„Wer wir sind und was wir sein könnten“ fasst dieses Buch wunderbar zusammen. Es ist eine Hymne auf die Möglichkeiten unseres menschlichen Potentials. Konrad Lorenz: „Der Übergang vom Affen zum Menschen, das sind wir.“ Diese Aussage macht klar, woher wir kommen und was unsere (evolutionäre) Herkunft ist. Aber gleichzeitig gibt sie auch die Richtung vor; wir sind erst noch auf dem Weg dahin, das zu sein, *was wir Menschen sein könnten*. Und was und wie wir als Menschen sein könnten, welches wunderbare Potential in uns nur darauf wartet, inspiriert und entfaltet zu werden, davon handelt dieses Buch. Deshalb ist es in der Tat ein Mutmacher.
Das überzeugende an diesem Buch ist vor allem, dass es ein *neurobiologischer* Mutmacher ist. Dr. Dr. Gerald Hüther ist Professor der Neurobiologie und hat sein Leben mit der Erforschung unseres Gehirns verbracht. Von dieser Perspektive ausgehend überlegt er, wie man mit einem Gehirn „artgerecht“ umgeht. Dadurch kann er so nachvollziehbar beschreiben, *was wir sind*: Wie sich unser Gehirn entwickelt, welche intra- und interpersonellen, sozialen, und kulturellen Faktoren es beeinflussen und wie es auf diese reagiert. So beschreibt Hüther den Status Quo gut. Und, wieso dieser Status Quo manch schlechte Entwicklungen begünstigt. Was mir aber besonders gefällt, ist seine positive Ausrichtung. Aus seinen Befunden schließt er immer darauf, *was wir sein könnten*, wenn wir nur richtig mit uns, unseren Gehirnen und denen der anderen, umgehen würden. Wenn wir mit uns *menschlicher* umgehen würden. Damit schreibt Hüther auch eine Blaupause dessen, was mMn das Ziel jeder (neuro) psychologischen Forschung sein sollte: Wie man dabei helfen kann, menschliches Potential zu entfalten.
Trotz seines wissenschaftlichen Hintergrundes ist dieses Buch jedoch kein typisch Populärwissenschaftliches. Man muss sich auf ihn (und seine eigene Art zu schreiben) einlassen und darf keine wissenschaftliche Bedienungsanleitung erwarten. Viel mehr ergibt sich aus dem Fluss seines Schreibens ein Einblick in die Weisheit von jemandem, der tiefgründig untersucht, was es bedeutet Mensch zu sein - und was es noch bedeuten könnte.
Zu der Frage „Was könnte aus uns werden“ lauten die Untertitel der Kapitel:
- Statt uns vom Leben formen zu lassen, könnten wir auch zu Gestaltern unseres Lebens werden - Wir könnten mutiger und zuversichtlicher sein - Wir könnten gelassener und kreativer sein - Wir könnten gesundern und zufriedener sein - Wir könnten freier *und* verbundener sein - Wir könnten bewusster und umsichtiger sein
Dieses Buch hat mich dazu begeistert, mich auch auf diesen Weg zu machen, mir den Raum zu geben und die Bedingungen zu suchen, die menschliches Aufblühen ermöglichen.
Ich habe ungefähr 120 Stellen in diesem Buch markiert, hier einige meiner Favoriten:
Was wir sind:
Das menschliche Genom enthält nicht viel mehr Gene als das der Würmer. 99,5 % unseres Erbgutes sind identisch mit dem unserer nächsten äffischen Verwandten, und seit es unsere Spezies gibt, also seit etwa 100 000 Jahren, hat sich an unserem Erbgut nichts mehr verändert. Das, was wir heute sind, was in den letzten 100 000 Jahren aus uns geworden ist, hat also nichts mit unseren genetischen Anlagen zu tun. Es ist vielmehr Ausdruck des Umstandes, dass es in diesem langen Zeitraum unseren Vorfahren von Generation zu Generation gelungen ist, diese genetischen Potentiale so zu entfalten, also dieses Potential so zu nutzen, dass schließlich das aus uns werden konnte, was wir heute sind: aufrecht gehende, der Sprache mächtige, des Lesens, Schreibens, Rechnens kundige, die Welt entdeckende und unsere Lebenswelt gestaltende, sogar in einem gewissen Maße einsichtsfähige, aus Fehlern lernende und selbstreflexive, mit einem Ich-Bewusstsein ausgestattete Nachfahren derjenigen, die sich damals, vor etwa 100 000 Jahren, mit diesem nur geringfügig von dem der Affen unterschiedenen genetischen Potential auf den Weg einer kulturellen Evolution gemacht hatten.
