Jump to ratings and reviews
Rate this book

Lauter Verrisse

Rate this book
German

203 pages, Paperback

First published January 1, 1973

37 people want to read

About the author

Marcel Reich-Ranicki

165 books44 followers
Marcel Reich-Ranicki was a Polish-born German literary critic and member of the literary group Gruppe 47. He was regarded as one of the most influential contemporary literary critics in the field of German literature and has often been called Literaturpapst ("Pope of Literature") in Germany.

Source: wikipedia.com

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
3 (16%)
4 stars
8 (44%)
3 stars
4 (22%)
2 stars
3 (16%)
1 star
0 (0%)
Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Lukas Rupp.
255 reviews5 followers
January 15, 2024
Marcel Reich-Ranicki ist der Literaturkritiker, der einst den Deutschen Fernsehpreis ablehnte, um ein Zeichen gegen die Verdummung des zeitgenössischen Fernsehprogramms zu setzen. Seine Analysen sind messerscharf und eloquent. Dennoch möchte ich bei allem Respekt vor dieser Person betonen, dass mir eine solch übermässige autoritäre Zusprechung in der Literatur dann doch etwas unverhältnismässig scheint. Autor*innen schreiben in erster Linie für das Publikum und nicht für Kritiker*innen. Die Gefahr in der Literatur eine elitäre Diskussion auszulösen über die Kunst, liegt nahe. Die gut begründeten Kritiken Ranickis konnten Schriftstellenden sicher hilfreich dabei sein, sich selber zu verbessern - gut möglich, dass viele von ihnen nach diesen Verrissen aber auch gehemmter in die Tasten tippten.
Profile Image for Andreas Steppan.
189 reviews18 followers
August 3, 2014
Fünf Sterne zu vergeben, ist drei Tage nach dem Tod Marcel Reich-Ranickis schon als Ehrenbekundung für ein einmaliges Lebenswerk Pflicht. Mit seiner Arbeit hat er das Leseleben und den Literaturgeschmack der Deutschen geprägt und einer breiten Masse Lust auf Bücher gemacht. Natürlich ist er auch eine große Inspiration für das, was wir hier tun: Meinungen über Bücher auszutauschen.
Hier bei Goodreads hätte Reich-Ranicki vermutlich in der Regel entweder fünf Sterne vergeben oder nur einen - Differenzierung und Schattierung waren seine Sache nicht. Jedem seiner Leser oder Fernsehzuschauer musste unmittelbar klar sein, ob er ein Buch gut oder schlecht fand. Mit Lobeshymnen verhalf er vielen Autoren - zum Beispiel Javier Marías - zu Bestsellern auf dem deutschen Markt. Deutlich mehr haben das Bild Reich-Ranickis aber seine als gnadenlos geltenden Verrisse geprägt, von denen er in diesem Band zwei Dutzend versammelt hat. Es liegt in der Natur des Menschen, dass solche Negativurteile mehr Neugier wecken als ein nettes Lob. Klar appelliert das an den niederen Instinkt der Schadenfreude - aber sei's drum, etwas Bosheit muss ein.
Wer aber glaubt, dass es von einem schlechten, destruktiven Charakter zeugt, zum allgemeinen Ergötzen auf den Schwachstellen von Büchern herumzureiten, dem nimmt Reich-Ranicki im Vorwort den Wind aus den Segeln. Dieser Essay über die Bedeutung der Literaturkritik in Deutschland war für mich der beeindruckendste Teil des Buchs. Reich-Ranicki legt dar, dass der Argwohn, der Literaturkritikern hierzulande traditionell entgegengebracht wird, etwas mit dem fest verankerten deutschen Obrigkeitsdenken zu tun hat. Der Kritiker wird da schnell als "Nestbeschmutzer" angesehen, der Unfrieden in die Gemeinschaft trägt. Demgegenüber verteidigt Reich-Ranicki Kontroverse und Meinungsstärke als unverzichtbare Elemente der Demokratie. Argumente, der Austausch von Pro und Contra, auch Streit haben ihm zufolge keine zersetzende, sondern eine stärkende Wirkung auf die Gesellschaft - oder in diesem Fall auf die Literatur.
Das bedeute nicht, dass der Kritiker immer Recht haben müsse. Tatsächlich hat Reich-Ranicki in der Praxis Widerspruch nicht nur geduldet, sondern im Gegenteil immer herausgefordert. Dass in Diskussionen nachher kaum einer gegen sein Temperament und seine leidenschaftlich vorgetragenen Argumente ankam - sprich: keiner kam zu Wort - ist eine andere Sache.
Ebenfalls tief demokratisch ist Reich-Ranickis Verständnis, dass Literaturkritik nicht dazu dienen soll, die Eitelkeit der Autoren zu schonen und ihnen allenfalls konstruktiv weiterzuhelfen. Vielmehr vertrete er als Kritiker die Interessen der Leser.
Und denen hat er in den im Buch versammelten Verrissen vor allem die Klarheit der Sprache und der Gedanken zu bieten. Die pointierten Formulierungen, der anschauliche Wortschatz und die oft beißende Ironie bereiten beim Lesen ein großes Vergnügen. Ich habe die 24 Beiträge schon um ihrer selbst willen genossen. Dass es inhaltlich von Haus aus weniger spannend sein mag, sich mit heute weitgehend vergessenen deutschen Romanen der späten 1960er-Jahre auseinanderzusetzen (etwa die Hälfte der Autoren war mir völlig unbekannt), spielte für mich da keine Rolle.
Recht sympathisch und unterstützenswert ist der Grundtenor, der sich aus den Verrissen herauskristallisiert. Reich-Ranicki stört sich immer wieder an hochtrabender Sprache, verkünstelten Metaphern und formellen Verrenkungen, die besonders intellektuell wirken sollen, ohne dass viel dahintersteckt, oder, wie er selbst formuliert, an "ebenjenem Mumpitz, der Tiefsinn vortäuscht und in Deutschland immer beliebt war und ist".
Ebenso missfällt ihm, wenn etwas nur "referiert" und "behauptet" statt "erzählt" wird, wenn Geschichten aus der Perspektive unintelligenter Figuren oder gar aus der beschränkten Sicht von Kindern wiedergegeben werden oder wenn ihn der Inhalt schlicht nicht interessiert. Einfach köstlich, wie sich Reich-Ranicki darüber echauffiert, auf welche Art die Autorin Helga M. Novak - etwa in der literarischen Miniatur "Die Gefrierpfanne" - Abläufe und Gerätschaften aus der Arbeitswelt beschreibt:

"Was geht mich das an? Wozu muß ich über die Arbeit in einem Leuchtstofflabor oder in der Versandabteilung einer Wollweberei informiert sein? Aber sollte mich derartiges interessieren, dann würde ich es entschieden vorziehen, Betriebsanleitungen und Gebrauchsanweisungen zu lesen oder mich von einem Reporter belehren zu lassen und nicht von einer Lyrikerin."

Liest man so viele Artikel Reich-Ranickis am Stück, fällt freilich schon auf, dass sich die Kritikpunkte und Argumentationslinien stark wiederholen. Seine Betrachtungsweise wirkt dadurch selbst etwas stereotyp, und leise Zweifel sind erlaubt, ob er mit seiner Holzhammer-Methode wirklich jedem einzelnen Werk gerecht wurde. Ihm selbst wäre es vermutlich am liebsten gewesen, wenn der Leser die von ihm verrissenen Bücher selbst zu Hand nimmt und ihm nachher vehement widerspricht.
Displaying 1 - 2 of 2 reviews