Zupan hat mit dem Krieg ein Problem. An einer Stelle lässt er seinen Protagonisten Berk sagen: „Ich kann Wichtiges von Unwichtigem nicht unterscheiden. Oder ist alles gleich wichtig?“ Dabei ist der Nachsatz wichtiger, als der erste Teil, nach dem man eine chaotische Abfolge einzelner Anekdoten, Ereignisse usw. erwarten könnte. Was zunächst chaotisch erscheint, entfaltet schon bald seine Logik im Sinne des „Alles- ist-gleich-Wichtig“. Berichtet wird aus der Perspektive eines einfachen, aber gebildeten Partisanen, der, wiewohl überzeugter Kämpfer für die Freiheit, das (existentialistische) Reflektieren über die Bedingtheit von Freiheit und Unfreiheit nicht lassen kann. Ist er freiwillig im Krieg? Ist irgendjemand freiwillig im Krieg? Das würde ja bedeuten, diesen Krieg gewollt zu haben, rationale Ziele in ihm zu sehen. Aber wenn dem nicht so ist: Gibt es trotzdem ein Ziel führt, für das zu kämpfen und womöglich zu sterben sich lohnt? „Da geht’s auch um viel Feinarbeit, Schach, und Poker, mein lieber Berk. Einer sitzt in Berlin, der andere in Ribnica, und sie spielen Fernschach … Einer in Moskau, der andere in New York … und auf der ganzen Welt stehen ihre Figuren herum … Verstehst du?« Ja, so eine Figur ist Berk, der nirgendwo ganz hingehört: Die Deutschen würden ihn als Partisanen erschießen und den Partisanen ist sein freies Denken jenseits aller Ideologien verdächtig. Berk sind die Porträts der berühmten Feldherren nichts als „Romantik“ (womit sicher der national- revolutionäre Zug osteuropäischer Romantik gemeint ist, der – anders als in der deutschen Variante – Innerlichkeit weitgehend fremd ist). Jenseits solcher „Romantik“ sind die Führer bloß „berühmte Schlächter nach dem Muster alter, idiotischer Heldenlegenden“.
Damit ist gesagt, was Zupan auf keinen Fall will: Eine weitere Partisanen- Heldenlegende stricken. Daher beschreibt er die quälenden Märsche, das sinnlose Geballer und das Sterben, die leichtfertige „Liebe“ in Zeiten, in denen es das letzte Mal sein könnte, die Überraschungen der Einkesselung, das Einander-Mut-Zusprechen und die sinnlosen Parolen der Parteibeauftragten synchron und scheinbar zusammenhanglos. Der Deutsch-Französische Krieg wird in der Reflexion des schon fast ohnmächtig Marschierenden ein „Obstgarten, Bäume, Soldaten; Soldaten, Obstbäume, ein Hof; Schüsse, Soldaten, Bäume.“ Plötzlich ist er von der Geschichte in die Literatur geraten: „Der stille Don, die Geschützbatterie im Schneegestöber, Pferde, der alte Weißgardist, ein Feldwebel, rettet die Batterie, Pferde, Pferde, weiße Gestalten im Schneegestöber. Pferde, Pferde, Budjonnys Kavallerie. Scholochow, Isaak Babel, Lidin, Iwanow. Die Steppe.“ Alles wirbelt in seinem Kopf und nichts fügt sich zu einem sinnvollen Bild. Postmoderne Stilmittel werden hier gekonnt und ohne jede Spielerei zur Verdeutlichung des Anliegens absolut passend eingesetzt. Der Krieg bleibt Berk sinnlos, wenn er den Sinn des Kampfes auch versteht und teilt.
Vor dieser Folie sind die Episoden um den deutschen Urlauber Bitter (sprechender Name!) zu sehen, der seinerseits mit der Sinnfrage ringt und seine Traumata kaum verwinden kann. Wozu war das gut? Immerhin sitzen sich die ehemaligen Gegner auf Leben und Tod nun beim Bier gegenüber und können nicht fassen, warum sie sich früher umgebracht hätten. Weil es Befehl war, würde Bitter sagen; weil du ein Deutscher warst, würde Berk denken, denn: „Wir beide, lieber Bitter, waren Pik Siebener in diesem Krieg. Die großen Kriegsspieler schreiben Memoiren oder lassen Geschichten ihrer Feldzüge verfassen. Wir beide aber sitzen irgendwo in Spanien und überlegen, was eigentlich war.“ Eine Antwort auf diese ständig über allem stehende Frage findet der Autor nicht.
