Sprach-motivisch intensive Selbstbehauptungsgeste – stellenweise noch etwas roh.
Inhalt: 4/5 Sterne (Selbstbehauptungslyrik)
Form: 5/5 Sterne (dicht-verwoben-alp(träumend))
Erzählstimme: /5 Sterne (keine Erzählung)
Komposition: /5 Sterne (keine Erzählung)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (intensiv-teilweise etwas roh)
--> 13/3 = 4,3 = 4 Sterne
Tezer Özlüs Buch Die kalten Nächte der Kindheit erschien 1980 auf Türkisch und 1985 das erste Mal auf Deutsch. Es wurde 2025 im Rahmen der Erst-Veröffentlichung von Auf den Spuren eines Selbstmords neu übersetzt. Sie steht klar in der Traditionslinie Sylvia Plaths Die Glasglocke, Ingeborg Bachmanns Malina und verhandelt eine ähnliche Europa-Türkei-Problematik wie die Georg-Büchner-Preisträgerin von 2022 Emine Sevgi Özdamar mit ihrem Roman Ein von Schatten begrenzter Raum. Im Gegensatz aber zu Özdamar verbleibt Özlü klar in einem lyrischen Duktus, sodass die autofiktionale Thematik eine literarische Selbstbehauptungsgeste wird, die sprachlich, nicht inhaltlich von der Durchschreitung und Entgrenzung von Oppositionspaaren getragen wird:
Die Unendlichkeit in der Vereinigung zweier Menschen macht das Wesen eines Menschenlebens aus. Sie muss das Wesen der Sonne sein. Das Wesen der Kraft, die liebt und lieben lässt. Das Wesen der Wärme, die uns umhüllt. Der abkühlenden Nächte. Und der Sterne, die nachts den Himmel übersäen. Das Wesen des blauen Himmels über dem Mittelmeer muss diese Vereinigung sein. Diese Feuchtigkeit. Diese Kraft reicht ins Unendliche, sie schafft Leben und rückt schließlich das Leben in die Ferne, zu den Horizonten hinter der weißschäumenden Gischt des Mittelmeers oder seiner grünen Stille.
In Die kalten Nächte der Kindheit steht das Sexuelle klar im Vordergrund. Das lyrische Ich wächst in einer ärmlichen, prekären Dorflandschaft auf, mit einem Vater, der das Militärische einhämmert, der auf Disziplin besteht und der die sehr engen Wohnverhältnisse mit seiner Präsenz noch enger wirken lässt. Sexuelle Phantasien und Erfahrungen erscheinen so von Anfang an als der Ausweg für das lyrische Ich, das im Text zu einer Sprache sucht und findet, die nicht allein vom Körperlichen abhängt.
Plötzlich, auf diesem kleinen Platz mit Pflastersteinen, umzingelt von Wohnhäusern, rieche ich den Herbst. Der Wind vom Bosporus lässt meine Haare fliegen. Der Duft der Natur steigt von den gelben und orangefarbenen Herbstblättern am Boden auf zu mir – nichts habe ich je lieber gerochen. In dem Duft der Blätter auch er. Quicklebendig. Die schmale Gasse, die zum Markt hinter den Häusern am Wasser führt, ich laufe sie hoch.
Das verspürt sie, nachdem sie die Trennung und Scheidung von ihrem Mann durchschreitet. Sie erträgt die Kluft, die Lücke, und sie gibt dem Herbst den Hauch eines Lebendigen zurück. Sie arbeitet sich aus der Enge der Gassen, der Häuser, der sie bedrängenden Wohn- und Lebensverhältnisse heraus, denn sie läuft hoch und dort oben, wird die Gasse enden, sich weiten und ihr den Blick auf den Ozean, ihr geliebtes Meer freigeben, denn das nächste Kapitel heißt: „Mittelmeer, erneut“.