Vom Ressourcenausnutzer zum Potentialentfalter:
Auch das Gehirn eines solchen begeisterten Ressourcennutzers ist veränderbar. Wenn diese inneren Einstellungen und Haltungen, also diese Geisteshaltung oder Denkweise durch bestimmte Erfahrungen entstanden sind, die ein solcher Mensch bisher gemacht hatte, dann würden sich die für diese Haltungen verantwortlichen Netzwerke in seinem Frontalhirn recht schnell verändern, wenn es ihm möglich wäre, mit großer Begeisterung eine neue, eine andere Erfahrung zu machen. Zum Beispiel, dass es günstiger ist, langfristig zu denken und nachhaltige Lösungen zu suchen, dass das vielleicht auch gemeinsam besser gelingt als allein, dass mehr dabei herauskommt, wenn man andere einlädt, ermutigt und inspiriert, statt sie antreiben und kontrollieren zu müssen, dass das Leben mehr Freude macht, wenn man für sich selbst und für andere zu einem Potentialentfalter wird. **Ein solcher Mensch wäre dann jemand, der selbst wieder zu einem Wegbereiter für den schwierigen Übergang von unserer bisherigen Ressourcenausnutzungskultur zu einer Potentialentfaltungskultur wird.** Erstere kann man von oben lenken, Letztere entsteht von unten, in den Köpfen der Menschen, wenn sie eingeladen, ermutigt und inspiriert werden, sich endlich wieder als Entdecker und Gestalter ihrer eigenen Lebenswelt auf den Weg zu machen.
Wir könnten unter „Arbeit“ etwas anderes verstehen:
So wird auch erst jetzt, angesichts dieser Erkenntnis, die Frage wieder interessant, mit der sich Friedrich Engels damals, vor 150 Jahren bereits befasst hatte: »Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen«. Wie war das möglich? Was hat uns nun wirklich zu dem gemacht, was wir heute sind – und in die Zukunft weitergedacht: Was brauchen wir, damit uns all das nicht wieder verloren geht, damit wir auch in Zukunft weiter unsere Potentiale entfalten können? Engels nannte es »Arbeit«, und ihm war klar, dass **der »Wirkort« dieser »Arbeit« im menschlichen Gehirn, in der psychoemotionalen Entwicklung des Menschen zu suchen** ist. Er verstand freilich unter dem Begriff »Arbeit« noch etwas anderes als das, was die Mehrzahl der Menschen in unserem Kulturkreis seit dem Beginn der Industrialisierung darunter zu verstehen sich verständigt hatte: Lohnarbeit, die Lieferung physischer oder psychischer Leistungen gegen ein Entgelt, das wiederum dazu benutzt wird, den eigenen Lebensunterhalt und ggf. auch noch den der eigenen Nachkommen und damit sowohl den Erhalt wie auch die Reproduktion der Ware »Arbeitskraft« zu sichern. Aus heutiger neurobiologischer Sicht stellt sich angesichts dieser Entwicklung die Frage, ob diese Art von »Arbeit« dazu beitragen kann, nicht nur den bisher erreichten Stand der kulturellen Entwicklung des Menschen zu sichern, sondern auch die Voraussetzungen für eine weitere Entfaltung der in uns Menschen angelegten geistigen Potentiale zu bieten. **Die Antwort lautet »nein«**, denn das menschliche Gehirn ist nicht für die Durchführung bezahlter Dienstleistungen, sondern für das Lösen von Problemen optimiert, die das Leben jedes Einzelnen in einer menschlichen Gemeinschaft bereithält und immer wieder neu schafft. Jede körperliche oder geistige Anstrengung, zu der ein Mensch sich aufrafft, um eine Bedrohung abzuwenden oder eine Herausforderung zu meistern, neues Wissen zu erwerben und neue Fähigkeiten zu entwickeln, ist also »Arbeit« in einem nicht entfremdeten, dem Menschen gemäßen Sinn. **Erst diese »hirngerechte« oder besser »Sinn stiftende« Definition dessen, was »Arbeit« ist, macht deutlich, was Friedrich Engels schon vor 150 Jahren in seinem Aufsatz zum Ausdruck gebracht hat: Alles, was Menschen beschäftigt, was sie nach neuen Lösungen suchen oder vielleicht auch nur erneut in alte Muster flüchten lässt, was sie im weitesten Sinn »bewegt« und »anregt«, ist Arbeit.**
Wir könnten unter dem, worauf es im Leben ankommt, etwas anderes verstehen:
So trägt also jeder Mensch zeitlebens all das weiter in sich, was er in der Welt, in der er sich zurechtzufinden versucht, nicht leben kann: das kleine Kind, das er einmal war, den weiblichen oder männlichen Anteil, den er abgespalten hat, die Ganzheit, die er in sein Denken und sein Fühlen, in seinen Kopf und seinen Körper zerlegt hat, die Liebe, die er einmal erfahren hat. Erträglich wird ihm dieser Zustand durch bestimmte Vorstellungen, Überzeugungen, Haltungen und Einstellungen, die er im Laufe seines Lebens aufgrund der Erfahrungen, die er beim Versuch, seine Grundbedürfnisse zu stillen, gemacht und in seinem Frontalhirn verankert hat. Sie heißen: »Da muss man durch«, »Da hat man keine Wahl«, »Das geht nicht anders«, »Das hält man aus.« Um glücklich zu werden, müsste ein solcher Mensch die durch diese negativen Erfahrungen entstandenen Verschaltungsmuster und die von ihnen generierten einengenden Vorstellungen, Überzeugungen, Haltungen und Einstellungen irgendwann wieder auflösen. Das heißt, er müsste genau das loslassen können, was ihn bisher gehalten hat. Aus eigener Kraft und zu Lebzeiten schaffen es allerdings nur sehr wenige Menschen, ihre im Frontalhirn verankerten, ihnen Halt bietenden Vorstellungen, Überzeugungen, Haltungen und Einstellungen loszulassen. Denn das macht Angst, und die ist nur durch ein anderes, gegenteiliges Gefühl zu überwinden: durch vorbehaltlose und allumfassende Liebe. Wenn einem Menschen das gelänge, wäre er mit sich und der Welt versöhnt.
