Fataler Fehlgriff
Im dritten Semester oder so kaufte ich mir einen Schuber mit Fontanes Werken von Tempel-Klassiker, die Wanderungen gab es nur als Höhepunkte. Fünf Romane waren bei der Zusammenstellung von zehn Bänden durch den Rost gefallen. Die kaufte ich mir später separat. Quitt, Graf Petöfy und die Poggenpuhls als Ullstein, Stine und Mathilde Möhring als Reclam. In den Achtzigern war ich ein ein Fonty-Fan und immer schon ein Komplettist. ich weiß nicht, wie oft ich in dem rororo-Bändchen von Helmuth Nürnberger meine Eindrücke überprüft oder mir Appetit für den nächsten ungelesenen Roman geholt habe. Andere Sekundärliteratur ist mir vollkommen entfallen, deshalb schreibe ich mal Nürnberger die Charakterisierung von Mathilde Möhring als kaltherziges Ungeheuer zu.
Dergleichen gab es sonst nicht in Fontys Universum in dem die Frauen entweder allzu leicht verletzlich oder lebenserfahren genug sind, um sich nicht irgendwie mit den Verhältnissen zu arrangieren. Jenny Treibels Strippenzieherei beim Stiften von ihrem neueren gesellschaftlichem Status gemäßen Hochzeiten ist wohl der macchiavellistische Gipfel unter den kanonischen Werken des unausgesetzten, wenn auch dezenten Lobsängers von Preußens Gloria. Diese unvermeidliche Zutat vergällt mir inzwischen den Genuss des großen Realisten, dem ich dergleichen eher übel nehme als einem Poltergeist wie Karl May oder Wilhelm Raabe, der sein Personal durch die Bank viel schrillere patriotische Töne anstimmen lässt. Allerdings gehört auch viel vom Einheitsbombast zu den nicht immer ganz properen Motiven/Überlebenslügen von Raabes Gestalten.
Aber zurück zum kaltherzigen Ungeheuer, Nürnbergers absolute Negativbewertung dieser vollkommen aus der Art geschlagenen Heldin, machte mich eher neugierig und weckte meinen jugendlichen Widerspruchsgeist eher noch. Zumal Stine und die Poggenpuhls sogar besser begonnen hatten als so mancher kanonische Roman, beim schwächelnden letzten Drittel befanden sich die beiden kürzeren Romane sogar in bester Gesellschaft, nur quälten sie den Leser nicht so lange wie die unselige Effi Briest. Doch im Gegensatz zu den anderen vier unterbelichteten Romanen, die, wenn auch in unterschiedlicher Konzentration, typisch Fontane waren und bei mir teilweise sogar besser ankamen als die Klassiker, erwies sich Mathilde Möhring als komplette Pleite. Wenn die Heldin wenigstens ein kaltherziges Ungeheuer wäre. Aber diese bürgerlich-brandenburgische Lady Macbeth ist frei von jedem Funken Dämonie, sondern eine schlichte Langweilerin. Fontane hat sich bei dieser Figur im Genre vergriffen, von daher krankt Mathilde Möhring nicht nur an einer bezeichnenden Leerstelle oder der typischen Finalschwäche des Alterswerks.
Im Gegensatz zu Quitt, wo Fonty durchaus seine Qualitäten in eine Gattung eingebracht hat, in der andere Schreiberlinge in Sachen Masse und Personal mit hohem Identifikationspotenzial mehr (Nach)Wirkung erzielen konnten, geht Mathilde Möhring absolut alles ab, was sonst Fontanes Romane ausmacht. Als negative Größe kann dieses dünne Bändchen durchaus das Bewusstsein für die Qualitäten Fontanes schärfen, weil Mathilde Möhring ein absolutes Nullum darstellt.
Unter den frühen Romanen von Wilhelm Raabe gibt sicher noch schwächere Bücher als Mathilde Möhring, die immerhin frei von Abschweifungen der Jean-Paul-Nachfolge ist und ihre Gemütsarmut ziemlich umstandslos preisgibt.
Aber kein Roman und keine Erzählung von Wilhelm Raabe, so weit mir bis jetzt bekannt, ist so vollkommen frei von Elementen, die am Ende doch über ein insgesamt schwaches Leseerlebnis hinaus nachwirken und im Gedächtnis wie im Gemüt Spuren hinterlassen, die man immer wieder gerne aufsucht.