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Schaumschwester

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288 pages, Paperback

First published January 1, 2010

5 people want to read

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Thor Kunkel

17 books3 followers
Thor Kunkel studied in Frankfurt and San Francsisco and worked in the advertising industry before he began to wrote books. His novel 'Endstufe' is about porn movies produced by the Nazis and led to a dispute in German newspapers.

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1 star
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Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Hendrik.
440 reviews110 followers
March 26, 2021
In einem Gedicht von T.S. Eliot gibt es die berühmte Zeile: "This is the way the world ends / Not with a bang but a whimper." Der Sci-Fi-Thriller Schaumschwester setzt genau an diesem Punkt ein. Man schreibt inzwischen das Jahr 3011 und die Menschheit ist fast vollständig ausgestorben. Nicht aufgrund von Kriegen oder Seuchen, sondern ganz still und leise abgelöst durch eine neue künstliche Spezies. Rückblende: Eintausend Jahre zuvor. Der Kryptoanalytiker Kolther soll im Auftrag einer Brüsseler Geheimloge den Computer eines Unternehmers knacken, der lebensechte Puppen produziert. Der Schnüffler soll sich Zugang zu dessen Kundendatei verschaffen, weil die Sexpuppen sich stetig wachsender Beliebtheit erfreuen und eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität darstellen. Mit seiner Assistentin macht er sich auf den Weg nach Nizza, wo die Jahreshauptversammlung der Puppenliebhaber stattfindet. Eine Gruppe wohlhabender Männer, die den echten Frauen ein für allemal abgeschworen haben. An ihrer Stelle bevorzugen diese Technosexuellen das Zusammenleben mit einer Schaumschwester. Einem High-End-Produkt der Sexindustrie, die keine Widerworte gibt und obendrein noch den Haushalt schmeißt. Der Nachteil an der Sache: die Fortpflanzung leidet darunter. Auf lange Sicht führt der Geburtenrückgang zum langsamen Aussterben der Menschheit.

Im weiteren Fortgang entwickelt sich daraus eine klassische, sehr flott geschriebene Spionagegeschichte. Angereichert mit einigen kritischen Gedanken über die Auswüchse der Konsumgesellschaft oder das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Der Roman endet damit (kein Spoiler!), dass der Homo Sapiens sich endlich selbst überwunden hat. An seine Stelle tritt die Ordnung der synthetischen Schwesternschaft. Ganz im Geiste von Nietzsche ist aus den Trümmern eine höhere Menschheit entstanden, frei von Hass- und Rachegefühlen.
Wir Neuen, wir Synthetischen, verkörpern dabei keine überlegene Rasse, wir verkörpern die überlegen ausgerüstete Art, die Gattung, die sich im höchsten ästhetischen Gehalt manifestiert: Mit uns blickt der anorganische Kosmos erstmals in einen Spiegel und auch wir, meine Schwestern, wagen den Blick und erkennen, dass wir der Übergang zum Göttlichen sind.
So weit, so gut. Allerdings enthält das Buch einige äußerst zweifelhafte Passagen. Da ist von der Dekadenz der westlichen Industrienationen die Rede oder von einer feminin durchweichten Gesellschaft, in der Frauen permanent bevorzugt werden. An anderer Stelle steht:
Fehlgeleitet von einem falsch verstandenen Altruismus betrieben die Zivilisierten eine Abschwächung der natürlichen Selektion und kultivierten stattdessen Defekte.
Es wird ein Schrumpfen der westeuropäischen Population konstatiert, aufgrund des Fortpflanzungsdrucks der Araber und Afros, sowie fanatischer Muslime und verrückter Analphabeten, welche die Gebärmutter als Waffe einsetzen. Noch ein charakteristisches Zitat in voller Länge:
Wir können nicht ewig und drei Tage lang Milch und Honig nach Afrika pumpen, damit sich die Schlauchtüten dieser Gebär-Skelette noch schneller füllen! Oder dass die verschleierten Tonnen von Gaza-Stadt noch mehr Hass in die Welt setzen ... Nennen Sie mich einen hartherzigen Bastard, Robert, aber die Schaumschwester wird diese Brut sanft und gewaltlos sterilisieren.
Man liest von unterprivilegierten Palästinensern, Afghanen und Pakistanern, die mit einem Haufen synthetischer Huris versorgt werden sollen, damit sich die Plage nicht mehr vermehrt. Von der Politik wird stets als politische Kaste gesprochen, die allein am Erhalt der eigenen Macht bzw. des Systems interessiert ist und keinen Gedanken an das Stimmvieh verschwendet. Die Elite erscheint hier als Triumvirat aus Politik, Geldverleihern und Mediengesindel. (Beachte: Nicht etwa Banker, sondern das alte antisemitische Stereotyp vom Geldverleiher!) Und natürlich darf eine Anspielung auf Bill Gates als Personifikation des Bösen nicht fehlen.

