"Was, wenn das Böse nicht von außen kommt, sondern längst unter deinem Dach lebt?"
Die Hoffmanns sind eine nach außen hin fast perfekte Familie. Viel Geld und ein großes Haus in der Idylle sind nur kleine Teile von dem Glück.
Sven Hoffmann ist erfolgreicher Journalist, der in der Vergangenheit einige Fehler gemacht hat und sich nun in einem Käfig gefangen sieht, der allerdings aus reinstem Gold besteht.
Franziska Hoffmann hat sich immer eine traditionelle Familie gewünscht, die nach alten Werten lebt, und trotzdem ist sie mit ihrer Entwicklung zur Hausfrau allmählich unzufrieden.
Und die Tochter der beiden, Tabea, muss sich langsam mit den Problemen auseinandersetzen, die mit dem Erwachsenwerden einherkommen.
Drei Figuren die nach außen hin alles haben und trotzdem unzufrieden sind. Und das alles ist nur der Anfang, als sich ein unbekannter in das Haus der Familie einnistet, nachts an ihrem Bett steht, von ihrem Müsli isst und ihrer Milch trinkt, und nicht ruhen wird, bis jedes einzelne dreckige Geheimnis der Familie an die Oberfläche kommt.
Ich hatte große Erwartung an das Buch und bis zur Hälfte ging ich davon aus, dass das hier ein neuer fünf Sterne Thriller wird. Tja, und dann ging alles irgendwie dermaßen schnell den Bach runter, dass ich noch gar nicht begreifen kann, wie man eine so starke Prämisse so gegen die Wand fahren kann.
Die Verborgenen ist für mich ein Paradebeispiel dafür, dass eine gute Story einen schlechten Schreibstil trägt, aber ein guter Schreibstil keine schlechte Story.
Eins vorneweg: Linus Geschke hat Literatur verstanden. Das Buch ist so unglaublich gut geschrieben, so atmospährisch und düster, dass sich einem die Nackenhaare aufstellen. Manche Sätze des Buches gleichen ganz großer Prosa. Was ich total toll fande!
Denn ohne dass ich hier Klischees bedienen will, kommt es mir oft so rüber, als schreiben weibliche Autoren "gefühlvoller" und "stilistischer" als männliche Autoren. Linus Geschke hat hier allerdings bewiesen, dass er der deutschen Sprache mächtig ist und fantastische Bilder mit dieser malen kann.
Bringt nur alles leider nix, wenn die Story dem Schreibstil absolut nicht gerecht wird. Das war nämlich leider gar nichts.
Die Story baut sich langsam auf, wir haben lange Prologe in denen die Charaktere durch innere Monologe vorgestellt werden und ihr Leben und ihre Motive beschreiben. Und das hat zunächst so gut funktioniert!
Allgemein war die erste Hälfte des Buches so atmosphärisch und gelungen, dass man lediglich ein anderes Ende hätte herzaubern müssen.
Obwohl Sven und Franziska sofort super unsympathisch daherkommen, mag man sie als Figuren zunächst sehr gerne. Beides sind geplagte Geister, die in ihrem Leben an bestimmten Punkten falsch abgebogen sind und denen man es einfach abkauft, wenn sie von ihren Fehlern berichten. Man verurteilt sie, aber trotzdem kann man sie als Figuren (nicht als Menschen!) gut leiden.
Meist ist es ja so, dass wenn Charaktere unsympathisch starten, im Laufe des Buches eine Charakterentwicklung folgt. Das war hier aber leider absolut nicht der Fall.
Und das hat mich irgendwie irritiert.
Beide Charaktere starten unsympathisch und werden dann im Laufe des Buches noch schlimmer. Und hier hört dann auch irgendwie der gute Wille bei mir auf. Ich sage im übernächsten Paragraph noch etwas zu den Figuren, aber jetzt erstmal etwas zum Plot.
Die Auflösung des Buches war auch komplett enttäuschend. Der Grund für das Phrogging war absolut nicht nachvollziehbar und an den Haaren herbeigezogen. Außerdem verfolgen wir quasi zwei Handlungen parallel. Und während die ganze Zeit über angedeutet wird, dass beide Storylines ineinander verwoben sind, kommt am Ende heraus, dass wir quasi zwei komplett voneinander unabhängige Geschichten verfolgt haben (die dann allerdings alleinestehend auch nicht wirklich funktioniert haben!).
Es ist schwer darüber zu sprechen, ohne zu spoilern, aber die beiden Storylines werden so gut wie gar nicht verknüpft. Dementsprechend ist auch die komplette Erzählperspektive von Tabea (der Tochter) absolut irrelevant. Man hätte sich komplett auf die Eltern konzentrieren und gut die Hälfte des Buches rauscutten können.
Nun zum Ende hin noch eine Sache, die mir sauer aufgestoßen ist und die ich nicht nachvollziehen konnte. Franziska, die Mutter, bringt im Laufe des Buches Aussagen, die so nicht stehengelassen werden können. Victim blaming ist da nur der Anfang.
Geschke greift die Aussagen zwar auf und kritisiert sie, gleichzeitig konnte ich absolut nicht verstehen, warum man der weiblichen Protagonistin solche Charakterzüge gibt. Franziska ist mit Abstand die schwächste Figur im Buch, aber anstatt, dass sie im Laufe der Handlung wächst und an "Stärke" gewinnt, scheint es so, als wollte Geschke lediglich ein Feindbild für den Leser schaffen.
Ich möchte das, was ich jetzt sage, mit nem dicken Disclaimer versetzen, und das geht gar nicht gegen Geschke persönlich. Aber es gibt Autoren (oftmals männliche) die in ihren Büchern eine feministische Haltung einnehmen wollen, dabei aber selbst misogyn rüberkommen. Ein Beispiel wäre dafür Riley Sager, den hier im deutchsprachigen Raum kaum einer kennt, der aber im englischen Raum oft für die Skizzierung seiner weiblichen Figuren kritisiert wird.
Ich habe ja am Anfang der Rezension die Figuren gelobt, eben weil ich davon ausging, dass eine Charakterentwicklung stattfindet und Geschke beide Figuren "fair" aus der Handlung entlässt.
Was aber stattdessen passiert, ist dass Franziska eine unangebrachte Aussage nach der anderen trifft, am Ende komplett abdreht und Realitätsbezug verliert und dann ganz am Ende die Hauptleidtragende des finalen Gefechts ist.
Sven, der Vater, hingegen, wird als sympathisch dargestellt, obwohl er diverse Affairen hatte, darunter auch mit deutlich jüngeren Mädchen. Aber weil er eben die männliche Figur ist, hält Geschke die Hand über ihn und lässt kein Haar auf ihn kommen. Ein Happy-End für ihn ist dann der Tropfen der (für mich zumindest) das Fass zum überlaufen gebracht hat.
So viel kam mir hieran falsch rüber und ich verstehe nicht, was sich Geschke bei der Konzeption der Geschichte gedacht hat.
Leider nur ein Stern, ich kann hier wirklich kein Auge zudrücken. Das heißt nicht, dass ich kein Buch vom Autor mehr lesen werde, weil mir ja wie gesagt der Schreibstil bombastisch gut gefallen hat, aber das hier war dann leider gar nicht meins.