Fromm geht aus von der Gefahr eines Atomkrieges im Kalten Krieg und möchte zeigen, dass Kriege zwar Interessen folgen und in gewisser Weise selbsterfüllende Prophezeiungen sind, also mitnichten allein subjektiven "Plänen" einzelner Individuen folgen, sondern dass diese auf die Leidenschaften, den Hass auf andere, die Empörung wie die Bereitschaft zur Destruktivität der ihnen folgenden Massen angewiesen sind. Hitler und Stalin kommen also als psychisch gestörte Persönlichkeiten vor, aber den Autor interessiert weniger das Offensichtliche als vielmehr die "Banalität des Bösen", also die Frage nach den Gründen für Opportunismus und Mitläufertum. Das macht das Buch aktuell und viele der hier begründeten Befunde sind bis heute gültig.
Dabei geht Fromm vom Frustrationspotential moderner Massengesellschaften aus, das sich in Projektionen auf Rasse oder Nation in einen kollektiven Wahn aufheben kann. Dabei wären es die unproduktiven Menschen, die ihrem Leben keinen Sinn geben können bzw. denen zur Sinngebung die Möglichkeiten genommen wurden, die in einer Gruppenidentität aufgehen und sich die Ziele anderer zu eigen machen. In diesen Zusammenhang stellt er seine Überlegungen zum Todestrieb bzw. seinem Gegenteil. Den Todestrieb sieht er am Werk, wo Menschen Mittel für andere Zwecke werden bzw. sich zu solchen machen lassen. Letzteres könne gelingen, weil das Überleben der Gruppe vom bewusst angenommenen Opfer der Gruppenmitglieder abhänge, was diesem Opfer einen über das Individuelle hinausweisenden "Sinn" verleiht, an dem sich die sonst ohne einen solchen vegetierenden Unproduktiven festhalten können. Dementsprechend ist der Trieb das Leben zu bejahen, produktiv, an Lösungen orientiert, weshalb er sich oft nur als Gegensatz zu anderen durchsetzt. Damit ist die Lebensbejahung wesentlich individuell, da es kein "Leben der Massen" (das sei eine bloße Abstraktion) gäbe. Massen würden nur verwaltet, wozu es der modernen Bürokratie bedarf, in der Menschen zu statistischen Zahlen (Eichmann) degradiert und so zu Dingen gemacht werden. Hier lässt das Verdinglichungs-Theorem des frühen Lukacs grüßen und zeigt seine Produktivität.
Psychoanalytisch fasst Fromm hier die Bedingungen zusammen, die das Aufgehen eines persönlichen Narzissmus in einen Gruppennarzissmus (Wir sind die Besseren!) ermöglichen, wobei er das nicht nur negativ sieht: Produktiv würde dieser Vorgang, wenn die Gruppe erweitert und auf das Menschheitskollektiv ausgedehnt würde, zu dessen Bestem zu arbeiten ebenfalls ein Sinnangebot wäre. Dann wäre das Ziel meiner Selbstprojektion nicht mehr "die Partei" oder "die Nation", sondern "die Menschheit" und die Führung wären nicht mehr Hitler, Stalin oder Trump, sondern kollektive Entscheidungsgremien der UNO. Und in der Tat: Aufgaben, die nur kollektiv zu lösen sind, fänden sich heute eher mehr als zu Fromms Zeiten. Freilich bleibt die Vision utopisch, denn auch Fromm kann hier nur anbieten, was schon immer versagt hat und heute mehr denn je versagt: Die Schule müsse der Jugend konsequent mehr wissenschaftliche Bildung vermitteln. (101) Je nun...
