Den Lambda Award für Gay Men's Mystery hat Nava für seinen fünften Mordkimi um den Chicano-Strafverteidiger Henry Rios in Los Angels erhalten, fürs nachfolgende, um einiges dickere „The Burning Plain“ nicht. Aber es steht außer Frage, dass das spätere Buch das bessere wurde. Schlecht ist aber auch dieses hier nicht.
Für mich war es gerade mal das zweite Rios-Buch, das ich kurz nacheinander gelesen habe. (Vor zwanzig Jahren hatte ich die ersten drei gelesen, dann aber ziemlich vergessen.) An so einem Punkt beginnt sich entweder der süchtige Durst auf Serie einzustellen oder es fallen einem beim Vergleich zum ersten Mal die sich wiederholenden Schwächen eines Autors auf.
In der Tat war ich nicht ganz so glücklich, als schon wieder Polizisten eine wesentliche Rolle spielten, die sich früh auf den falschen Verdächtigen festgelegt hatten und ihn mit illegalen Methoden fertig zu machen versuchten. Und wieder fand ich die doppelte private Verwicklung von Rios sowohl zur Seite seines Mandanten hin wie zu der von möglichen Tätern eher unglücklich und unglaubhaft. Es fehlte die elementare Wucht von „The Burning Plain“, bei dem der Anwalt es sich mit der Macht der selbstherrlichen Filmindustrie Hollywoods zu verderben scheint, das gesamte L. A. als Tal der Verdammten gesehen wird, während hier zwar am Anfang bei einer Erdbeben-Katastrophe eingesetzt wird, das Ganze aber zügig auf eine kleine, schäbige Familienaffäre zusammenschnurrt.
In beiden Büchern geht es, anlässlich von Henrys Ex-Lover Josh, um AIDS auf eine ergreifende Weise. Wobei, wenn man den sechsten vor dem fünften Fall gelesen hat, man sich die Augen reibt, wie solidarisch Joshs Familie, die Henry im nächsten Buch zusetzen wird, durch dieses Buch segelt. Gut, der Autor hat sich weiter entwickelt, ist doch gut, mag man denken.
Ein bisschen kommt mein „Verdacht der Weiterentwicklung“ auch für den Konstruktionsplan des Romans auf. Kann es sein, dass Nava eine Menge davon geschrieben hat, ohne wirklich schon zu wissen, wie er den Sack irgendwann zumachen wird – und dass ihm dann ein qualitativ abschüssiger Schlussteil eingefallen ist? Den er mit länglichen Aufschüben über Verfahrenstricks in richterlichen Anhörungen und allerlei Hakeligkeiten androhenden Zeugenbefragungen zu kaschieren versucht, wobei die gut vorbereiteten Zeugen nach dem Ziehen eines Häsleins aus dem Zylinder schlagartig entbehrlich werden.
Auch trifft zu, was ich bei „Burning Plain“ monierte, dass, wenn man sich als Leser zwischendurch die Frage stellt, wer, wenn nicht Mister Unbekannt, kann's von den vorgestellten Figuren überhaupt gewesen sein, wenn es nicht etwa die Polizei, Henry Rios, sein Freund oder doch der Mandat, dessen gutes Herz Rios, als Ich-Erzähler, genug oft beteuert hat, waren. Da bleiben nur zwei Häuser übrig und in ihnen je zwei Menschen. Besonders viele sind das nicht. Wo der Schluss-Twist wieder einmal darauf hinweist, dass Nava einiges vom schwulen L.A.-Vorbild Joseph Hansen gelernt hat, muss schon gesehen werden, dass Hansen sich um dieses Genreproblem mehr sorgt. Er führt mehr fragwürdige Charaktere ein und er bringt die Leben und Vorleben seines Personal dem Leser näher als Michael Nava, der nur über eine von vier Figuren wirklich viel verrät.
Es geht um einen ehemaligen Stricher, dem die Chance gegeben wurde, zum Lebenspartner und Universalerben eines Richters zu werden, den und dessen Gattin Rios noch vom Zusammenleben als Studenten in San Francisco her kennt. Peinlicherweise wusste die Ehefrau bis vor Kurzen nicht, dass der Mann versteckt schwul war (Motiv), während es Henry schon immer wusste und ihr, mit der er vormals seinem Alkoholismus nachgegangen war, verschwieg. Der Richter wurde bei Überstunden, nachts im Büro, mit einem Obelisken aus Stein, einer Auszeichnung für Pflichterfüllung, erschlagen. Und wie das Leben, vor allem in Büchern des erwähnten Joseph Hansen gerne spielt, waren, sehr zufällig, vor und nach der Tat eine überraschend große Zahl von Personen in Hochhaus, Lift und in der Tiefgarage zu Gange, die einander teils sahen, teils nicht. Unter anderem der von der Polizei gesuchte Ex-Stricher, der Henry zuerst engagiert, dann die Flucht ergreift.
Mein Text hat sich vielleicht negativ angehört. Fragen wir uns, was man an den Rios-Büchern mag. Nun, auf jeden Fall, dass er nicht nur hypothetisch blitzsaubere Queer-Figuren konstruiert, sondern auf dem Schirm hat, dass queeres Leben in diverse, sich zum Teil sogar bekriegende Lifestyles zerfällt. So erfahren wir, dass der in seine Vierziger hineingehende Rios auf deutlich jüngere, wie schutzbedürftig wirkende Burschen abfährt, sexuell dann der aktive Partner ist, dass er in der allgemeinen Lebensführung allerdings bürgerlich, ordentlich, gemeinschaftsorientiert ist, etwas langweilig und humorlos. Wann immer von Straßenstrich, Ficken ohne Gummi, Pornografie die Rede ist, zuckt Rios zurück. Er konnte sich nie mit dem promiskuitiven Männerhopping des Richters anfreunden, sondern, wenn es für ihn einen gab, wie jetzt Josh, hatte niemand sonst eine Chance.
Vor allem überzeugt immer die sorgfältige Durcharbeitung der Nava-Bücher, wo – Ausnahme oben angedeutet – Überflüssiges gestrichen wurde, wo die Sprache makellos ist, wo mit dem Leser fair umgegangen, um Plausibilität und Realismus gerungen wird. Wir haben es mit einem seriösen Autor zu tun, keinem Schlamper, Showman oder Hexenmeister.
Anmerkung: Gibt hier in Goodreads auch eine Abbildung der deutschen Übersetzung „Todes Nähe“ - und sogar den Autornamen Nava dazu, aber wenn ich das dort einstelle, gibt es keine andere Review und keine weiteren Sternewertungen fürs Vergleichen. Darum hier, gelesen habe ich deutsch, „The Burning Plain“, wo ich den deutschen Titel zeigte, dagegen englisch.