Eine Frau steht drei Elefanten in einem deutschen Zoo gegenüber. Es ist Sinthujan Varatharajahs Mutter. Die Frau, eine Asyl suchende Tamilin, und die Elefanten haben etwas Sie haben eine weite Reise hinter sich. Alle vier wurden verschleppt oder vertrieben und treffen in einem sogenannten Elefantenhaus aufeinander. Von diesem Moment aus begibt sich Sinthujan Varatharajah auf eine intensive Spurensuche und verknüpft Augen öffnend Aspekte globaler Kolonialismen mit europäischer Asylpolitik. Mit großer Klarheit stellt Sinthujan Varatharajah grundsätzliche Gewissheiten infrage und wählt dabei einen persönlichen Zugang, der sich ins Gedächtnis brennt.
Sinthujan Varatharajah lebt als freie*r Wissenschaftler*in und Essayist*in in Berlin, wo sie*er die Veranstaltungsreihe "dissolving territories: kulturgeographien eines neuen eelam" kuratiert. Sie*er studierte Politische Geographie und war mit der Forschungs- und Kunstinstallation "how to move an arche" Teil der 11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. 2017 –2018 war sie*er Vorstandsmitglied des Beirats für Asylfragen der Europäischen Kommission und arbeitete über mehrere Jahre hinweg für verschiedene Menschenrechtsorganisationen in London und Berlin.
Ausgehend von einem Foto, das ihre*seine Mutter im Elefantenzoo zeigt, beschreibt Sinthujan Varatharajah koloniale Zusammenhänge, die die Welt seit Jahrhunderten und bis heute durchziehen. Varatharajah begibt sich auf eine sprachliche Reise durch durch Landschaften und den Himmel, erzählt über ihre*seine Familie und Geschichten ganzer Völker, Landschaften, Pflanzen und Tiere.
In nüchterner Sprache wurde mir immer wieder mein eurozentrischer Blick vor Augen geführt und die Weltanschauung, die hier herrscht, ins Wanken gebracht. Ich habe unglaublich viel gelernt, noch mehr gemerkt, was ich alles noch lernen muss und wurde gleichzeitig durch die poetischen und persönlichen Verknüpfungen mit der Geschichte der*des Autor*in zutiefst gerührt. Dieses Buch hat mich gefordert und ich mag es, wenn ein Buch der Leser*innenschaft auch sprachlich ungewöhnliches zumutet, ohne sich von Anfang an selbst zu erklären.
Ich würde auf jeden Fall empfehlen, das Buch so viel es geht am Stück zu lesen, um sich voll und ganz darauf einzulassen. „An alle Orte, die hinter uns liegen“ werde ich noch ganz oft aufschlagen, mir meine hundert unterstrichenen Passagen durchlesen, es hat mir bereits so viel Gesprächsstoff mit meinem Umfeld ermöglicht und ich bin dolle dankbar, dass @katretti es mir gezeigt hat.
„Während menschliche Haut nur wenige Millimeter dick ist, kann sie bei Elefanten zwei bis drei Zentimeter dick und somit schwerer für Schusswaffen zu durchdringen sein, weshalb Kolonialist*innen Schwierigkeiten hatten, Elefanten zu töten.“
Sicherlich inhaltlich ein sehr interessantes Buch, das den Einfluss des Kolonialismus auf unser europäisches Weltbild darstellt. Es waren einige Facts dabei, die mich echt verblüfft und nachdenklich hinterlassen haben. Der Stil hat es dann für mich wiederum sehr unzugänglich gemacht. Die Mischung aus Memoir und Sachtext waren für mich unausgewogen und gingen so überhaupt nicht auf. Ab der Mitte hatte ich auch immer mehr das Gefühl, dass immer weiter Facts gedroppt wurden, die gefühltermaßen erstmal keinem roten Faden gedient haben, nur damit dann wieder grob zurückgefallen wird auf den Grundpunkt. Das liest sich dann am Ende wie eine nicht gut editierte Masterarbeit mit Erinnerungsfetzen und ohne (meiner Meinung nach für die Verdaulichkeit nötigen) Unterkapitelung. Ein Schritt mehr in Richtung Memoir oder die komplette Abkehr davon hätten meiner Meinung nach besser funktioniert- schade!
",Warum seid ihr mit uns damals in den Zoo gefahren', frage ich Amma eines Tages. [...] 'Um euch etwas zu zeigen, was Teil meiner Welt war, aber nicht eurer sein wird.' [...] 'Sie hat geweint, Amma, oder?', fragte ich sie etwas zögerlich. 'Die Elefantin in der Mitte des Bildes hat geweint, als sie uns gesehen hat, Amma, oder?' [...] 'Wusstest du, dass Elefant*innen Ungerechtigkeiten nicht ertragen können?', war ihre Gegenfrage. 'Dass sie vom seelischen Schmerz einer Gewalttat erdrückt werden können und nach dem Bezeugen von Ungerechtigkeiten an ihresgleichen den Willen zum Leben verlieren können?' [...] 'Sie sehnen sich nach Gerechtigkeit, sagte ich."
