Im Frühling 1947 kommt Emilie Reber in einer Kleinstadt am Bodensee an, um mit einer Leihbibliothek (und viel Entschlossenheit) den Nazimuff aus den Köpfen zu pusten. Unterstützt von einer jungen Friseurin, der Inhaberin eines Modegeschäfts und einem jüdischen Werbetexter/Verfasser von schlüpfrigen Geschichten geht sie dieses durchaus ambitionierte Unterfangen an und macht sich damit mehr als genug Feinde.
Dies als kurzer Abriss eines an Ereignissen nicht gerade armen Romans, den einigermaßen objektiv zu sehen mir schwerfällt.
Dafür ist mir die namenlose Kleinstadt am Bodensee viel zu vertraut - so sehr, dass ich eben da ein signiertes Exemplar von ‚Schmelzwasser‘ erstanden habe, nachdem ich die Lesung in Berlin dank einer anderen Veranstaltung mit Margaret Atwood (sorry, musste Prioritäten setzen) verpasst hatte.
Ich habe eine Weile gebraucht, um mit Emilie Reber einigermaßen warm zu werden - sie ist sperrig und festgefahren und nicht die charmanteste Protagonistin, die man sich vorstellen kann.
Muss sie aber auch gar nicht sein, denn wer will schon eine perfekte Heldin?
Bei ein paar Figuren (der junge Zängler!) hätte ich mir ein bisschen mehr Tiefe gewünscht, und dass sich die Handlung über fünfzehn Jahre zieht, nimmt etwas von der Dichte, aber die Seegfrörne 1963 und die damit einhergehenden Ereignisse machen ein äußerst lesenswertes, unterhaltsames Ende.
Ich weiß nicht, wie sich das Buch liest, wenn man die unzähligen Anspielungen auf lokale Eigenheiten, Traditionen und Örtlichkeiten nicht einordnen kann, aber für mich war’s trotz ein paar kleiner Holprigkeiten am Ende ein großes Vergnügen, das mir definitiv in Erinnerung bleiben wird, und das nicht nur, weil ich mich frage, wie viel tatsächlich Fiktion war.