Es ist eine Menge Buch, das fällt zuerst auf. Die Geschichte Ostfriesland hat natürlich so viele Seiten verdient, trotzdem musste ich den ersten Eindruck erst einmal verarbeiten. Ziemlich flott hat man sich eingelesen, der Autor scheint bei den besten gelernt zu haben: Ein Prolog weit vor der Erzählzeit, der aber nicht mehr wirklich aufgegriffen wird, aber ein wenig globalen Hintergrund der (hauptsächlich) regionalen Geschichte gibt und Interesse weckt. Die Sympathien für die Protagonisten sind dann auch schnell verteilt. Das alles in einer Erzählart, die sich Zeit nimmt für Formulierungen, alte ausgediente Worte wie sintemalen einflicht, damit auch Atmosphäre erschafft, und mich als Leser am historisch Bedeutsamen teilnehmen lässt. Auch die Nachvollziehbarkeit wird meist schlüssig dargelegt. Leider sind dann aber die Erzählmethoden schnell aufgebraucht. Anteasersätze in der „Jetztzeit“ der Geschehnisse, dann Rückschau - die Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt wird zusammengefasst dargestellt - dann ein paar Seiten das Ereignis, dann nächstes Thema. Das wiederholt sich so dann bei jedem neuen Abschnitt, das ist schade. Ein paar Mal beschleunigt diese Methode den Lesefluss, aber so oft ermüdet es und macht das (Weiter-)Lesen ausrechenbar. Einfach mal linear zu erzählen, schadet auch nicht. Dazu nehmen dann die 365 Fußnoten einen unterbrechenden und manchmal unnötigen Faktor ein. Dies soll sicher die Authentizität des Erzählten aufzeigen, vielleicht auch die Akribie der Recherche. Hier wäre weniger mehr. Eine Landkarte zu Beginn, ein Ortsverzeichnis hätte genügt, einige Fußnoten sind für den Leser als Erklärung auch nicht nötig, sie erschließen sich im Kontext oder bilden einfach die Stimmung der Erzählung ab und können unübersetzt bleiben. Das Gute am Roman ist, dass ich die Geschichte der ersten Häuptlinge und das Ende der Freiheit der Friesen jetzt in dieser Verkürzung nacherzählen kann, was mir nach dem Lesen eines Geschichtsbuchs so nicht gelungen wäre. Schade ist es, dass ich Friesland im 14. Jahrhundert nicht wirklich erlebt, empfunden, geschmeckt habe. Es gibt zu wenig Szenen, in denen ich die Figuren wirklich begleitet habe (viel Erzähltes, wenig Erlebtes) und komischerweise hatte ich auch immer das Gefühl, dass nicht viel passiert und dass man oft nicht weiß, worauf das Ganze/die Geschichte eigentlich hinausläuft. Es gibt zwar Konflikte, große und kleine, aber der rote Faden der Romanerzählung und Romanereignisse fehlt hie und da. Hier ist wie bei den Erzähltechniken, Rechtschreib-/Druckfehlern und Kürzungen/Ergänzungen das Lektorat gescheitert. Der Roman hätte bei einer intensiveren Überarbeitung viel besser (und erfolgreicher?) sein können. Ein Stern für den Fleiß und die Recherche, ein Stern für das Thema, ein Stern für die guten Ansätze und meine Heimat.