Niklas Luhmanns „Einführung in die Systemtheorie“ bietet einen seltenen Einblick in die lebendige Werkstatt einer Theorie. Als Transkription frei gehaltener Vorlesungen bewahrt der Text bewusst seinen mündlichen Charakter und macht deutlich, dass Theorie hier keine abgeschlossene Lehre, sondern eine Konstruktionsleistung ist. Der Leser wird eingeladen, mit begrifflichen Architekturen zu experimentieren, anstatt sie als unumstößliche Dogmen zu konsumieren. Vor dem Hintergrund einer soziologischen Theoriekrise, die sich häufig im Rückgriff auf Klassiker erschöpft, integriert Luhmann interdisziplinäre Impulse aus Kybernetik, Biologie und Mathematik, um auch moderne Problemlagen – etwa die ökologische Selbstgefährdung der Weltgesellschaft – theoretisch beschreibbar zu machen. Das Werk fungiert damit weniger als Lehrbuch denn als intellektuelles Experimentierfeld, in dem der Beobachter und seine Unterscheidungen eine zentrale Rolle spielen.
Ein zentraler Schlüsselbegriff dieser Einführung ist die Autopoiesis (griechisch auto – selbst, poiesis – Hervorbringen). Luhmann übernimmt das Konzept von den Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela, die damit ursprünglich die chemische Organisation lebender Zellen beschrieben, und übersetzt es in eine radikal soziologische Denkfigur. Autopoietische Systeme sind demnach keine stabilen Dinge, sondern sich selbst reproduzierende Netzwerke von Operationen, die genau jene Elemente hervorbringen, aus denen sie bestehen.
Autopoiesis bedeutet operative Geschlossenheit: Ein System kann nur mit seinen eigenen Operationen an sich selbst anschließen. Gedanken können nicht direkt zu Kommunikation werden, ebenso wenig lassen sich biologische Prozesse unmittelbar in Bewusstsein oder soziale Ordnung überführen. Systeme sind strukturell offen, aber operativ geschlossen. Ihre Fortexistenz beruht auf einer zirkulären Selbstproduktion, in der das System zugleich Werk und Produzent ist.
Dabei ist Autopoiesis strikt von bloßer Selbstorganisation zu unterscheiden. Während Selbstorganisation den Aufbau und Wandel von Strukturen beschreibt, bezeichnet Autopoiesis die elementare Reproduktion der Operationen selbst – den Fortgang des Systems von Moment zu Moment. Strukturen fungieren hier lediglich als Erwartungen, die die Auswahl der nächsten anschlussfähigen Operation erleichtern, ohne den Prozess determinieren zu können.
Je nach Systemtyp variiert die operative Basis dieser Selbstproduktion: In biologischen Systemen ist es das Leben, in psychischen Systemen das Bewusstsein, in sozialen Systemen die Kommunikation. Autopoiesis kennt dabei keine Abstufungen: Ein System ist entweder autopoietisch oder es ist es nicht – eine Kommunikation findet statt oder bricht ab, ein System lebt oder zerfällt.
Entscheidend ist schließlich die begrenzte Reichweite des Konzepts: Autopoiesis erklärt nicht, was ein System inhaltlich hervorbringt, sondern lediglich, dass es sich fortsetzt. Gerade darin liegt ihre analytische Stärke: Sie macht verständlich, wie Systeme enorme strukturelle Vielfalt ausbilden können, solange diese mit dem Fortlaufen ihrer eigenen Operationen kompatibel bleibt.
Anschaulich lässt sich Autopoiesis mit einem Wirbelsturm vergleichen: Er besteht nicht aus stabiler Materie, sondern aus einer sich selbst tragenden Bewegung. Der Sturm existiert nur so lange, wie jede Bewegung die nächste hervorbringt; reißt dieser zirkuläre Zusammenhang ab, verschwindet er augenblicklich. Ebenso existieren soziale Systeme nur im Vollzug ihrer Kommunikation.
Inhaltlich bricht die Einführung radikal mit tradierten Vorstellungen, indem sie Systeme nicht als Objekte, sondern primär als Differenzen bestimmt. Ein zentraler Pfeiler ist die operative Geschlossenheit: Soziale Systeme bestehen ausschließlich aus ihren eigenen Operationen – der Kommunikation – und können keine Operationen aus ihrer Umwelt importieren. Über den Mechanismus des Reentry kopiert das System die grundlegende System-Umwelt-Differenz in sich selbst hinein und ermöglicht so die interne Unterscheidung zwischen Selbstreferenz (Mitteilung) und Fremdreferenz (Information). Besonders provokant bleibt die Konsequenz, den Menschen als Umwelt sozialer Systeme zu begreifen: Während soziale Systeme kommunikativ operieren, fungieren Bewusstsein und Körper als eigenständige autopoietische Systeme in ihrer Umwelt.
Die Einführung vermittelt eindrucksvoll den Paradigmenwechsel hin zu einer Theorie, die Autonomie durch funktionale Schließung erklärt und gerade dadurch die Bedingung von Offenheit sichtbar macht. Luhmann redefiniert komplexe Themen wie Zeit und Sinn als Dimensionen der Kommunikation und rückt die Beobachtung zweiter Ordnung – das Beobachten von Beobachtern – als avancierte Form moderner Weltwahrnehmung ins Zentrum. Stabilität erscheint hier nicht mehr als Ergebnis normativen Konsenses, sondern als prozessuale Anschlussfähigkeit von Operationen, koordiniert durch selektive strukturelle Kopplungen. So erweist sich die Systemtheorie in dieser Einführung als robustes Analyseinstrument, um die Kontingenz der Weltgesellschaft ohne Rückgriff auf alteuropäische ontologische Letztbegründungen zu verstehen.
Man kann sich das Buch wie einen Baukasten für Architekten vorstellen: Es liefert nicht das fertige Haus, sondern erklärt Statik und Material der Steine – die Begriffe –, damit der Leser selbst lernen kann, komplexe soziale Realitäten stabil und zugleich flexibel zu entwerfen.