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Anatomie eines Gettos: Erzählungen, Hungerzyklus, Fallbeilfinale

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German

211 pages, Perfect Paperback

Published January 1, 1980

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Profile Image for Klaus Mattes.
801 reviews12 followers
December 25, 2024
Ein literarisches Debüt mit beinahe fünfzig verweist auf den Vorhöllencharakter von Foelskes Schriftstellerexistenz, den er später auch nie mehr loswerden konnte. Er hat in Köln bis zur Rente als Büroangestellter gearbeitet, nachts in der schwulen „Subkultur“ (heute ja mehr Kultur, bzw. ausgestorben) seine Beobachtungen gemacht, diese aber nie „plan“ nacherzählt, sondern in Doktor Moreaus Prosalabor intensiven (und eigentlich nicht selbst entwickelten, sondern Vorläufern abgeschauten) Strahlungen ausgesetzt. Arthur Rimbaud, Heiner Müller, Rainer Maria Rilke und vor allem Thomas Bernhard lassen wiederholt grüßen. In den neunziger Jahren faszinierte mich das sehr. Er ist der einzige „unerhörte Autor“ gewesen, den die deutsche Schwulenbuchlandschaft hervorgebracht hat. Fast bis heute eigentlich. Vieles von seinem Stil findet man in den Büchern von Gunther Geltinger wieder. (Und zuvor hat es natürlich auch schon Hans Henny Jahnn und Hubert Fichte gegeben, die aber vor meiner Zeit lagen und von mir für zu schwurbelig erachtet wurden.) Wie es die schwulen Buchhändler damals verschiedentlich in ihrem Katalog schrieben, man muss dazu sagen, dass einer von ihnen, Joachim Bartholomae von Männerschwarm, in diesen Jahren auch Foelskes Verleger gewesen ist, er sei als Schriftsteller so originell und künstlerisch überragend, dass sich der deutsche Kulturbetrieb, aufs Ganze, also auch Heterosexuelle, gesehen, sich dieser Erkenntnis eines Tages nicht länger werde entziehen können.

Wie Hans Joachim Schädlich seinen Günter Grass, Maria Beig ihren Martin Walser, Eckhard Henscheid seinen Martin Mosebach, seine Brigitte Kronauer, Florjan Lipus seinen Peter Handke werde auch hinter Walter Foelske eines Tages der Büchner-Preisträger auftauchen, der sagt: „Leute! Den habt ihr all die Jahre sträflich übergangen!“ Das ist dann aber nie passiert. Und ich glaube, es kommt auch nicht mehr.

Es hat, inhaltlich, sicher viel damit zu tun, dass die in Foelske-Büchern verzweifelt und immer nahe am Überschnappen verfolgten Objekte der Lust nicht bloß männlich, jung und schön sind, sondern oft auch sehr nahe oder sogar unterhalb der Grenze des Schutzalters. (Das, wie ich mich belehren lassen musste, nicht unbedingt dem Wortlaut weiterhin geltender Gesetze nach, aber gemäß der Polizeiarbeit und der Rechtsprechung aufgeweicht und schwammig geworden ist, sodass es zwischen 14 und 18 oszillieren kann. Zu den Zeiten meiner Foelske-Lektüre sah es ziemlich fest so aus: Unter 16 sehen wir uns vor Gericht und unter 14 landest du im Knast!) Während er einerseits eine späte Anerkennung als Künstler erlebte, sah sich der, 2015 mit ungefähr 80 Verstorbene schon auch mit Vorwürfen ausgesetzt, er glorifiziere Pädophilie mit Jungen. Und dann gibt es da noch dieses zweite „Beuteraster“ (ein gebräuchlicher schwuler Fachbegriff) bei Walter Foelske, den tierhaft schwarzen Energiemann, die obergeile Bestie. Das ist nun auch nicht mehr der Ausbund politischer Korrektheit, wie bekannt sein dürfte.

Die meinerseits gravierenderen Bedenken gegen diesen Autor betreffen seinen Stil und die ewige Emphase des einsamen Wolfs, die so unübersehbar von Romanen und frühen Dramen Thomas Bernhards hergeleitet sind, dass ich, je mehr die schwulen Verleger, Buchhändler und Rezensenten es „übersahen“, mich zu fragen anfangen musste, ob wir es vielleicht mit einem Plagiator einer Manier zu tun haben. Einem „Einzigartigen“, der das Einzigartige von jemand anderem ins Schwule herüber kopiert hat, wie die Japaner einst ihre Elektrogeräte und Autos von Nordeuropa und den USA.

Ich wollte das irgendwann nachprüfen und so griff ich zu diesem Buch, mit dem der Autor 1980 debütierte, um danach für 15 Jahre aus der Literatur zu verschwinden und ein normales Angestelltenleben zu führen. Allerdings muss man sehen, dass Foelske für die Neuausgabe das Werk komplett überarbeitet hat. Fürs Taschenbuch im (von Männerschwarm übernommenen) Verlag rosa Winkel sind zwei dicke Brocken, „Dora Dora“ und „Hungerzyklus“, sowie zig kleine Experimente überarbeitet, einzelne auch weggelassen, dafür mehrere andere hinzugefügt worden.