Özlü, in der Thematik eng mit Plaths Die Glasglocke verwandt, beschreibt, wie ein lyrisches Ich aus der Elektroschocktherapie und missbräuchlichen Geschlechterverhältnissen zu einem sich öffnenden Ich erwacht, das sprachlich gegen die hochgezogenen Panzer des Körperlichen arbeitet, um dem Sanften und Gewaltlosen Raum in ihrem Leben zu geben. Leider hat Özlü nicht weiter an dieser Thematik arbeiten können. Manches wirkt noch roh, noch zu wenig lyrisch bearbeitet, geformt, noch zu sehr einfach hineinmontiert, um vollends zu überzeugen. Die Grundstimmung und Intensität jedoch bleibt – das Ich, das in Die kalten Nächte der Kindheit entdeckt worden ist, ist zur vollen Blüte erwacht und lässt sich nicht mehr zum Schweigen bringen. Die Autorin ist leider nur zu jung verstorben (1986).
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): keine Erzählung
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
„Das Haus“. Familienverhältnisse. Vater Handwerker, liebt das Militär, Anfang der 1950er Jahre. Bäume als Motiv (Han Kang - Die Vegetarierin?). Kindliche sexuelle Erfahrung mit Schwester Süm. Bunni, die Großmutter, die verwelkt wirkt. IE folgt Schwester nach Istanbul. Kino. Beengte Wohnverhältnisse. Die IE schluckt Pillen, um sich umzubringen. Wacht in einer psychiatrischen Anstalt wieder auf. Bunni bereitet ihren Tod vor. Bunni bleibt zuhause.
„Schule und Schulweg“. IE besucht katholische Schule mit Nonnen, die abweisend wirken. Gottesversessen. Jenseitig. Müssen ein Gedicht zur Übung vom Buchstaben O singen. Hetzrede gegen Nietzsche. Dort lernt IE Günk kennen, mit der sie Literatur entdeckt. Beide Familien aus dem Schulmilieu, Vater und Mutter sind Lehrer. Brüder wollen nach Paris, Intellektuelle werden. Sexuelle Erfahrung mit Schwester hören in der Pubertät auf. Nachtleben in Istanbul. Günk und IE lernen Hayalet kennen, einen schmierigen Typen, kennt die Nachtschwärmer. Erster Sex mit einem namenlosen Mann. Günk geht nach Europa. IE beschließt jung zu heiraten, bloß raus aus dem Elternhaus. Abschied von Günk.
„Das Konzert von Léo Ferré“. In Berlin, wohnte bei einem Schriftsteller. Sie vermisst die Natur, den Ozean. IE wird wieder in die Nervenklinik gebracht. Ihr Mann lebt in Paris, unglückliche Ehe, er ist zu depressiv. „Einer flog übers Kuckucksnest“ hat große Wirkung auf IE, sie teilt die Erfahrung. Die Kranken können unter den Kranken nicht gesund werden. Fünf Jahre Aufenthalt im Krankenhaus. Fahrt nach Paris, durch die Porte des Lilas. Eheliche Untreue. Sie ist schwanger von einem anderen Mann. Abtreibung. Ehemann träumt nur von Paris. Besessen von Léo Ferré. Scheidung von ihm. Sie befindet sich noch in der Klinik. Krankenschwester will, dass sie sich vor einem Fremden auszieht. Sie weigert sich. Eine Frau springt zweimal aus dem Fenster, keiner hilft ihr. Frühling 1971. In Antalya, zum Nervenarzt. Elektroschocks. Kettenrauchen. Wieder auf freiem Fuß.
„Das Mittelmeer, erneut“. Sitzt an der Küste, am Bosporus. Nachbar hat sich umgebracht, fette Maus hinter Fensterglas, Ganis. Nachtleben in Istanbul.
… in jedem der Kapitel eine klare Bezugsperson, Süm (die Familie), Günk (die Schulfreundin), Ehemänner (Das Konzert von Léo Ferré), Ganis (Selbstmörder-Nachbar).