Krieg ist sinnlos, das Sterben in ihm auch. Schießt einer auf dich, schießt du zurück und versuchst ihn zu töten, ehe er dich tötet-das ist alles. Ins Bild gebracht wird diese Absurdität, man mag an den Sisyphos von Camus denken, der seinen Stein den Berg so oft herauf rollt, wie er ihm wieder entgleitet (fragt sich bloß, ob man sich Berk bei Zupan „als einen glücklichen Mann“ vorstellen kann), im Tod des Spanienkämpfers Anton. Der wird vorweggenommen und angekündigt und irgendwann versteht man, dass er kurz vor dem Ende kommen und keinen Sinn haben wird. Da stirbt kein Held im Kampf Mann gegen Mann; da hat jemand einfach Pech. Und was könnte absurder sein als Pech- Haben? Hier gibt es weder Kausalität noch gesellschaftliche oder andere Bedingungen. Pech ist Schicksal und Schicksal ist absurd, weil unerkennbar und unbeeinflussbar. So ist es auch mit Berk. Der ist wie Anton ein Rädchen im Getriebe, auf das es nicht ankommt. Nur die Masse macht’s. Dagegen revoltiert das Bewusstsein des Autors: „Mich stößt etwas anderes ab. Diese unerträgliche Menschenherde im ewigen Kampf von Einzelnen um die Macht; um die Errichtung der Hierarchie im Wolfsrudel.“ Dagegen setzt Zupan Berks kindlichen Glauben an Versöhnung und an das Gute, obwohl er hoffnungslos in die (dem Autor bekannte) Zukunft schaut: „Die ganze Welt zitterte von einstigen, jetzigen und künftigen Ideologien. Ich aber hatte meine kindlichen Überzeugungen, dass man gut miteinander auskommen kann, und meinen pfadfinderischen und sportlichen Aberglauben an Kameradschaft und Treue für meinen Eintritt in eine derart ideologisch definierte Armee.“ Eine andere Armee gibt es nicht, also nimmt er die Ideologie hin so wie manch Ukrainer heute hinnehmen wird, dass er an der Seite des Bataillons Azow kämpft. Anders ist es nicht möglich.
Wer also ein zu Tränen rührendes Kriegsdrama erwartet, wird enttäuscht. Wenig Dramatik, dafür epische Märsche und ganz postmodern fragmentierte Reflexionen, die nicht aus einem Guss sind und doch langsam ihren Sinn um den Unsinn herum enthüllen: „Wer gern Cowboyfilme sieht, soll nicht in den Krieg ziehen.“ Das ist gut gesagt und trifft heute sicher die Ballerspieler aller Herren Länder ebenso. Bei einer der Betrachtungsweise ist die Einsicht folgerichtig, dass „Pessimisten, Melancholiker und Pazifisten […] einen Kriegszug schwerer [ertragen]. Das sieht man in den Etappen.“ Intellektuelle auch, möchte man hinzufügen. Mit Anton hat Berk darüber Streit. Der Arbeiter meint: »Man denkt nach … mit dem eigenen Kopf … irgendwo allein … und dann kommen einem die Zweifel. Wenn man aber der richtigen Organisation angehört, denkt und redet man mit Genossen, mit Gleichgesinnten … und die können einem helfen, die Zweifel zu zerstreuen.“ Sagt Anton und hat dabei selbst seine Zweifel. Und Berk erkennt: „Eines kann ich seelenruhig zugeben: dass eine ganze Volksmenge aus solchen wie mir nicht imstande wäre, auch nur eine Gemeinde, geschweige denn einen Staat oder ein ganzes Staatensystem zu bilden.“
Wo ist die Lösung? Die Reflexion findet keine. Allerdings finden Anton und Berk einander, werden im Geiste unzertrennlich. Eine Lösung im Bild der tiefen Kameradschaft? Vielleicht. Heute längst obsolet, abgelöst durch egofixiertes Besserwissen und scheinbares Bessersein. Da gibt es keine Gemeinschaft der Unterschiedlichen mehr, die Zupan im Verhältnis von Berk zu Anton und Bitter in Szene setzt. Wie war das früher? So kann – nach Berk/ Zupan – „in ein und derselben Schlacht der eine für den Kaiser fallen, der andere für das Volk, der Dritte für den Staat, der Vierte für eine Idee, der Fünfte für Gott, für den Führer, für die Revolution, für die Freiheit, für die Eroberung der Welt.“ Wofür also? Die Überlebenden kommen aus dem Krieg mit denselben unterschiedlichen Ideen, wem sie nun ihr Leben und ihre Arbeitskraft widmen wollen: Einem Volk vielleicht immer noch, einem Staat eventuell, manche einer Idee und der Revolution und einige bleiben sicher dabei, die Welt (jetzt vielleicht mit wirtschaftlichen Mitteln) erobern zu wollen. Der Krieg „reinigt“ nicht, macht nichts besser, schweißt niemanden zusammen. Von allem ist und bleibt er nur die Negation: „Menuett für Gitarre. »Wir sind und bleiben Menschenfresser.«“
Darüber kann man ein Bitter werden: »Glaube, Hoffnung, Liebe? Glaube woran? Hoffnung worauf? Liebe wozu? Unter einem blauen Himmel, der keine Farbe hat. In einem Leben, das von Zweifeln zerrissen wird.« Das ist dem Deutschen Bitter vom Krieg geblieben und so geht es dem Jugoslawen Berk ebenfalls. Was bleibt von so einem Buch, in dem alles in Frage gestellt wird und nichts ein sicheres Fundament für die Zukunft bietet? Dem Leser mit Sicherheit das Vergnügen an vielen einzelnen Einsichten und zitablen Sätzen. Davon ab vielleicht eine Botschaft: „Der Narr denkt immer an das, was zu Ende ist, der Weise an das, was kommt.“ Meint vielleicht, dass man sich von der Vergangenheit nicht binden lassen soll, dass sie den Menschen und sein Tun nicht bestimmen darf. In gut existentialistischer Manier trägt das Buch so die Botschaft an die Leserin/ den Leser heran, sich in den jeweiligen Umständen selbst bestimmen zu müssen. Es wäre gut, meint Berk/ Zupan, wenn man das auch will und mit vollem Bewusstsein tut. Die Zukunft nämlich ist mehr als eine Lehre aus der Vergangenheit, die es nicht gibt. Noch nie hat der Mensch aus der Geschichte gelernt. Zukunft gibt es nur, wenn man Vergangenheit radikal anders, nämlich SINNLOS denkt. Da gibt es wenig zu bewahren, wenig im Hegelschen Sinne aufzuheben. Zukunft ist das andere, das ganz andere, das Noch- nicht- Da- Gewesene als radikal Neues.
