Was eine fesselnde und tiefschürfende Lektüre! Definitiv eines meiner bisherigen Jahreshighlights! Wesel schafft es die Rechtswissenschaften als ein Ergebnis eines langwierigen Prozessen herauszukristallisieren. Als ich die Lektüre begann, befürchtete ich eine etwas trockene Lektüre, welche ich mir vom Ius-Studium eher gewöhnt bin, aber an sich auch etwas für sich hat. Gleichzeitig war ich umso erfreuter vom Gegenteil überzeugt zu werden. Wesel macht eine Reise durch die Geschichte des Rechts, beginnend über erste Proto-Rechtsentwicklungen in der Steinzeit, über das klassische römische Recht, bis zum Recht im Mittelalter und der zunehmenden Institutionalisierung des Rechts im Rahmen staatlicher Entwicklungen, den Abgründen der Rechtswissenschaften in den 30er Jahren sowie neuere Entwicklungen im EU-Recht. Es ist sicherlich eine Lektüre, die sich auch an ein breites Publikum richten kann, gleichzeitig wird auch bewusst, dass Wesel oft grundlegende juristische Kenntnisse voraussetzt resp. man doch bereits ein Verständnis dafür haben muss/sollte. Das ist mir etwas leichter gefallen und deshalb bin ich als grosser Interessent dieses Studiums bzw. Fachs auch etwas befangen. Es gibt daher auch viele Ausführungen und deren Entwicklung zu klassischen Rechtsinstituten wie Schadenersatz, Vertrag oder auch Rechtsgebiete wie Gesellschaftsrecht oder Strafrecht usw. Nur zum Schluss empfand ich die Aussage, als Wesel über EU-Recht und deren Problematik, dass EU-Staaten wenig zu sagen hätten, etwas irritierend (S. 636). Denn gleichzeitig wird auf der letzten Seite gesagt, dass wir uns auch für das Recht und die Demokratie einzusetzen hätten. Das ist völlig klar. Aber welche Demokratie meint hier Wesel genau? Ich als Schweizer habe ein völlig anderes Demokratieverständnis und sehe gerade in Bezug auf das EU-Recht keine ausgelebte Demokratie.