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Ich mag die Idee von diesem Buch. Ich mag, wie sensibel es geschrieben ist. Ich mag, wie es eigentlich ausgehend von einem einzigen Foto ganze Geschichten erzählt. Wichtige Geschichten, aus Perspektiven, die zu selten Gehör finden.
Und ich glaube auch viel gelernt zu haben durch dieses Buch. Möchte nun selber versuchen sensibler zu sein, mehr zu hinterfragen und reflektieren. Doch nun komme ich an einen Punkt, der mich an diesem Buch leider gestört hat. Und zwar finde ich finde es sehr schade, dass manchmal bestimmte Ereignisse und Theorien dargestellt werden als Fakten und als wären sie nicht umstritten. Ich weiß, dass dies auch im Geschichtsunterricht und in dominant weißer Geschichtsschreibung passiert ist und weiterhin passiert. Aber ich tue mir sehr schwer damit, einfach hinzunehmen, dass hier Kolonialisierung als einzige Ursache für die kleine Eiszeit und zugleich als moralische Rache der Natur an Europa dargestellt wird. Hier ein Review von Boretti (2020) zum Thema, der diese These untersucht und ausführlich begründet, warum sich obige These nicht halten lässt und die Situation etwas komplexer ist: https://doi.org/10.1016/j.jasrep.2019...
Auch an anderen Punkten habe ich Unstimmigkeiten festgestellt (seit wann ergeben 45 und 65 % denn ein ganzes?), was es mir nun leider einfach ein bisschen erschwert dem Buch zu vertrauen bei Tatsachen, über die ich nicht auch andere Quellen kenne. Ein bisschen wirkt dieses Buch teilweise wie ein historisches Sachbuch, aber ich glaube, es ist wichtig zu beachten, dass es dies eben nicht ist. Trotzdem erzählt es wichtige Geschichten und das Nachwort war dann nochmal ein Highlight für mich.
Nachwort mit Erklärung zur Sprache hat mir neben dem eigenentlichen Buch auch gut gefallen. Sehr viel wichtiges gelernt. Die prosaischen Stellen waren im Mix mit dem Sachtext sehr angenehm zu lesen Trotzdem waren die Fehler, die mir vor allem bis zur Mitte aufgefallen sind soweit ich das beurteilen kann, nicht beabsichtigt;)
5/5 Habe selten so ein gutes Buch gelesen. Ich mochte die Art zu schreiben, es hat ganz viel in mir ausgelöst. Und jetzt möchte ich ganz viel über Elefanten/Elefant*innen wissen.
Kein Roman und kein Sachbuch. Dafür ein Muss für alle, die sich mit Kolonialismus beschäftigen oder beschäftigen möchten. Das Buch bietet eine neue Perspektive und regt extrem zum Nachdenken an. Es ist anders geschrieben als viele Bücher, im Aufbau und im Umgang mit Sprache. Dazu äußert sich der*die Autor*in auch im Nachwort. Manche Sätze sind so stark und klug, dass man sie immer wieder lesen möchte.
Was Varatharajah sich vorgenommen hat ist ihnen meiner Meinung nach hervorragend und schön und gleichzeitig flüssig lesbar geglückt: "Mit diesem Buch versuchte ich, Raum für andere Verständnisse und Möglichkeiten zu schaffen, diese Welt anders zu empfinden; Naturen, Umwelten und Leben anders zu verorten. Beim Schreiben probierte ich, in einer hegemonialen Sprache Platz für Perspektiven auf diese Welten zu schaffen, die darin nicht vorgesehen waren. Dabei versuchte ich bekannte, das heißt dominante, Chronologien, Lesarten, Blickrichtungen, Erzählungen und Ordnungs- und Bennenungsmuster umzuwerfen, sie aus ihrer Stabilitäten zu lösen und spürbar ins Wanken zu bringen. Sie sollten in ein anderes Verhältnis gesetzt, hinterfragt und angreifbar gemacht werden. Hierfür kippte ich imperiale Konzepte, mit denen wir heute die Welt in sogenannte universelle Vermessung- und Ordnungssysteme zwängen."