Vor allem zu entsorgen sind die Heldenlegenden, die uns vorgaukeln, dass da etwas gewesen wäre, worauf wir stolz sein könnten. „Ich kann den Nürnberger Prozess gegen die Kriegsverbrecher nicht vergessen. Etwas Finsteres, Schreckliches überkommt mich mit dieser Erinnerung. Es war eine Niederlage für alle Menschen aller Zeiten und aller Räume, und wir haben nichts daraus gelernt; wir haben ruhig zugesehen, wie das politische Verbrechen weiter- und weitergeht und sich sogar technisch perfektioniert. Nürnberg hat den letzten Vorhang weggezogen: Wir haben gesehen, wie der Homo politicus in seinen verborgenen Segmenten arbeitet; und wir haben den Vorhang gleich wieder zugemacht und uns damit getröstet, ein paar Kretins aufzuhängen. Jetzt gibt es keine Legende mehr. Die Todesindustrie ist Realität.“ Ich denke an die Mythen von der UPA, von Bandera & Co., mit denen Ukrainer in den Krieg ziehen, und die kitschigen Bilder der Kosaken- Romantik in den (a)sozialen Medien, die allzu viele für ihre der russischen überlegene Kultur halten, die sie erst verteidigen und dann Europa als ihren Beitrag zur Weltkultur verkaufen wollen. In den Köpfen dieser Menschen spiegelt sich - wie bei Zupan im Roman angedeutet - das ganze 19. Jahrhundert mit seiner Auflösung von Imperien in Nationen. In den Nachwehen des Zerfalls multiethnischer Gebilde wie Jugoslawiens oder der Sowjetunion in nationalstaatliche Fehlgeburten, deren perverser Nationalismus (bei Zupan klingen die alten und neuen Differenzen zwischen Serben und Kroaten an) heute nur noch nervt, trotzdem aber im Nuklearkrieg unser aller Untergang sein könnte, sieht man, wie die Heldengeschichten der Vergangenheit uns im Griff haben. Dagegen schreibt Zupan an, auch wenn er von Krieg Russlands gegen die Ukraine noch nichts wissen konnte. Was er wusste, ist, dass die „Todesindustrie“ in Form der grotesken weltweiten Rüstung über jede Friedenssehnsucht gesiegt hat. Vielleicht, weil wir uns in einem permanenten Krieg jeder gegen jede/ jeden befinden, an dessen Ende wir so wenig glauben können, wie Berk an das Ende des Zweiten Weltkriegs und seine Rückkehr nach Ljubljana: „Der Tanz hat begonnen, sagt man. Ein Menuett. Von einer Gitarre zu fünfundzwanzig Schuss gespielt.“
Jetzt, wo ich das schreibe, sitzt – wie auch Zupan schreibt – irgendwo in der Welt irgendjemand in einer Zelle und wartet darauf gefoltert oder an die Wand gestellt zu werden. Welche Hoffnung gibt es? Ist es unser Nachdenken? Sind es unsere Bücher? Retten uns Vernunft und Klugheit? „Klug sind nur die, die unseren Schwachsinn weidlich ausnützen. Die Klugen haben die Armeen und Polizeien der Welt in der Hand.“ Das letzte Wort? Zupan ist zu klug, uns falsche Hoffnungen zu machen. Und dennoch treffen die Gedanken, die Anton im Moment seines Todes von Berk zugedacht werden, auch auf das Verhältnis vom Leser zum Text und damit zu seinem Autor zu: „Es ist sehr gut, dass wir uns heute getroffen haben, dass du das alles gesehen hast, dass du hier bist.“
Dafür sind fünf Sterne und eine Leseempfehlung nicht zu wenig.