Die nächsten zwanzig Essays sind geschafft…
Die SF ist schon ungerecht: Leute wie Niven und Pournelle verdienen sich dumm und dämlich, während es Aldiss, Brunner, Ballard und Disch (aus dem ersten Band) deutlich schlechter geht. Und Silverberg, der wirklich gut verdient hat, hadert damit, dass seine besseren Bücher nicht genug anerkannt werden. E.C. Tubb jammert in die andere Richtung und beschwert sich, dass “Dhalgren” von Delany (laut Tubb “ein Monument der Unlesbarkeit” (S. 114)) mit SF-Preisen ausgezeichnet wurde und es schwingt mit, dass er selbst gerne einen Preis gewonnen hätte.
Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Interviews: Da ist zum einen die mangelnde Anerkennung für die SF im Allgemeinen, die besonders schmerzhaft für anspruchsvollere SF ist und da ist zum anderen die schlechte Bezahlung für die Texte. Auch im Interview mit Christopher Priest wird dies ausführlicher analysiert. Beide Themen sind auch heute noch aktuell, sowohl das Problem der Preise, wie auch die mangelnde Bezahlung. Dabei war zumindest letztere zwischen 1979 und 1982, als die Interviews entstanden, wahrscheinlich noch besser als heute.
Ein paar Bemerkungen zu einigen der Interviews:
Ray Bradbury
Irritiert hat mich zuerst, dass das Interview einfach so anfängt, ohne die Beschreibung der Hintergründe und der Lokation, die es in den Gesprächen im ersten Band immer gab und die ich immer besonders interessant fand. Das wird allerdings im “Historischen Kontext” nachgeholt. Interessant ist, dass Platt zum Zeitpunkt des Bradbury-Interviews noch mit Harlan Ellison befreundet war. Dem ersten Band kann man entnehmen, dass sich dies deutlich änderte. Bradbury, der große Romantiker, schimpft auf das "kommerzielle Schreiben, das seelenlos für den Massenmarkt produziert wird: 'Das ist alles Dreck, alles Dreck'"(S. 7). Platt nennt Bradburys Weltsicht "schamlos romantisch" und optimistisch ist er auch - und nicht wenig von sich selbst und dem Erreichten eingenommen. Ok, er hat ja auch gute Gründe dafür, denn er hat auch wirklich viel erreicht. Noch ein schönes Zitat: "Krieg der Sterne - schwachsinnig, aber wundervoll, ein großartiger, dummer Film." (S. 22).
Frank Herbert
Hier gibt es wieder die beliebte Beschreibung des Autorendomizils, die ich im Bradbury-Interview vermisst hatte. Dann erfahren wir noch, dass "Dune" erst von zweiundzwanzig Verlagen abgelehnt wurde und bei der Kritik durchfiel. Aber Herbert glaubt an sich und ist auch ein großer Bastler und Ingenieur, der einiges entwickelt hat, vom Computer, über Sonnenkollektoren und Windturbinen bis zum Methangenerator.
Kate Wilhelm & Damon Knight
Dieses Interview entstand auf originelle Weise: Damon Knight, der die "Science Fiction Writers of America'' gegründet hat, und seine Frau Kate Wilhelm interviewten sich gegenseitig. Die Aufnahmen schickten sie dann an Charles Platt. Anfangs geht es viel ums Geldverdienen mit SF. Dann spricht Kate Wilhelm darüber, wie schwierig es für sie war: "Es ist viel schwieriger für eine Frau, Schriftstellerin zu sein, wenn sie auch verheiratet ist und eine Familie hat, als für einen Mann, der sich in sein Büro zurückziehen kann." (S. 53). Wilhelm ist überhaupt nicht zufrieden mit ihren Texten: "Wie Damon weiß und ich zuvor angedeutet habe, mag ich keines der von mir publizierten Werke" (S. 57). Sie bedauert, nicht schon zehn Jahre vorher mit dem Schreiben begonnen zu haben. Knight sagt noch, "dass jede Geschichte diesen Gedanken braucht, über den man unbedingt schreiben möchte, der einen tief bewegt" (S. 63). Sonst seien die Geschichten leer, nur Technik ohne Substanz.
Im historischen Kontext erinnert Platt sich an seine Teilnahme an einer von Knight und Wilhelm gegründeten "Milford Conference". Bei diesem Workshop wurde eine von Platts Kurzgeschichten, die immerhin von Ellison für "Again, Dangerous Visions" angenommen worden war, so heftig kritisiert, dass dies eine traumatische Erfahrung für Platt gewesen zu sein scheint. Bitter war für Platt, dass Ellison die Geschichte dann in seine nie erschienene Anthologie "The Last Dangerous Visions" verschob.