Kaum ein Buch hat mir so radikal und unnachgiebig immer wieder meine eurozentristische Prägung und Erziehung vorgehalten und aufgezeigt. Deswegen würde ich dieses Buch jeder weißen Person unbedingt empfehlen. Kaum ein Buch hat mir aber auch so Unwillen bereitet, es weiterzulesen. Vielleicht weil es unbequem ist, einen Erkentnissgewinn zu haben, der einen nicht dazu befähigt sich intellektueller(/interessanter/mächtiger) zu fühlen, sondern den Finger dahin legt, wo es wirklich unangenehm wird. Zum Teil fühlen sich die Analogien und die hyperintellektuelle Sprache aber auch sehr erzwungen an. Ich hatte beim Lesen zwischendurch das Gefühl, mich in sehr verknoteten Gehirnwindungen der schreibenden Person zu verlieren. Erst als ich begann, Passagen teils zu überfliegen, lies das etwas nach und ich konnte das Buch nach monatelanger Pause zuende lesen.
Für alle, die mehr über die europäische Kolonialpolitik und den jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Sri Lanka erfahren und die zugrunde liegenden Zusammenhänge besser verstehen möchten, ist dieses Buch sehr empfehlenswert.
Im Mittelpunkt der Handlung steht vordergründig ein Familienfoto, das in einem deutschen Zoo aufgenommen wurde. Die historischen und politischen Ereignisse werden dabei immer wieder mit den persönlichen Asylerfahrungen des Autors und seiner Eltern verknüpft.
Was mich allerdings durchweg gestört und mir den Spass am Lesen genommen hat, war der Schreibstil des Autors. Durch das konsequente Gendern und die Verwendung stark verschachtelter Sätze wirkt der Text sehr schwerfällig und beeinträchtigt den Lesefluss erheblich.
Alles in allem ein guter Einstieg, um mehr über die Geschichte Sri Lankas zu lernen.
„Ihre Gier nach den Stoßzähnen der Tiere ist bis heute immens und lässt sie vor keinen Skrupeln zurückschrecken. Dies hat zur Folge, dass Elefant*innen sich der Bedrohung durch den Menschen evolutionär angepasst haben.[…] Diese Mutation wird als Anpassung an ihre Umwelt gesehen, welche vom Menschen fast vollständig beeinträchtigt und zerstört wurde. Es ist eine körperliche Reaktion auf das Handeln des Menschen, die das Ziel verfolgt, die Existenz der Spezies vor ihm zu schützen und ihr Überleben zu sichern, indem sie sich für den Menschen weniger begehrenswert machen.“ Seite 189
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Ein Roman? Eine Familiengeschichte? Oder doch ein Beitrag zur Kolonialismuskritik?
Dieses Buch hat mich nicht sofort mitgenommen, doch tief bewegt zurück gelassen. Der Autor*in schafft es, den Blick der Europäerin für Rassismus und die Verbrechen des Kolonislismus zu weiten und hinterlässt sie* mit völlig neuen Erkenntnissen.
das komplizierte Buch, das ich je gelesen habe! Lässt sich nicht allein lesen und war glücklich in meinem Buchclub darüber mich austauschen zu können ABER die Weisheiten und die Erkenntnisse, die ich aus diesem Buch gezogen habe, sind umessbar. Ich sehe die Welt jetzt anders
Die Brutalität der weißen Vorherrschaft in eine zärtliche Form gegossen. Oder wie sagt man das am besten? Sinthujan Varatharajah versteht es so mühelos, auf eine poetische Weise Fragen zu stellen und Antworten aus einer tamilischen Perspektive auf den Kolonialismus zu imaginieren. "zur Kamera", "zur Luft" sind nur eine Auswahl der Kapiteltitel, die mich vorsichtig interessiert haben werden lassen an diesem Buch. Die Pogrome, die Kriege und Vertreibungen der in den Fokus gerückten Tamil*innen sind genauso Bestandteil dieses besonderen Buches wie auch eine davon umsponnene Familiengeschichte, die so behutsam behandelt wird, dass man wirklich spüren kann, dass diese*r nichtweiße, tamilische Autor*in die Welt einfach komplett anders, so viel wahrhaftiger und lebendiger, aber durch den vorherrschenden vergangenen als auch gegenwärtigen Rassismus, den er*sie und die Familie auch in ihrer Historie immer wieder zu spüren bekommt, auch wütender wahrnimmt und dass dies ein signifikanter Unterschied zur - in meinem Fall sehr weißen - Weltwahrnehmung ist. Ich empfehle dieses Buch zu hundert Prozent, weil es wunderschön geschrieben ist und in all der Zärtlichkeit aber unbedingte Anklagen an die Kolonisator*innen nicht außen vor lässt und außerdem Informationen über den Kolonialismus liefert, die wir natürlich nicht in der Schule gelernt haben.
Es hat mein Herz und meinen Verstand für einen anderen Blick auf die Welt geöffnet. Ich hoffe sehr, dass Sinthujan Varatharajah noch weiter literarisch tätig sein wird.
Abya Yala ...
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