Mein zweites Flanieren durch Der Tod Georgs. Ich weiß mir einfach nicht zu helfen und ich habe auch überhaupt gar nichts dazu zu sagen. Nun, ich könnte schon sagen: Beer-Hofmanns Sprache spricht mich an wie keine andere. Aber das heißt noch überhaupt gar nichts. Es wird ja noch nicht einmal so getan, als ob es um irgendetwas ginge. 136 Seiten (in der Igel-Ausgaben) und nichts als leere Worte, die sich widerwillig in Sätzen zusammenfügen und diese selben Sätze tauchen dann teilweise zwei- oder sogar dreimal auf. Und plötzlich schlägt man sich im Delirium dieser Lektüre an den Kopf: Da war doch was! Ja, da war etwas. Und jetzt ist es weg.
"Paul trat durch das Gittertor des Schloßhofes ins Freie. Es war dunkel geworden. Er schritt längs der niederen Wirtschaftsgebäude, die den Park umgrenzten, der Stadt zu. In den dichten weißlichen Nebel drang langsam schwarzer Qualm, der zwischen Erdwällen und geschichteten Pflastersteinen aufquoll. Arbeiter standen bis zu den Hüften im Boden. Er sah nur die Umrisse der Grabenden, die Linie der vielen gebeugten Nacken und Rücken und der Arme, die, aus dem Boden wachsend, Spitzhauen schwangen und schmetternd niederfallen ließen. Manchmal fiel von unten ein roter, flackernder Feuerschein verzerrend über die Gesichter. Ein Trupp abgelöster Arbeiter, ihr Werkzeug auf den Schultern, ging mit schweren Schritten vor Paul einher und nahm die Breite des Weges ein. Sie sprachen miteinander in einer fremden Sprache, die Paul nicht verstand. Er war zu müde, um rascher zu gehen und sie zu überholen. Langsam ging er hinter ihnen, unbewußt in den schweren Takt ihrer Schritte verfallend. Wie dicht der Nebel war und wie weit die Stadt lag! Aber durch alle Müdigkeit hindurch empfand Paul Ruhe und Sicherheit. Als läge eine starke Hand beruhigend und ihn leitend auf seiner Rechten; als fühle er ihren starken Pulsschlag. Aber was er fühlte, war nur das Schlagen seines eigenen Bluts." (Der Tod Georgs, Richard Beer-Hofmann (1900), S. 135f.)
Der Tod Georgs ist definitiv keine leichte Lektüre. Zwar liest sich der Stil des Autors sehr flüssig, doch manchmal auch zu flüssig. So ist es sehr schwer zwischen der Traum- und der realen Welt Pauls zu unterscheiden. Manchmal sind es nur 2 Worte, welche die Welt unterscheiden.
Das Werk an sich ist sehr melancholisch eingefärbt, zeugt jedoch auch von einer gewissen Ästhetik. Um diese zu verstehen ist mehrfaches Lesen nötig, und auch das in der aktuellen Reclamausgabe angefügte Nachwort sollte zum genauen Verständnis gelesen werden.
Mir persönlich gefiel Der Tod Georgs sehr gut, so gut, dass ich es wohl als Prüfungsthema im Staatsexamen nehmen werde. 4 Sterne.