Was kann man noch sagen über ein dermaßen episches Werk, was nicht schon längst gesagt worden ist?
Die erste Hälfte hat den wilden Ritt des vierten Bandes fortgesetzt und einen wieder mitten ins Geschehen geworfen, rein an die Barrikaden, mitten in die Revolution. Dann sterben leider 50% der Protagonisten ziemlich schlagartig und grässlich und dann ... stoppt der wilde Ritt ziemlich abrupt, da die paar Lebenden dann entweder schwer verletzt oder völlig traumatisiert sind.
Die zweite Hälfte war das erste Mal, dass ich etwas von Hugo als "zäh" empfunden habe, aber ich glaube, das war vor allem der Kontrast. In Band 3 und 4 und in der ersten Hälfte von Band 5 passiert SO viel und so schnell und man kann gar nicht genug atmen vor lauter Luft holen. Und dann verlangsamt sich das Pacing so abrupt, dass es nun ja, fast zum Stehen kommt. Erst die lange Rekonvaslenz von Marius - die sehr schöne Aussöhnung mit seinem Großvater und dann die lange, ausgiebige Beschreibung von Marius und Cosettes Verlobung und den Hochzeitsvorbereitungen.
Nicht, dass ich den beiden das nicht von Herzen gegönnt habe!
Aber dadurch, dass das Thema des Buches eigentlich durchweg eine Sozialkritik war, ein bitteres Anprangern eines ungerechten Systems, dass Menschen aussaugt und ausblutet und das Schlechteste aus ihnen herausholt, wie ELEND es die Menschen macht und wie sehr es sie erniedrigt, und wie verzweifelt, schmutzig und hoffnungslos der tägliche Überlebenskampf der untersten der Unteren ist ... da fühlte sich das Schwelgen in Cosettes Aussteuer, ihrem Kleid, Marius Titel, das schwelgerische Fest, die Kutschfahrt, die Familiendinner etc etc irgendwie ... na ja, schal und unpassend an.
In gewisser Weise sind am Ende alle "Elenden" tot und Marius und Cosette finden sich reich und glücklich zusammen wieder und das fühlt sich ein bisschen an wie "am Thema vorbei". (Da muss ich tatsächlich den 2012 Film loben, wo die Hochzeit wirklich nur sehr kurz abgehandelt wird und der damit endet, dass alle sich im "Afterlife" an der Barrikade wiedersehen.)
Auch dass Gavroche, Eponine, Enjolras, Mabeuf, Courfeyrac und all die anderen die man so lange begleitet hat, mit denen man gelitten und gelacht und geliebt und mitgefiebert hat, plötzlich tot und ausgelöscht sind, und es so gar keinen Eindruck hinterlässt, dass sie verwehen wie Fußspuren im Sand, das fühlt sich schmerzhaft und ungerecht an.
Natürlich gibt es noch die dramatische Auflösung über Jean Valjeans wahre Identität und sein Endkonflikt mit Marius hat mir wieder sehr gut gefallen.
Der schönste Part war allerdings, dass ausgerechnet Thénardier (der Schlimmste Charakter unter einem Berg an schlimmen Charakteren), dass es ausgerechnet dieser amoralische Dieb, Gauner, Mörder, Betrüger, Kinderschänder ist, der am Ende Zeugnis ablegen kann über Valjeans wahre Natur. Dass ausgerechnet Thénardier der Zeuge ist, der die ganze Handlung begleitet und der als einziger fast alles weiß und auch weiß, wer Valjean wirklich ist, der das Geheimnis von M. Madeleine kennt und weiß was mit Javert geschah.
Das kam so unerwartet für mich und war deswegen umso genialer und eindrücklicher.
Wieso immer noch vier Sterne, obwohl ich am Ende so viel auszusetzen hatte?
Eben weil ich so viel auszusetzen hatte. Weil das Buch es geschafft hat dass mir all seine vielen Charaktere so ans Herz gewachsen sind, dass ich wirklich getrauert habe um ihren Tod, dass ich wirklich verärgert war über das Verblassen ihrer Spuren, dass es das Buch geschafft hat für eine Plakette in meinem Herzen zu errichten, auf der steht "Hier ruhen die Elenden".
Kudos M. Hugo. Kudos für dieses epische Meisterwerk.