Ich habe dieses Buch geliebt! Es untersucht das gesellschaftliche Mutterbild im Laufe der Zeit und in der Gegenwart und die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse dazu, inklusive der Idee der Matresenz (Matrescence). Es ist auch sehr gut geschrieben, eine Zusammenstellung aus persönlichen Erfahrungen, Wissenschaftliche Recherche und Erfahrungsberichten von Müttern und Vätern. Dazu auch noch eine Untersuchung der Gesellschaft durch die Geschcihte und wie die Kindheit und die Rolle der Mutter sich entwicklete.
Spoiler: Laut Neurowissenschaft haben schwangere Frauen einen Vorsprung bei der Bindungshormonproduktion, aber die gleichen Werte sind für alle Geschlechter und alle Eltern leicht erreichbar.
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Einige Zitate:
“In seinem Erziehungsratgeber Émile (1762) schrieb Rousseau, dass allein die Mutter mit ihren Charaktereigenschaften wie »Geduld und Sanftmut« als Küm-merin infrage käme. Damit ging einher, dass Frauen neben der Fürsorge für die Kinder auch die Männer »[...] beraten, trösten und ihnen das Leben angenehm machen und versü-Ben« sollten. Rousseaus Schriften wurden in ganz Europa verbreitet und hatten einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Mut-terbilds. Denn in seinem Werk ging es tatsächlich weniger um Kindererziehung als um die Erziehung der Frauen”
“Einen grundlegenden Paradigmenwechsel hinsichtlich der Kindererziehung im deutschsprachigen Raum initiierte der Schweizer Pädagoge Heinrich Pestalozzi, dessen Grundideen und pädagogische Ansätze auch heute noch im Bildungsauftrag von Kindergärten und Schulen präsent sind. Pestalozzi war begeistert von Rousseaus Ideen und der Bedürfnisbefrie-digung der Kinder in den ersten Lebensmonaten. Seiner Meinung nach liebt eine Mutter ihr Kind immer aufgrund ihres angeborenen Mutterinstinkts. Sie sei von Natur aus befähigt, die wichtigste Triebkraft in der Entwicklung des Kindes zu werden, da der Wunsch für sein Wohlergehen bereits in ihr sanftes und unerschrockenes Mutterherz eingepflanzt sei." Pestalozzi ging aber noch einen Schritt weiter. Denn Mütter waren fortan nicht mehr nur verantwortlich für die liebevolle Umsorgung des Kindes, sondern es lag nun auch ausschließlich an der Mutter, ob sich der Nachwuchs gut entwickelte oder nicht. Von der Verantwortung, das kennen wir selbst aus unserem Alltag, ist es dann nur noch ein sehr wir selbst aus unserem Alltag, ist es dann nur noch ein sehr kleiner Schritt bis hin zur Schuld.”
“Ärzt*innen schreiben über Pathologien. Der Übergang einer Frau zur Mutter ist aber keine Krankheit. Daher publizierte sie immer wieder zum Thema Matreszenz und ermutigte die Frauen, nicht nur mit Psycholog*innen, sondern auch mit anderen Müttern darüber zu sprechen, um diese Entwicklung gesellschaftlich zu etablieren und zu normalisieren.
Sowohl Alexandra Sacks als auch Aurélie Athan gingen in ihren Publikationen aber noch einen Schritt weiter und verglichen die Matreszenz mit der Adoleszenz.”
“Dabei zeigte sich erstaunlicherweise, dass Mädchen in der Pubertät die nahezu selbe Hirnstrukturveränderung haben wie schwangere Frauen. Die Müttergruppe sowie die Jugendlichen wiesen im Bereich der grauen Substanz identische Veränderungen auf, nämlich eine Volumenverringerung. Dies stelle aber keinesfalls einen Verlust der Gehirnfunktion dar, so Elseline Hoekzema, es handle sich vielmehr um eine Art Fine-Tuning. In der Pubertät sowie in der Muttertät bilden sich neue Verbindungen, während nicht mehr genutzte ver-schwinden… Das Schrumpfen der grauen Masse im weiblichen Hirn ist also in diesem Fall kein Defizit, es ist - genau wie in der Pubertät - ein Merkmal neuronaler Spezialisierung."' Also eine Veränderung der Hirnstruktur, um die neuen und anspruchsvollen Herausforderungen, die mit Mutterschaft einhergehen, bestmöglich zu bewältigen. Da war er nun schwarz auf weiß: der Beweis für die Muttertät.”
