Wedekind selbst spielte auf der Bühne den Dompteur seiner »Schlange« Lulu, ein anderes Mal Lulus Mörder. Doch das Faszinosum Lulu lässt sich nicht bändigen - bis heute.
Lulu scheint aus dem Nichts zu kommen. Ihr Wesen betört die Männer - egal, ob Arzt, Künstler oder Zuhälter - rasch so sehr, dass sie ihr verfallen und tragisch enden. Ist diese geheimnisvolle Frau deshalb so begehrt, weil jeder Mann in ihr sich selbst und sein eigenes Wunschbild lieben kann? In den Lulu-Dramen führt Frank Wedekind die Gestalt jedenfalls nicht nur bei ihrem strahlenden Aufstieg, sondern auch in ihrem Verfall vor. Sie gerät erst in die Prostitution und schließlich in die mörderischen Hände des Serienkillers Jack. Es stellt sich die Ist Lulu die männerfressende Femme fatale oder Opfer männlich geprägter Machtverhältnisse? Mit seinem Lulu-Dramen hat Frank Wedekind eine hellsichtige Analyse der Geschlechterbeziehungen, aber auch der Wirtschafts- und Machtstrukturen seiner Zeit geschrieben, die nichts an Aktualität verloren hat. Die Lulu-Dramen »Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora« zählen immer noch zu den bekanntesten deutsch-sprachigen Dramen und werden weltweit gespielt. Lulus Erotik und Gleichgültigkeit, Stärke und Schwäche wirken noch heute verführerisch und verstörend - auf jeden Fall faszinierend.
Frank Wedekind was a German dramatist whose bold, unconventional plays reshaped modern theatre by challenging social norms and exposing the hypocrisies of bourgeois morality, especially around sexuality. Raised between Germany and Switzerland and drawn early to travel, performance, and satire, he lived an eclectic life that included work in advertising, time with a circus, and a celebrated stint as a cabaret performer with the influential troupe Die elf Scharfrichter. His fearlessness as both writer and performer made him a central figure in the artistic circles of Munich, where his sharp wit and provocative themes influenced a new generation of socially critical satirists. His early play Spring Awakening caused an uproar for its frank depictions of adolescent sexuality, repression, and violence, while his two-part “Lulu” cycle introduced a character whose rise and fall exposed society’s fascination with desire and destruction. These works challenged censorship, pushed theatrical boundaries, and later inspired films, operas, and adaptations across decades. Wedekind’s personal life was intense and often turbulent, marked by complicated relationships, creative restlessness, and brushes with authority, including a prison sentence for lèse-majesté after publishing satirical poems. His marriage to the actress Tilly Newes brought both devotion and strain, reflected in the emotional swings of his later years. Even near the end of his life, recovering from surgery, he returned to the stage too soon, driven by the same energy that fueled his art. His influence extended well beyond his death, resonating through the Weimar era and shaping the development of expressionism and later epic theatre. Many of his works were translated, staged, or adapted by major artists, ensuring that his confrontational spirit and fearless exploration of human desire would remain part of the theatrical canon.
Wow, das hat mich unerwartet persönlich getroffen. Ich habe gemerkt, auch ich bin Lulu verfallen — die Ähnlichkeit zwischen ihr und meinen Freundinnen ist biographisch und wesensmäßig alamierend und faszinierend zugleich.
Das Doppeldrama ist definitiv ein Jahreshighlight, komme, was wolle. Es ist ebenso pervers grobschlächtig und brutal, wie psychologisch sensibel für die Komplexität von Projektion, Täter- und Opfertum und natürlich dem immerwährenden Machtkampf der Geschlechter.
Ich kann mir vorstellen, dass das Identifikationsmoment des Lesers mit jeweiligen Figuren(-typen) die allgemeine Sympathie zum Doppeldrama stark beeinflusst, würde die Lektüre aber dennoch jedem empfehlen — sie bietet reichlich, worüber es sich zu reflektieren lohnt. Kein Wunder, dass Frank Wedekind als einer der meist zensierten deutschen Autoren gilt.
Ursprünglich war Lulu als eine Tragödie gedacht, und meiner Meinung nach funktionieren die beiden Dramen auch nicht einzeln. „Erdgeist“ fühlt sich nicht ausreichend tragisch an, und „die Büchse der Pandora“ braucht den ersten Teil, damit wir Lulu ausreichend kennen. Die Trennung war wohl deshalb notwendig, weil der zweite Teil unmöglich aufgeführt (wenn überhaupt veröffentlicht) werden konnte. Einerseits gefällt mir das Ende sehr gut, andererseits kann man das Buch recht spannend interpretieren. Ein Beispiel: Vor Anfang des zweiten Teils steht ein Gedicht, in dem ein Autor sagt, dass es egal ist, wenn sein Drama nie aufgeführt wird, da er es in seiner Vorstellung aufführen kann. Ende Teil 1 gibt Lulu eine Aufführung, von der wir nur per Teichoskopie (Mauerschau) wissen. Tatsächlich kann Lulus Aufführung nicht dargestellt werden, weil Lulu dafür zu wenig tragen würde. Genau wie im Gedicht ist eine Aufführung nicht möglich und muss nur Vorstellung bleiben. Anfang des ersten Teils steht ein Gedicht über einen Zirkusdirektor, der einen Löwen mit Fleisch füttert. Das passt auch wieder zu Lulu, die gegen ihren Willen (praktisch) nackt vor dem Publikum auftreten muss. Alles in allem eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Und das, obwohl ich „Erdgeist“ alleine eher langweilig fand.
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