Michael Moorcock
Hier fand ich Platts einleitende Bemerkungen zum von Moorcock herausgegebenen Magazin "New Worlds" interessant, an dem Platt auch mitgearbeitet hat. Das Magazin war immer von der Pleite bedroht, sie konnten die Rechnungen nicht bezahlen, aber sie waren auf einem "Kreuzzug für die Sache eines eher verschrobenen literarischen Idealismus" (S. 75). Im Interview ist Moorcock ziemlich drastisch und sagt z.B. über Larry Niven: "Ich glaube nicht, das Niven in der Lage ist, auch nur einen Absatz zu schreiben, der inneren Zusammenhang besitzt" (S. 77) und zur SF in den USA: "Es ist sehr schwer, ein amerikanisches Mittelschichtpublikum zu unterschätzen" (S. 81).
J. G. Ballard
Ich war erstaunt, dass sich Ballard optimistisch in Bezug auf Wissenschaft und Technik zeigt (S. 90). Er erzählt interessant aus seiner Jugend in Shanghai und die chaotischen Zustände, die er dort erlebte. In der SF sah er noch ungenutzte Möglichkeiten: " [...] war ich der Meinung, dass bis dahin niemand wirklich ernsthaft Gebrauch von der SF gemacht hatte. […] Damals war ich der Ansicht - und bin es noch heute -, dass die Science Fiction eine Art Spielplatz ist, ein riesiger Vergnügungspark mit allen möglichen tollen Spielzeugen, die man in die reale Welt hinaus mitnehmen und dort anwenden müsste" (S. 96ff). Oder: "Ich habe immer fest an eine starke Geschichte geglaubt. Ich halte nichts von Literatur, die nur aus feinen Nuancen besteht." (S. 98).
Das Format des Interviews orientiert sich an einige von Ballards Geschichten: es ist eine Montage von einzelnen kurzen Textabschnitten mit fett gedruckten Zwischentiteln. Platt resümiert zu Ballard: "Seine surrealen, schwingenden Bilder von apokalyptischer Erfüllung sind von Dauer - als Bereicherung des Lebens und als eine seltsame Art der Prophetie" (S. 102).
E. C. Tubb
Von dem Interview ist mir nur in Erinnerung geblieben, dass Tubb sehr viel geschrieben hat. Außerdem beschwert er sich deutlich über die Preisvergabe beim Nebula Award, besonders darüber, dass Heinlein für "Stranger in a strange land" und Delany für "Dhalgren" ausgezeichnet wurden.
Ian Watson
“In der konventionellen Science Fiction bekommt man üblicherweise die objektiven Entsprechungen der Fremdartigkeit, ohne die zugrundeliegende psychologische Fremdartigkeit - weil es die meiste Zeit herumstolpernde schwachköpfe Helden sind, die durch die Gegend toben.Was ich wirklich tun möchte, ist die Erkundung der Gedankenstrukturen von Aliens.” (S. 133)
John Brunner
Mit diesem Kapitel war ich nicht zufrieden. Im Interview würdigt Platt Brunners Meisterwerk "Stand on Zanzibar" nicht wirklich und geht auch zu wenig auf einige der weiteren wichtigen Bücher von Brunner ein. Im “Historischen Kontext” fehlt jeglicher Hinweis auf seinen tragischen Tod 1995 während des Weltcons in Glasgow.
Brian W. Aldiss
“Betrachtet man die letzten drei, vier Dekaden, möchte ich behaupten, dass zwei Methoden des Schreibens in der Science Fiction um die Vormachtstellung kämpfen. Eine gewinnt immer. Und das ist diejenige, die das Erbe der Pulp-Magazine vorschreibt, Erzählungen, in denen der Plot im Vordergrund steht [...] Den zweiten Weg, eine Erzählung oder einen Roman zu entwickeln, sehe ich darin, in Szenen zu denken, die etwas erzählen, das den Lesenden im Gedächtnis bleibt.” (S. 190)
Jerry Pournelle
Uff, Pournelle ist ganz schön rechts. Dass es so schlimm ist, war mir nicht klar…
Larry Niven
Niven kommt mir sehr arrogant vor. Er passt gut zu Pournelle…
Christopher Priest
Kann man mit SF noch Geld verdienen und kann man von anspruchsvollerer SF leben? Da ist es wieder, das heimliche Thema des Buches.
Arthur C. Clarke
Dieses Interview fand ich etwas enttäuschend. Vielleicht liegt es daran, dass es telefonisch stattfand, denn Platt durfte nicht nach Sri Lanka fliegen, sondern nur etwa eine halbe Stunde lang mit Clarke telefonieren. So kam nicht viel Neues heraus. Was das Dauerthema angeht, nämlich die Frage, wie mit dem Schreiben von SF Geld verdient werden kann: Nun, seit seiner Zusammenarbeit mit Kubrick hat Clarke keinerlei finanzielle Probleme mehr gehabt.
Das Interview ist von 1982. Schön wenn Clarke sagt: "Ich bin umgeben von meinem Textverarbeitungssystem" und ich mir monströse große Geräte vorstelle…