“»Ja aber ... die Hormone...«, wenden nun sicher einige Väter aus ihren unflexiblen Führungspositionen heraus ein. Ja, die gibtes. Und gebärende Mütter schütten diese automatisch aus.
Aber die israelische Studie zeigt, dass alle getesteten Gruppen einen nahezu identischen Oxytocinwert im Speichel hat-ten. Sogar die heterosexuellen Väter, die zwar engagiert, aber
»nur« die zweite Bindungsperson waren, hatten gleich viel Lie-beshormon in ihrem Körper wie Mütter. Bei den Eltern unterscheidet sich lediglich der Prozess, wie es zu Reaktionen im Hirn und zur Ausschüttung des Hormons kommt.
Während bei den Müttern zunächst die Biologie entschei dend ist für das Elternverhalten, so setzt bei Männern das Für sorgeverhalten erst die biologischen Prozesse in Gang. Top-down bei den Frauen versus Bottum-up bei den Männern.”
“Forschende der University of Toronto sind diesem häufig auftretenden Phänomen genauer nachgegangen. Hierzu spielten sie jungen Eltern zwei Tonbänder vor. Auf einem waren die Schreie eines frischgeborenen Babys zu hören, das gerade aufgewacht war und gefüttert werden wollte. Auf dem anderen hörte man die ungleichmäßigen und sehr beunruhigenden Schreie eines neugeborenen Jungen, der beschnitten wurde. Während die Eltern sich beides anhörten, wurden ihre Hormonwerte (Cortisol, Testosteron und Prolaktin) ge-messen. Bei den Schreien des beschnittenen Babys, also der akuten körperlichen Qual, reagierten Väter und Mütter gleichermaßen alarmiert. Bei den Schreien des sich unwohl fühlenden Babys, das nach Nahrung und/oder Nähe verlangte, reagierten die Mütter schneller." Nicht, weil sie die besseren Fürsorgepersonen sind, sondern weil sie aufgrund ihrer Muttertät bereits sensibilisiert worden waren. Das bedeutet nicht, dass der Kindsvater weniger in der Lage wäre, sich um das Baby zu kümmern, sondern dass das Baby lernt: »Wenn ich mich melde, ist Mama immer zuerst da. Das finde ich toll.«
Auch hier möchten wir nochmals auf die Studie mit den homosexuellen Vätern hinweisen. Ihr Hirn reagierte in den Beobachtungen nämlich exakt so wie das der Mütter - sie waren in gleichem Maße alarmiert. Das ist allein der Tatsache geschul-det, dass jene Männer bewusst die Rolle der primären Bezugsperson einnahmen. Es ist also eine Entscheidung, sich zu sensibilisieren.”
“Sie sehen die flexiblen Arbeitsstrukturen eines Vaters (oder Partner*in) als elementar für die Gesundheit der neugeborenen Mutter an.' Denn ein Teil der Frauen hat nach der Entbindung gesundheitliche Probleme oder leidet an Kom-plikationen, die eine medizinische Versorgung erfordern.!* Dies können beispielsweise starke Blutungen sein oder auch Gebärmutterinfektionen, Blasen- und Nierenentzündungen, Brustentzündungen sowie Depressionen.Is Vermehrt treten diese Krankheitsbilder in den ersten Wochen auf, aber generell ist das erste Jahr nach der Geburt für Frauen eine kritische Phase, die oftmals eine medizinische Behandlung und in einzelnen Fällen auch ein lebensrettendes Medikament er-fordert. Das heißt aber konkret: Die kranken Mütter müssen kurzfristig zu einem Arzt oder einer Ärztin gehen können.”
