabei scheint er aber davor zurückzuscheuen, die Verantwortlichen für die Zunahme totalitärer Denk- und Handlungsmuster in heutigen Gesellschaften zu benennen, was er unter anderem damit begründet, daß es zu leicht und auch zu gefährlich sei, Verschwörungstheorien anheimzufallen. Warum will er an dieser Stelle den Elefanten eines supranationalen Kapitalismus, im Falle „Coronas“ der Pharmaindustrie, der wohlig grinsend im Raume steht, nicht sehen? Und auch nicht die Politiker, die ihre Bürger immer mehr als zu betreuende Mündel sehen, die es mit Angstnarrativen zu steuern gilt, damit sie ihre Interessen denen einer neu zu schaffenden, „besseren“ Gesellschaft unterordnen – und dabei nebenbei die Machtbefugnis der sie Regierenden stetig ausweiten, bis sie ihnen widerstandslos das Feld im Bemühen um die aktive und eigenverantwortliche Gestaltung ihrer Zukunft überlassen?
Andererseits ermutigt Desmet aber immer wieder zum Wahrsprechen im Gegensatz zum Gebrauch der Rhetorik, die immer dann angewandt wird, wenn es gilt, Menschen von etwas zu überzeugen, das man selbst nicht recht glaubt. Auch wenn Brandolinis Gesetz entmutigend wirkt, ist es doch immer noch die Pflicht unserer eigenen Würde und Freiheit gegenüber, offenkundigen Bullshit als solchen zu kennzeichnen, gegen ihn zu argumentieren und nicht der Hauptfunktion der Propaganda gegenüber die Waffen zu strecken, die nicht etwa darin besteht, Menschen dazu zu bringen, etwas Absurdes zu glauben, sondern sie zu demütigen, indem sie sie dazu zwingt, bei Strafe sozialer Ächtung oder Schlimmeren, den Bullshit unwidersprochen zu schlucken.
Alles in allem öffnet Desmet seinen Lesern die Augen für die Komplexität einer Welt, die sich nicht mit dem Instrumentarium der selbst zum Kult gewordenen mechanistischen Wissenschaft fassen läßt, für die Vielfalt wissenschaftlichen Denkens, die in der „Corona“-Krise und auch in anderen modernen Krisen durch die Verwendung des simplifizierenden Schlagwortes Follow the Science systematisch geleugnet wurde und weiterhin wird, sowie für die Notwendigkeit, sich nicht der schweigenden Mehrheit anzuschließen, sondern die eigene Stimme respektvoll, aber dezidiert gegen technokratisch-totalitäre Bestrebungen zu Gehör zu bringen.