Wenn ich mir so einen Schinken (fast 800 Seiten) vornehme, dann möchte ich einen Roman mit epischen Ausmaßen lesen, in den ich mich fallen lassen und den ich wegsuchten kann. Und "Der Rausch" war auch dieses Buch - auf den ersten fünfzig Seiten und dann wieder irgendwo auf den letzten hundert. Dazwischen zog es sich leider wie Kaugummi und das ganze esoterische Geseier auf dem Nebenschauplatz machte die Sache nicht besser.
Es geht grundsätzlich um die Verlegung des ersten transatlantischen Telegraphenkabels von Irland nach Kanada. Das allein wäre ja schon unglaublich spannend. Aber daneben geht es noch um den amerikanischen Bürgerkrieg, das damals größte Schiff, Lincoln, Geisterbeschwörungen, untreue Ehemänner und Ehefrauen, einen Maler, Dirty-Dancing-mäßige Ferien in irgendwelchen Berghotels an der Ostküste der USA, und manchmal läuft auch Karl Marx durchs Bild. Das ist alles etwas viel, vor allem, weil die Hauptfiguren nicht in der Lage sind, die Handlung zu tragen.
Griesemer kommt wohl vom Film. Das merkt man. In seinem Prolog, in dem es um den Versuch geht, das damals größte bisher gebaute Dampfschiff der Welt zu Wasser zu lassen, schneidet er so gekonnt Szenen gegeneinander, dass man den Film praktisch vor sich ablaufen sieht. Auch der letzte Versuch, das Telegraphenkabel zu verlegen, ist so spannend geschrieben wie ein Thriller. Und doch: Er kommt vom Film, weshalb er wahrscheinlich die Notwendigkeit verspürte, seinen historischen Plot mit irgendwelchen Affären und Sexgeschichten zu unterfüttern, die mich schnell genervt haben. Weil sie unpassend, überflüssig und die (häufigen) Sexszenen in ihrer Deutlichkeit auch einfach zum Fremdschämen waren.
Dazu kommt dann noch der oben erwähnte esoterische Nebenschauplatz. Die Ehefrau des Protagonisten versucht, per Geisterbeschwörung Kontakt zu ihrer verstorbenen Tochter aufzunehmen. Okay, ich verstehe das Projekt - während der eine die Kommunikation per modernster Technik versucht, geht die andere in die andere Richtung und versucht alte, schamanistische Praktiken. Beide Kommunikationsversuche scheitern (zunächst) und erbringen dann poetischen Nonsens. Trotzdem wollte ich nicht so viel über eine Frau lesen, die völlig den Bezug zur Realität verliert, thank you very much.
Ein Buch mit unglaublich viel Potenzial, aber im Ganzen schnell wieder vergessen.