Eine ehemalige Zechensiedlung, mitten im Ruhrgebiet. An einem kalten Aprilmorgen wird auf dem nahe gelegenen Friedhof eine tote Frau entdeckt. Ausgerechnet Margareta Sommerfeld, frisch von ihrem untreuen Partner getrennte Verkäuferin bei Hertie in der Süßwarenabteilung und glühende Verehrerin von TATORT-Kommissarin Maria Furtwängler, fühlt sich dazu berufen, bei der Aufklärung des Mordes mitzumischen. Drei Tatverdächtige hat sie bereits im Visier, als eine weitere Leiche auftaucht …
Eisaugen Margit Kruse Überraschenderweise bin ich auf dieses Kleinod humoristisch- kriminalistischer Literatur an einem kalten Wintertag in Wulfen aufmerksam geworden. Da trug es sich zu, dass Autoren der Region aus ihren Werken vorlasen. Nachdem ich dem Kriminalroman zu Beginn der Lesung eher eine unbedeutende Rolle zugemessen hatte, war ich nach wenigen, vorgetragenen Seiten vom Schreibstil, Humor und von der Spannung des Buches derart angetan, dass es im Anschluss an die Lesung sofort in mein Bücherregal wanderte. Ich habe das Lesen bis zur letzten Seite genossen. Im Mittelpunkt der Geschichte, die in einer ehemaligen Zechensiedlung in Gelsenkirchen im typischen Ruhrgebietsmilieu spielt, steht Margareta Sommerfeld. Gerade hat die fast Vierzigjährige Verkäuferin bei Hertie ihrem Verlobten Bertl wegen seiner Untreue des Laufpass gegeben, da wird auf dem Friedhof neben ihrer Wohnung eine junge Frau tot aufgefunden, mit einer Baccara -Rose in der Hand. Margareta, die von ihrer Klatsch- und Tratsch süchtigen Mutter ausgiebig mit Neuigkeiten zum Mordfall versorgt wird, beginnt eigene Nachforschungen anzustellen. Nicht zuletzt, um jeden Argwohn gegen ihren illegal in Deutschland lebenden, polnischen Liebhaber Karol im Keim zu ersticken. Da gäbe es nach Margaretas Gespür schon einige Verdächtige, und haben kalt blickende Eisaugen nicht etwas besonders Teuflisches an sich? Als Margareta eines Tages einen anonymen Brief mit Fotos der Ermordeten und weiteren geknebelten Frauen erhält, fragt sie sich, ob sie selbst nicht vielleicht als Nächste auf der Liste des Mörders steht. Und es bleibt tatsächlich nicht bei einem Toten. Dieser Kriminalroman brilliert nicht nur durch seinen spannungsreichen Handlungsverlauf; er ist auch eine kontrastreiche, pointierte Milieustudie des Ruhrgebiets und seiner Einwohner. Skurrile, schräge, verschrobene Typen rücken ins Blickfeld des Betrachters, geführt von einem auktorialen Erzähler, der den einzelnen Figuren viel Raum für Selbstdarstellung lässt. Es gelingt der Autorin hervorragend, fortwährend falsche Fährten zu legen. Da gibt es den Friedhofsspäher und ehemaligen Leichenwäscher, der eine Vorliebe für Bilder von schön dekorierten Toten hegt, den 50 Jährigen Beamten mit morbiden Träumen, der immer noch mit seiner Mutter zusammen wohnt und über ein Outfit der 60er Jahre nicht hinausgekommen ist, den Sex besessenen Ex-Verlobten von Margareta, der mit immer neuen Liebschaften aufwartet – und alle besitzen diesen Eisaugen-Blick. Jeder von ihnen könnte ein Mörder sein. Formulierungstechnisch nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund. Ihre Schilderungen der Personen und des Geschehens sind humorvoll und bissig und lassen Leser mehr als einmal laut auflachen. Ein Highlight: Die Schilderung des bunten Nachmittags in der sog Seniorenstube der Kirchengemeinde. Margareta Sommerfeld ist die Zentralfigur der Geschichte. Eine etwas naive, aber durchaus sympathische Hobbyermittlerin per Zufall. Ihr Agieren ist höchst unprofessionell: Sie führt konzeptlos Gespräche. Sie konfrontiert den jeweils Verdächtigen direkt mit dem Tat-Vorwurf, sie gibt wichtiges Beweismaterial oder Vermutungen nicht an die Ermittlungsbehörden weiter. Und natürlich liegt sie mit ihren Verdächtigungen gründlich daneben. Kein klassischer Commissario mit Wiedererkennungswert, aber für den Plott unentbehrlich, da sie den Blick des Lesers auf verschiedene Personen und Geschehnisse lenkt. Und das ist von der Autorin sehr spannungsreich umgesetzt worden. Was mir nicht ganz so gut gefallen hat, war die Auflösung zum Schluss. Bertl als der kaltblütige Mörder aller Toten. Das hat sich aus der Schilderung seiner Person im Laufe des Romans nicht ohne weiteres ableiten lassen. Es wäre gut gewesen, die Figur des Bertl genauer zu beleuchten, um die Motive klarer werden zu lassen. Dennoch ein lesenswerter Krimi für alle, die auch mal zwischendurch schmunzeln wollen.
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