Die vorgeführte psychoanalytische Herangehensweise in Teil I ist trotzdem unaufdringlich und durch eine konsequent ins Gesellschaftliche gewendete Sichtweise in großen Teilen produktiv, zeigt sie doch Wege, das Individuelle mit dem Kollektiven zu verbinden bzw. eins durch das andere zu erklären. Im Teil II hingegen nervt die Überbetonung der Rolle der "Mutterbindung" bei der Hervorbringung deformierter Charaktere. Ich meine, über diesen Punkt sind heutige Ansätze sowohl der Sozialisations- wie der Hirnforschung hinaus. Stark wird der Text erst wieder gegen Ende. Hier widmet sich Fromm dem Problem der Willensfreiheit. Es gelingt ihm zu zeigen, dass die Frage nach der "Freiheit der Wahl" an sich schon falsch gestellt ist. "Das Böse" kann nicht banal sein, weil es dieses Abstraktum der abendländischen Philosophie in dieser Form nicht gibt. Vielmehr gäbe es nur konkrete Handlungen, die Schritt für Schritt in die eine oder andere moralische Richtung führen, wobei es an neuralgischen Punkten immer die Möglichkeit zu Umkehr gäbe, diese Möglichkeiten aber mit dem Fortschreiten in eine bestimmte Richtung immer weiter abnehmen. Dabei gäbe es immer Menschen, die eine Freiheit der Wahl in einem höheren Maße haben (Reichtum) als andere, die sie oft einbüßen mussten (Armut). Insofern sind die Passagen eine zutreffende Kritik an Sartres Freiheitsbegriff, den Fromm als "bürgerlich" charakterisiert, weil er von den unterschiedlichen sozialen Lagen gänzlich absieht und sich absolut setzt, wo er doch relativiert werden müsste. Kurz: Mit einem modernen Wort gefasst entwickelt Fromm hier unausgesprochen eine Theorie der Pfadgelegenheiten und der Pfadabhängigkeiten. Meine Oma hätte gesagt, es ist die "schiefe Bahn", auf die Menschen geraten, deren Leben auch anders hätte verlaufen können, wenn die Bedingungen andere gewesen wären. Das psychologische Moment der Nekrophilie, der Mutterbindung oder eben des Narzissmus käme nur hinzu und erklärt die Dispositin des Einzelnen, in der Tendenz eher so als anders zu entscheiden. Insgesamt bleiben die Determinanten aber gesellschaftlich bestimmt.
Logisch muss der Text also mit einer Auseinandersetzung mit dem Determinismus enden. Kann der Mensch frei entscheiden, wenn er durch Triebe "beherrscht" wird (Freud)? Ist er frei in seinen Entscheidungen, wenn er doch "Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse" ist? (Marx) Ja, er kann, denn der Mensch lebt sein Leben im Widerspruch zwischen Determination und Indetermination. Er kann sich seiner psychotischen Abhängigkeiten bewusst werden, wozu Freud ihm verhelfen wollte, und sein Leben ändern. Und er kann sich seiner klassengebundenen Begrenzungen (Ideologie) bewusst werden und die Mechanismen gesellschaftlicher Entfremdung durchschauen, wozu Marx ihm verhelfen wollte. In diesem Zusammenhang stehen, fast als Fazit, treffende Sätze zum Wesen des Denkens von Marx, das den Psychiater und Analytiker inspiriert hat: "Er (Marx- F.S.) glaubte, daß die Irrationalität des einzelnen durch die Irrationalität der Gesellschaft, in der er lebt, hervorgerufen wird und daß diese Irrationalität selbst die Folge der Planlosigkeit und der Widersprüche in der ökonomischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit ist. Das Ziel von Marx wie auch das von Spinoza ist der freie und unabhängige Mensch. Aber um diese Freiheit zu erreichen, muß der Mensch sich der Kräfte bewußt werden, die hinter seinem Rücken agieren und ihn determinieren. Emanzipation erwächst aus Erkenntnis und Bemühung." (166) Damit ist der Joker freilich wieder beim Bildungswesen (gesellschaftlich) und bei der notwendigen Befreiung aus einer toxischen Mutterbindung (individuell). Das ist nicht ganz befriedigend, aber angesichts der Tatsache, dass uns Heutigen zu dem Thema auch nichts anderes einfällt, muss man es so hinnehmen bzw. die These zum Ausgangspunkt eigener Überlegungen machen. Schön wäre es, wenn die weiterführen könnten...
Wer sich also über individuelle Voraussetzungen für das Aufgehen von Menschen in Massenbewegungen Klarheit verschaffen und Einblicke in den Mechanismus des Gruppendrucks (wie auch des Widerstands) gewinnen will, dem sei das Buch empfohlen. Eine gewisse Vertrautheit mit der Psychoanalyse ist empfehlenswert, aber am Ende nicht Voraussetzung. Vielleicht kann man im Mittelteil etwas quer lesen, um am Ende wieder staunend vor dem stringenten Gedankengebäude zu stehen, dass der bekennende Humanist Fromm errichtet hat. Auf sein Buch trifft zu, was er über die Pfadabhängigkeit im Zusammenhang mit der Willensfreiheit ausgeführt hatte: Am Ende hat man keine Wahl mehr. Vom Ende her sind Fromms Gedanken zwingend, auch wenn die Wege zu seinen Denkergebnissen nicht ganz im "modernen Kleid" daher kommen. Die Lektüre ist auf jeden Fall ein Gewinn.