Ach schade, es hätte so viel besser werden können. Viele Fakten waren mir durch die Neurobiologie aus dem Studium schon bekannt, aber die, die mir neu waren, waren so theoretisch trocken und spröde dargestellt, dass mich das Buch schnell gelangweilt hat. Praktische Bezüge, Tipps o.ä. fehlen komplett. Der Autor liebt Aufzählungen, was mir auf die Dauer wirklich auf die Nerven ging. Dennoch enthält das Buch einiges an Wissen.
Die Idee dahinter gefällt mir sehr gut. Es werden viele interessante biologische, soziale und psychologische Basics präsentiert, keine Frage. Aber was mir fehlt ist der Aha-Effekt beim Lesen. Ich habe nichts wirklich handfestes, konkretes Neues gelernt und daraus mitnehmen können. Die vielen Sachtelsätze klingen zwar hochtrabend aber inhaltlich ist das Buch für mich persönlich nicht voranbringend. Mit jeder Seite habe ich gedacht "jetzt muss doch mal der Clou kommen". Er blieb aus. Gut, dass ich das Buch nur geliehen hatte. Für Neueinsteiger in allg. biologische und psychologische Themen mag das Buch aber durchaus interessant sein.
Den größten Teil hab ich nur quer gelesen. Eine Unmenge unfundiertes Geschwafel mit gelegentlich eingestreuten Neuro-Buzzwords. Kein schlechtes Buch, aber ein belangloses ohne Mehrwert.
Ich liebe dieses Buch und werde es immer wieder lesen. Gerald Hüther teilt Erkenntnisse der Forschung der Neurobiologie in strukturierter und anschaulicher Art und Weise. Das Buch gibt viel Input und sagt trotzdem nicht ein Wort zu viel. Ich bin begeistert und überzeugt davon, dass hier jeder etwas für sich (und seine Kinder falls vorhanden) mitnehmen kann.
Leseempfehlung für absolut jeden. Unsere Gesellschaft ist gleichzeitig ein Wunderwerk und schrecklich. Hier bekommt man gute Gründe präsentiert, sich sowohl für sich als auch für seine Mitmenschen mehr um sich selbst zu kümmern und mehr dem nachzugehen, was einem Spaß und Erfüllung bietet.
Neurobiologische Erkenntnisse ueber die Entwicklung des Gehirns gepaart mit kulturellen und Menschheits-Fragen. Das Buch ist ganz interessant und man lernt einiges Neues über die ständige Fortentwicklung des Gehirns. Zwei Kern-Erkenntnisse :
(1) das Gehirn ist ein plastisches Gebilde bis zum Lebensende. Deshalb entscheiden die Gene nur über das Potential eines Menschen, während die Lebensumstände und die tägliche Interaktion zwischen individuellem Gehirn und der Aussenwelt dieses plastische Organ permanent formen und umformen
(2) die Erkenntnis von (1) führt direkt zu der Tatsache, dass alle Menschengehirne in der Umgebung eines Individuums eigentlich miteinander vernetzt sind. Deshalb sind Individuen niemals isoliert zu verstehen oder zu erklären und genau deshalb gibt es eine über-indivuelle Evolution (Kultur, Menschheitsentwicklung), die wesentlich zur Persönlichkeit jedes Einzelnen beiträgt.
Insgesamt recht interessant , wobei aber der Plauderton der ganzen Argumentationskette nicht wirklich hilft, sondern oft zu stark ablenkt. Wenn sich am Ende der Autor dann dazu hinreissen lässt, aus dieser neurobiologischen Sicht Optimismus für gegenwärtige globale Probleme abzuleiten, verlässt er dann für mich leider den Boden der fundierten Argumentation. Dann driftet das Buch eher in Richtung von seelsorgerischem Ton ab und verliert so seine klar Linie.