●Kurzfassung: Ich-Erzählerin spricht über ihre Erfahrungen, Reisen, Eheprobleme und Schwierigkeiten, sich anzupassen. Sie hat manisch-depressive Schübe, weshalb sie in eine Nervenklinik gebracht wird, wo sie Elektroschocks verpasst bekommt.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Narration in dem Sinne.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, in dieser Form des gleitenden Bewusstseinsbericht gar nicht wirklich möglich, alles erscheint als Phantom, Phantasma, als Erfahrungsrohmasse, die sich sprachlich langsam selbst bearbeitet
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Elektroschocks; die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen.
●Diskurs: Wahnsinn, Irrsinn, Heilung von psychotischen Zuständen.
… autofiktionaler Bericht, der sich nicht durch einen Plot, aber durch Bilder auszeichnet, also eher Prosagedicht, kein Narrativum, kein wirklicher Plot, aber dichte Bilder. Sehr verwandt zu Ingeborg Bachmanns „Malina“ und Emine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Der Text wirkt sehr kurz und teilweise noch sehr roh, was seiner Wirkung nicht schadet, was aber im Nachgang nicht völlig überzeugt.
--> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) klar sich abgrenzende Gestaltung, keine Erzählung, Erinnerungsdurchmischungen, keine klaren Bilder, Gefühls- und Bewusstseinszustände, Zeugnis, das sich dichterisch bearbeitet, um neue Bilder zu erschließen, neue Perspektiven zu finden. Klar im therapeutischen Diskurs angesiedelt, rettet sich aber hier durch die extrem poetische Spracheinfärbungen, die das Gleiten des Bewusstseins weg vom Dokumentarischen hin zum Künstlerischen gelingen lässt. Sprache als Mittel der Selbstbehauptung schiebt sich in den Vordergrund.
●Wortschatz: Tanne (1x), Platane (2x), Kiefer (2x), „Bäume“ (29x), Weide (1x). ABER: kein Wald. Vereinzelung, Individuum/Gesellschaft. Land/Stadt.
●Type-Token-Ratio: 0,212 hoch-lyrisch-verdichtet (Musil >0,25 - Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 9,7 Wörter – STAB 9,72, Median 8 Wörter. Kurz.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% - Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1013, relativ früh, eher beharrend.
●Auffälligkeiten: starke Oppositionspaare, Licht/Schatten, Stadt/Land, Religion/Sex.
●Innovation: schwierig bei einem so selbstbezüglichen Text, aber die Sprachverquickungen wirken frisch und unverbraucht. Kein Stern Abzug, da die Schreibweise nicht an Spannung verliert, immer wieder zu ihrer Lyrizität zurückfindet, auch wenn diese nicht eine völlig einheitliche Grundstruktur beibehält wie Sylvia Plath in „Die Glasglocke“
--> 5 Sterne
Erzählstimme: kein erzählerischer Text, fällt aus.
Komposition: kein erzählerischer Text, fällt aus.
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, mitreißend, verstörend, aber auch ermunternd
●Geärgert: nein, sehr subjektive Stimme, die sich absolut setzt
●Amüsiert: nein, dazu passt das Thema nicht, ernst, kämpfend, sich behauptend
●Gefesselt: ja, wie es ihr gelingt, sich abzugrenzen
●Zweites Mal Lesen?: vielleicht
… mich hat das übertriebene Beharren auf das Sexuelle gestört, was aber dazu passt, dass das lyrische Ich keine Worte für ihr Umfeld findet, um sich in ihrem Lebenswillen verständlich zu machen. Das Körperliche ersetzt die Vokabel, das Vokabular. Sie kommuniziert mit Berührung, weil sie ansonsten überhaupt keinen Zugang zu ihren Mitmenschen findet. Vereinzelung und Entfremdung der Grundtenor. Fehlende Zärtlichkeiten. Fehlender Raum, um Sanftheit zu entwickeln. Ein Stern Abzug für mich, da ich die geschwisterlichen sexuellen Erfahrungen eher überflüssig und daher eher entblößend, distanzlos empfand. Es gab für mich im Gesamtton keinen Grund, kindliche Sexualität auf diese Weise zu thematisieren.
--> 4 Sterne
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