Denken wir uns Texte, in denen ununterbrochen eine wörtliche Rede auf die andere folgt. Immer nur aus einem einzigen Satz bestehend. Nie wird erklärt, wer hier zu wem spricht. Oder wenn doch, steht nicht „sagt der Alte“ dort, sondern: „lippt der Alte“. Oder zur Abwechslung mal ein Text aus lauter kurzen Hauptsätzen, Aussagesätzen im Präsens, Subjekt immer vorne. Bloß versteht man beim jeweils Folgenden nie, was es mit dem davor überhaupt zu tun hat. Denken wir uns andere Texte, die in einem exzessiven Maß hypotaktisch verschränkt wurden und ins offenbar Unendliche hinaus mäandrieren. Da haben wir den klassischen Thomas Bernhard bei Foelske.

Denken wir uns einen Schauplatz mit halboffenen Türen, hinter denen auf Ruheliegen Männer warten, die dem Herumstreifenden ein Höchstmaß an Gleichgültigkeit bezeigen. Sie lassen sich von uns eine Weile betatschen, hauen dann auf die Finger und schmeißen uns raus aus ihrer Zone. Bis dann ein rasend schöner Schwarzer auftritt, den sie mit Augen auffressen – und wir auch. Das ist der Moment, wenn wir, die streifenden Beobachter Distanz und Wahlfreiheit verlieren. Wenn wir dem Schwarzen in die Kabine hinein folgen, hinter uns zuschließen lassen; der Alte wehrt sich nicht. Denn der Schwarze ist da. Wir gehen zu Boden und bedienen diesen Alten so, wie der schöne Schwarze es befiehlt. Alles steht in seiner Macht.

Wer je in einer Schwulensauna drinnen war, erkennt manches wieder, weiß aber genau, dass das keine „realistische Geschichten“ oder „feinen Beobachtungen“ sind. Es sind künstliche Gebilde in einem sprachlich forcierten Stil. Pornografischer als die unten zitierte Stelle werden sie nie. Aber sie funktionieren nicht ohne den Leser, der Doppelbödigkeit schätzt und diese seltsame Sprachmanier genießen kann.

Der Neger hockt in der Kabine. Neben dem Neger sitzt der Mann. Der Mann trägt das Handtuch um die Taille. Der Neger ist nackt. Der Neger hockt auf der Liege und hat die Beine gespreizt. Sein schweres Geschlecht schaukelt. Ein Mann steht in der Tür. Der Neger hebt den Kopf. Der Mensch schaut den Neger an. Der Neger wippt. Der Mensch schaut dem Neger aufs schaukelnde Geschlecht. Der Neger leckt sich die Lippen. Der Mensch tritt in die Kabine und schließt die Tür. Der Neger legt den Kopf in den Nacken und sieht dem Menschen in die nackten Augen. Der Mensch geht in die Knie. Der Neger läßt sich aufs Gesäß fallen, streckt das rechte Bein aus und tritt dem Menschen ins Gesicht. Der Mensch reißt den Mund auf und schnappt nach dem Fuß. Der Neger wälzt sich vom Bett, stellt sich breitbeinig hin und zieht den alten Mann vom Bett. Der Mensch hat den Kopf in den Nacken gelegt und schaut den Neger an. Der Neger hat die Augen weit offen und schaut den Menschen an. Der Neger streift dem alten Mann das Handtuch von den Hüften. Der Neger nimmt das Geschlecht vom alten Mann in die Hand. Der Mensch sieht ins Negergesicht in die Negeraugen. Der Neger gibt dem alten Mann einen Stoß. Der Neger beugt sich vor und spuckt dem Menschen ins Gesicht. Der Mensch dreht das Gesicht nicht weg. Der Neger packt fester zu und stößt das Geschlecht vom alten Mann dem Menschen ins Gesicht. Der Mensch reißt den Mund auf und schluckt das Geschlecht vom alten Mann. Die Augen vom Neger werden weiß. Dann stößt der Neger den alten Mann aus der Kabine.

Mittlerweile sehe ich Walter Foelske nicht mehr als verkanntes Genie. Sondern als einen, in den jeder, der sich für die schwule Literatur in deutschsprachigen Ländern halbwegs interessiert, schon mal hineinlesen sollte um zu erkennen, dass es das einst gegeben hat. Dass einer da war, der es jahrelang - trotz ausbleibender Anerkennung und ohne kommerziellen Erfolg - starrköpfig durchgezogen hat. Literatur ist etwas, das Einzelgänger und Querköpfe braucht. Hat man es erst mal ein bisschen kennen gelernt, muss man Walter Foelske nicht weiterlesen und nicht zum Klassiker nobilitieren. Schon Thomas Bernhard, obwohl er viel Spaß macht, ist oft genug nur noch fragwürdig. Einen ins Schwule übersetzten Bernhard, ich glaube, den brauchen wir nicht wirklich. (Natürlich: das da oben im Zitatblock war keine Bernhard-Schreibe. Sonst aber halt sehr oft!)

Wer sich für Foelskes Schwarzen-Fetisch interessiert, greife zu den Erzählungen in „Wahnsinn und Wut“, wer vor Pädophilie, schwarzem Humor und Foelskes Lust am Chaos nicht zurückschreckt, zum Roman „Blutjung“.
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