Nach dem kurzen Brief vom langen Abschied und dessen Passagen, die mich wirklich getroffen haben in einer Zeit, wo ich genauso wenig Zugang zu mir hatte wie Handke (oder zumindest sein Erzähler), sind zwei weitere Bücher von Handke bei mir gelandet. Heute habe ich es es endlich geschafft, das eine ein zweites Mal in die Hand zu nehmen und zu Ende zu lesen, nachdem ich gehofft habe, Handke gibt mir Resonanz, wenn ich gerade wieder verstimmt bin und wenig mich zum Schwingen bringt.
Schwere, unerfüllbare Aufgabe. Einige Zeilen, die mich trotzdem bewegten:
"Und dabei war ich sogar stolz auf die Wut, weil sie in diesem Moment eine wahre Empfindung gewesen war und weil wahre Empfindungen so selten waren."
Von Lenz: "... und in der Straße, welche glänzte, schaukelte ein Kind auf einem Fahrrad weiter, das in der Stille knackte."
"Ich habe noch nicht recht gelernt, im Glück vernünftig zu bleiben und aufmerksam für die andern zu sein. Sehr selten gelingt das vernünftige Glück, das von der Umwelt nicht abschließt, sondern für sie öffnet." ("Eine Zwischenbemerkung der Angst" sein anregendstes Kapitel für mich)
"An einem kalten, unbeschreiblichen Tag,
wenn es nicht hell und nicht dunkel werden will,
die Augen sich weder öffnen, noch schließen wollen
und die vertrauten Anblicke nicht an das alte Weltvertrauen erinnern,
aber auch nicht als neue Anblicke ein Gefühl für die Welt herbeizaubern,
-- das zwei-einige poetische Weltgefühl --,
wenn es kein Wenn und Aber gibt,
kein Damals mehr und noch kein Dann,
verschwitzt die Morgendämmerung und der Abend noch unvorstellbar,
und an den bewegungslosen Bäumen nur ganz selten ein einzelner Zweig schnellt
-- als sei er um etwas leichter geworden,
an einem solchen Tag
geht auf der Straße,
zwischen zwei Schritten,
plötzlich der Sinn verloren:..." ("Die Sinnlosigkeit und das Glück", beim zweiten Lesen das bewegendste Kapitel, wohl die Passagen, in denen er laut wird, er für mich nichts vermittelt.)
Beschreiben des Gefühls, weil Kritik unmöglich ist: Fühle ähnliche Ausdruckslosigkeit, Entfremdung, Suche nach Sinn und nur ein Wiederfinden der Sinnlosigkeit, trotzdem ein Tragen der Widersprüche, der ausdruckslosen Lebendigkeit, die Sehnsucht nach Traum, Wunsch und dem Wahren, das doch so nah, aber ungreifbar erscheint.