Einen Kriminalroman mit dem Titel "Torso" hätte ich sicher nicht aufgeschlagen, wenn Fleischhauers Die Frau mit den Regenhänden mir nicht als außergewöhnliches Buch in Erinnerung geblieben wäre, das sich nicht in ein Genre pressen lässt. Die Geschichte makaber drapierter Leichenteile wird vom Autor zurückhaltend als Roman, nicht als Thriller bezeichnet. Bei Hauptkommissar Martin Zollanger von der Berliner Kripo wundern sich die Kollegen schon länger, welche besonderen Fähigkeiten oder Beziehungen dem ehemaligen Volkspolizisten der DDR seinen Posten als Leiter einer Mordkommission im wiedervereinigten Berlin eingebracht haben. Zollanger zählt bereits die letzten beiden Jahre bis zur Pensionierung, in letzter Zeit wirkt der Chef verändert und gesundheitlich angeschlagen. "Das Ding", das in einer Abrissplatte, einem leerstehenden Mehrfamilienhaus, gefunden wurde, der Torso, diese die tote Frau entwürdigende Anordnung aus Teilen von Leichen und Tieren hat Zollanger gerade noch gefehlt. Zollangers Team, mit dem zweiten Fund einer Schimäre aus Mensch- und Tierteilen konfrontiert, arbeitet fieberhaft und mäßig erfolgreich an der Aufklärung beider Fälle. Nach dem zweiten Fund von Leichenteilen vermutet Zollinger hinter den Taten die direkte Botschaft eines im Bereich der Mythologie und der bildenden Kunst bewanderten Täters.
Parallel zu den Ermittlungen im Fall Torso im Plattenbau kommt das Mädchen Elin nach Berlin, deren Bruder sich hier das Leben genommen haben soll. Die Staatsanwaltschaft hat den ungeklärten Tod Erics zum Selbstmord erklärt und den Fall innerhalb weniger Wochen eingestellt. Elin hat erhebliche Zweifel an dieser Sichtweise und will sich zur Widerlegung der Selbstmordthese der Behörde umfangreiche Datenbestände von Erics PC und Sicherungslaufwerken zugänglich machen lassen. Elin braucht Beweismittel, um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Das hört sich leichter gesagt an als getan; denn Elin lehnt Autos, Fleichverzehr und den Geldkreislauf des kapitalistischen Wirtschaftssystems ab. Wenn das Mädchen, das seit dem 14. Lebensjahr auf der Strasse gelebt hat, Waren oder Dienstleistungen benötigt, erarbeitet es sich bei Zeittauschringen eine fiktive Währung, die sie in das Erwünschte tauscht. Um die PC-Nutzung in einem Berliner Internet-Café "bezahlen" zu können, muss Elin erst "Promessen" verdienen. Hagen, der Hacker, der für Elin Erics sorgfältig gesicherte Daten lesbar machen soll, hat schon bald vermutet, dass die Datenmengen von Erics letztem Arbeitsplatz stammen, wo er das Computersystem entwickelte und betreute. Hagen findet die Angelegenheit für die in IT-Fragen recht blauäugige Elin viel zu gefährlich, die mit jeder Aktivität an Erics PC evtl. darauf installierter Spyware neue Spuren präsentiert.
In einem dritten Handlungsstrang wird Inga Zieten entführt. Sie ist die Tochter des Bankers Hans-Joachim Zieten, der sich beim Handel mit Schrottimmobilien an den Töpfen des Aufbaus Ost bereichert und seine Verluste stets in kleinen Portionen der öffentlichen Hand oder viel zu gutgläubigen Anlegern untergejubelt hat. Zietens von Außenstehenden kaum zu durchschauendes Imperium kränkelt gerade, ein waghalsiger Rettungsplan erfordert höchste Geheimhaltung. In dieser Situation will Zieten das Einschalten der Kripo in des Verschwinden seiner Tochter dringend vermeiden. Zieten lässt sich von höchster Stelle direkt informieren und setzt einen seiner Lakaien als Sonderermittler darauf an, welche Symbolbedeutung Nachrichten haben könnten, die der noch unbekannte Entführer Ingas direkt für Zieten gestaltet hat.
Zollangers Team ermittelt im Wettlauf mit Zietens Privatschnüffler an der Schnittstelle zwischen betrügerischen Finanzgeschäften, der Rolle Erics und dem auffälligen Verhalten Zollangers während der Ermittlungen. Berlin, die Frontstadt der Vetternwirtschaft, das Milliardengrab westlicher Transferleistungen, dient Fleischhauers circa im Jahr 2002 spielendem Roman als Kulisse. Versatzstücke wie die Leichenteile, der nur nachlässig recherchierte angebliche Selbstmord Erics und auch der gesundheitlich angeschlagene Ermittler wirken zunächst vertraut aus Kriminalromanen, doch die Bedeutung von Bildern mittelalterlicher Mythen, als interessante Persönlichkeiten Zollangers patente Kollegin Sina, Elin und ihr ritterlicher Unterstützer Mirat können diese geringen Schwächen ausgleichen. Die befürchtete klischeehafte Darstellung eines Ermittlers ostdeutscher Herkunft blieb im Rahmen.
Sinn und Ziel des Romans war für mich nicht das Ermitteln des Täters, damit die Bösen bestraft werden und die Opfer Genugtuung erhalten, sondern stärker die der Handlung unterlegten ethischen Fragen nach der Rolle des Organisierten Verbrechens als etabliertem Bestandteil eines Regierungssystems. Elin als Verweigerin des Wirtschaftskreislaufs von Industriestaaten kommt in "Torso" die Rolle der Bürgerin zu, die aus dem gesellschaftlichen Wertekonsenz ausgestiegen ist. Elin fühlt sich von der staatlichen Justiz nicht geschützt und handelt u. a. deshalb selbst. Für einen Roman, der so viele brisante Fragen kritisch aufnimmt, fand ich zu Beginn die Sprache etwas zu einfach und die Anzahl zufälliger Wendungen zum Schluss hin wenig glaubwürdig. Insgesamt hat mich die Geschichte um Gier und Größenwahn, deren Ereignisse u. a. auf Elemente der Stasivergangenheit der DDR aufbauen, gut unterhalten.