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Keine chronologische Erzählung, sondern ein Erinnerungsmosaik, Bilder und Fragmente, Anekdoten, geschickt komponiert, die ein lebendiges Bild ergeben vom Jungsein in den 60ern, dem Hunger nach Bildung, dem jugendlich-idealistischen Streben nach Kunst, Literatur, Philosophie, erste eigene Texte und Gedichte, die man sich gegenseitig vorliest: "Einmal, im Sommer des zweiten Jahres, als wir an der Oker saßen, in der Stille eines sich langsam auftürmenden, durch keinen Windstoß sich ankündigenden Gewitters, und uns über Gefühl und Sprache unterhielten, über uns, in dem eben noch blauen Himmel, grauschwarz das tiefhängende Gewölk, las er mir, was er sonst nie tat, ein nicht fertiges Gedicht vor. Noch fehlte die letzte Strophe. [ ] Als er geendigt hatte, sagte keiner von uns ein Wort, und wir sahen den Regen näher kommen, eine dicht fallende gesträhnte graublaue Front, in der die Blitze niederfuhren, und der Donner rollte über die Wiesen und Felder heran, mit einer Wucht, die sich auf die Brust legte, einen Moment gelähmt, nicht vor Schreck, sondern innig beglückt standen wir und wurden in diese Flut eingetaucht."
Da ist viel Poesie in Timms Worten, ein bisschen Wehmut, aber auch Erinnerungsfreude an den Gefühlsüberschwang der jungen Jahre. Und auch wo Timm für das Buch wie ein Journalist recherchiert -- er spricht mit Freunden und Verwandten Ohnesorgs, findet sogar die fremde Frau von dem Foto --, bleibt er ganz Dichter, wird nie zum sachlichen Chronisten. Einerseits also die unvermeidliche Distanz der verstrichenen Jahrzehnte, andererseits dieser persönliche Ton -- diese Mischung macht das Buch zu einem der berührendsten und eindrucksvollsten Werke Uwe Timms -- das zudem beweist: In der Literatur ist später manchmal besser. --Christian Stahl
172 pages, Hardcover
First published January 1, 2005