“Abgesehen von Überlegungen zur Entlohnung von Care-Arbeit oder Elternzeit sollte es unser aller Ziel sein, die Sor-gearbeit endlich gerechter zu verteilen. Hierfür müssen wir unseren Blick auf diese Tätigkeiten schärfen oder sie noch einmal ganz neu betrachten. Einen Haushalt zu managen und sich um Kinder zu kümmern ist an manchen Tagen Schwerstarbeit. An anderen Tagen kann das Kümmern Kraft spenden und Spaß machen. Es gibt Aufgaben, die können an einem Tag nerven und an einem anderen mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen angenehm sein. Dem Kind auch nach einem anstrengenden Tag noch eine lange Einschlaf-begleitung zu gönnen, mit ihm gemütlich zu lesen und zu kuscheln, im Wissen, dass währenddessen die Küche aufgeräumt wird, kann so eine Tätigkeit sein. Eine menschenleere Wohnung in Ruhe zu putzen mit einem spannenden Hörbuch auf den Ohren, während die Kinder gerade drau-Ben ausgepowert werden oder irgendjemand den Wochen-einkauf macht, ebenso. Dies gilt für alle Geschlechter. Da es keinen Mutterinstinkt gibt, der Mütter mit bedingungsloser Liebe ausstattet, dürfen sie (und auch die Väter) ihre Elternschaft lieben, sie müssen es aber nicht. Oft sind es weniger die Tätigkeiten an sich, die Frauen als belastend empfinden, sondern dass vieles gleichzeitig passieren muss und meist an ihnen hängenbleibt. Selbst Studien, die belegen, dass Frauen um mehr als 50 Prozent gestresster sind als Männer, 5" veranlassen Frauen eher dazu, die Schuld für diesen Stress bei sich zu suchen als im System. Dass diese höhere Stressbelastung besonders in der Altersgruppe zwischen 35 und 44 Jahren auftritt - in unseren Breitengraden oft die Zeit mit kleinen Kindern -, ist kein Zufall.”
“Weil Nora, wie die meisten Mütter, unter einer enormen mentalen Last leidet, die hinter fast allen alltäglichen Arbeiten steckt. Und da sie als Teilzeitkraft am Ende mehr Care-Arbeit übernimmt als ihr Freund, muss sie auch mehr von dieser Last tragen. Wir möchten anhand eines Beispiels ver-deutlichen, wie groß der unsichtbare Rattenschwanz hinter einer einzigen Aufgabe im Alltag mit Kindern ist. Eine Tätigkeit, die allen Eltern bekannt sein dürfte: Die nächste Vorsorgeuntersuchung des Kindes steht an. Das Elternteil,
das mit dem Kind zur Vorsorge geht, übernimmt in diesem Fall die Care-Arbeit. Den Mental Load trägt aber die Person, die daran gedacht hat, den Termin zu vereinbaren, weil sie wusste, dass diese Untersuchung jetzt ansteht. Der Termin findet so statt, dass er nicht mit anderen wichtigen Terminen kollidiert - das muss die planende Person im Kopf haben.
Sie muss wissen, welche Impfungen anstehen, und sich im Vorfeld schon Gedanken darüber gemacht haben, welche das Kind erhalten soll. Sie muss rekapitulieren, wo der Impfpass liegt, und daran denken, dem Kind fürs Schulschwimmen am nächsten Tag eine Entschuldigung mitzugeben. Wenn Noras Freund mit einem seiner Kinder zur Vorsorge geht, dann unterstützt er Nora. Das ist wünschenswert, hilft Nora aber nur bedingt. Denn nur wenn er auch die Verantwortung für den gesamten Prozess übernimmt, erledigt er den ganzen Teil der Care-Arbeit, der mit einer Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt einhergeht. Und diese Situation lässt sich diese nahezu auf alle anderen Alltagsorganisationen übertragen.”