Ich glaube das reicht fürs Erste. Den Einwand, dass Erzählinstanz und Autor nicht identisch sind, kann man in diesem Fall nicht ohne Weiteres gelten lassen. Thor Kunkel hat bereits mit seinem 2004 erschienen Roman Endstufe, einen mittleren Skandal verursacht. Der Rowohlt-Verlag zog die Publikation zurück, nachdem der Vorwurf einer oberflächlichen und verharmlosenden Darstellung der NS-Diktatur aufkam. Es ging in der trashigen Story um im Dritten Reich produzierte Pornofilme. Die Ablehnung durch den Verlag war der Bruch im Verhältnis von Kunkel zum Literaturbetrieb bzw. den Medien. Inzwischen lebt Kunkel in der Schweiz und betätigt sich als PR-Berater. Selbst bezeichnet er sich als Dissident, der ins Exil gezwungen wurde. Zur Bundestagswahl 2017 entwarf er für die AFD Wahlplakate, u.a. mit den Slogans "Burkas? Wir steh'n auf Bikinis" oder "Neue Deutsche? Machen wir lieber selber." Das sollte aus der Partei ein happy product machen.

Vor diesem Hintergrund erscheint der vorliegende Roman in einem völlig anderen Licht. Zwar wurde das Buch bereits 2010 veröffentlicht, aber die Linie ist doch klar erkennbar. Es finden sich darin die gleichen Ressentiments, Verschwörungstheorien und das verächtliche Vokabular, wie in den Äußerungen von AFD-Mitgliedern, Pegida-Anhängern, Reichsbürgern und Querdenkern. Man wundert sich, dass einem renommierten Verlag wie Matthes & Seitz das nicht weiter aufgefallen ist. Kunkel verfügt zweifellos über erzählerisches Talent, aber er benutzt seine Figuren, um ungezwungen Kernbotschaften des rechtspopulistischen Milieus zu transportieren. In diesen Kreisen vertritt man z.B. vehement die These vom Großen Austausch (d.h. die europäische Bevölkerung soll mittels Masseneinwanderung zersetzt werden). Im Buch bewegt sich Kunkel bei diesem Thema noch weitgehend im Grenzbereich des Zweideutigen. Mittlerweile hat er das nicht mehr nötig. Im KOPP-Verlag publizierte Kunkel unlängst "Das Wörterbuch der Lügenpresse". Glückwunsch! Da kommt zusammen, was zusammen gehört.
Profile Image for Ronjizzle.
19 reviews
May 2, 2024
Interessante Idee, aber die nahezu Ideologie des Autors wird in diesem Roman leider doch sehr deutlich. Second-hand Kauf ohne Ahnung über die Lebensgeschichte des Autors, welche ich mir erst im Nachhinein zu Gute führte. Kunst und Künstler zu trennen wird einem hier sehr, sehr schwer gemacht. Vieles m.M.n. unter der Gürtellinie.
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