Wer ist eigentlich der Titelheld? Ein See, ein Wald, ein Dorf, ein märkisches Herrenhaus, der alte Junker Dubslav von Stechlin oder sein Sohn Woldemar?
All das gleichzeitig sind die Helden des letzten Romanes von Theodor Fontane (1899).
Hier geschieht eigentlich wenig - das gestand der Autor selbst -, so dass es manchmal eine nicht unbedingt langweilige, sondern eine Lektüre ohne Leidenschaft sein mag. (Daher vielleicht die drei Sternen statt vier)
Doch sind alle Personen, die wir auf diese unoffizielle Wanderung durch die Mark Brandenburg und auch in Berlin treffen, sehr lebhaft. Fontane inszeniert ein Mikrokosmos der damaligen fin de siècle Gesellschaft durch köstliche Gespräche - sei es Smalltalk oder Ernsteres.
Mir gefiel das Programm Herrn von Stechlin, das er zum Besuch seines Sohnes Rittmeister Woldemar mit Freunden Ministerialassessor von Rex und Hauptmann von Czako aufbaute, samt Landschaftsbeschreibung und dokumentierten Erläuterungen. Die gleiche sorgfältig zeitlich vorbereitete Touroperation galt auch im Winter, wenn Woldemars Verlobte mit Schwester Melusine (auch noch an und für sich ein weites Feld!) ihren zukünftigen Schwiegervater kennenlernen kommt.
Die erste Seite des Romanes ist einfach schön. Der von grünen Wäldern umgegebener See ist gleichzeitig ruhig und bezaubernd beschrieben.
"Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt »der Stechlin«. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eignen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an ebendieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf Java zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so setzen sie wohl auch hinzu: »Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das Kleine, das beinah Alltägliche; wenn's aber draußen was Großes gibt, wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann brodelt's hier nicht bloß und sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.«
Das ist der Stechlin, der See Stechlin."
In den vielen Gesprächen entdeckte ich allzeit treffende Bemerkungen über Gott und die Welt - mal sachlich, mal grossartig : etwa über die herkömmliche Verlegenheitspause in einer Gaststätte, nachdem man bestellt hat und keiner richtig weiß, wie er eine Konversation anfangen soll, oder wie eine läutende Kirchturmglocke gerade zum Anlass für eine Konversation wird.
Als ich endlich dieses Buch las, den mir vor einiger Zeit geschenkt wurde, fand ich auch einige von solchen Bemerkungen, die im Hinterkopf vieler Germanisten ewig stecken.
»Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief blicken.«
(Chapter 10)