Dilemma: Vier Sterne vergeben oder drei? Meine Tendenz ging zum vierten Stern, aber ich konnte es einfach nicht. Der Spaßfaktor lag schon bei vier Sternen, aber "Totmannalarm" krankt leider an so einigem, das ein engagiertes Lektorat problemlos hinbekommen hätte. Dieser Feinschliff wurde nicht vorgenommen, aus welchen Gründen auch immer. Dem Endprodukt merkt man es leider an.
Ich bin ehrlich gesagt ohne große Erwartungen an dieses Buch herangegangen. Straftäter mal wieder, true crime mal wieder, gibt's ja heute leider wie Sand am Meer, Verbrechen zahlt sich halt doch aus, zumindest, wenn man content created.
Dann, direkt zum Einstieg, erfährt man erstmal die Familiengeschichte der Therapeutinnenfigur. Aha. So, so. Im Anschluss ihre bisherige berufliche Laufbahn. Na sowas. Und dann geht es erst in den Vollzug. Erster Tag an neuem Arbeitsplatz, ja, ist immer blöd.
Genaugenommen müsste ich hier schon endgenervt sein von dem klönigen Geplapper, bin ich irgendwo auch, aber andererseits bleibe ich auch bei der Stange, obwohl sich stilistisch schon die ein oder andere Unzulänglichkeit abzeichnet (alle Anstaltsfenster sind grundsätzlich "schmal"; im Gesicht des Sicherheitsbeamten finden sich "keine Anzeichen von tödlicher Gefahr", was ich hoffen möchte, immerhin sitzen die bösen Typen auf der anderen Seite des Gitters).
Die Therapeutin "Christiane Richter" (beliebiger kann ein Name nicht sein) ist an sich nicht jemand, mit dem ich viel Zeit verbringen möchte, soviel Naivität, soviel Verpeiltheit und Planlosigkeit und Passivität, und dann immer das Psychogelaber, und wirklich Arsch in der Hose hat die auch nicht, wenn man sich den Umgang mit Oberpflegern und Oberärzten und Obersekretärinnen und dem ein oder anderen Straftäter so ansieht: Ratlose Frau, die bei Gegenwind ängstlich den Kopf einzieht, das ist nicht so wirklich spannend.
Aber irgendwie war "Totmannalarm" dann trotzdem interessant. Und mit der Zeit entwickelt "Christiane Richter" (oh Gott, dieser Name) dann zwar nicht unbedingt Selbstbewusstsein und Power, aber wenigstens eine gewisse Souveränität. Auch wenn man sich als Leser zwischendurch immer mal wieder an den Kopf fassen möchte, etwa, was die Begegnungen mit ihrem fremdgängerischen Frauenarzt-Ex angeht; da fragt man sich dann schon, ob das ewige Verständnishaben berufsbedingt auftritt oder nicht doch ein Zeichen mangelnder Reife ist.
Die Prosa ist so la-la, da gibt es noch ordentlich Raum nach oben. Manches liest sich doch sehr anfängerhaft ("'Hm', knurrte er, schien mein Problem zu verstehen und dachte nach."), anderes ist einfach nur schräg, insbesondere, wenn die Autorin Äußerlichkeiten beschreibt: "Der Oberpfleger war ein massiger Mann mit einem murmelförmigen Kopf, in dem seine Augen im Fett versanken." Fett-Murmel mit versinkenden Augen. Uff.
Der Oberarzt ist nicht hübscher: "Die Wangen hingen schlaff herab, wie die von dem alten Bassett, der Hund unseres Nachbarn, nur die schwarzen Augenbrauenbüschel gaben dem Gesicht etwas Halt." 1. Was interessiert mich der Hund des Nachbarn? (Welches Nachbarn, von Nachbarn ist im ganzen Buch keine Rede, wo kommt der jetzt auf einmal her, und was geht es mich an?) 2. Echt jetzt? Der hat schulterlange Lappenbäckchen, aus denen der Seiber trieft? 3. Augenbrauenbüschel?? 4. Die Augenbrauen geben dem Gesicht Halt? Dem ganzen Gesicht? Die AUGENBRAUEN?? 5. Der ganze Satz ist irgendwie schief -- "wie die von dem alten Bassett", welcher Bassett??, "der Hund unseres Nachbarn", das stimmt doch alles vorne und hinten nicht. "Sein Gesicht erinnerte mich an den Hund unseres Nachbarn, einen alten Bassett, dessen Wangen ähnlich schlaff herabhingen. Nur die buschigen schwarzen Augenbrauen stachen heraus", so in der Art hätte man das vielleicht sinnvoller erzählen können.
(Und weil einmal keinmal ist, begegnen wir dem Oberarzt und seiner fragwürdigen Physiognomie ein paar Kapitel später gleich noch einmal: "seine Augen hingen wie graue Kugeln unter den schwarzen Augenbrauen." Wie, die hingen; am Faden oder wie? Baumeln die auch?)
Manches lässt mich zutiefst ratlos zurück, etwa wüsste ich gern, wie ich mir die folgende Dame vorzustellen habe: "Die kleine Stupsnase, ein voller Mund und schwarz umrandete blaue Augen, nun verbunden durch tiefe Gräben, die sich wie Schnitte über ihr Gesicht zogen." Aha. Gräben wie Schnitte. Die die Augen verbinden. Womit? Miteinander? Da hätte m.E. das Lektorat noch ein bisschen Hilfestellung geben müssen.
"Christiane Richter" (hate hate hate) grüßt "den Sicherheitsmann, der mittwochs eine Frau war". Aha. Der kommt dann also in Damenbekleidung und möchte Sabine genannt werden? Eines Abends muss "Christiane" einen potentiellen Vergewaltiger abwehren, der zum Glück flüchtet: "Seine Beine bildeten eine rotierende Scheibe, wie man so sagt." Sagt man das? Hab ich noch nie gehört.
"Christiane" steht leider öfter mal ein bisschen auf der Leitung, etwa, als ein Patient in einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Nord Storm" vor ihr steht: "'Nord Storm' konnte ja alles Mögliche heißen. 'Nördlicher Sturm' zum Beispiel." Nope, das wäre dann "Northern Storm". Macht ja nichts. Ihr Sohn guckt gern "He-Man, Masters of the Universe", was natürlich ebenfalls Unsinn ist. Genauso wie die Beschreibung des gerade aus einem Alptraum hochgeschreckten Söhnchens: "schreckensbleich, mit rot geweintem Gesicht". Ja, was denn nun?
Die studierte Psychotherapeutin stellt gern mal steile Thesen auf, die ich ganz gern vertieft (und belegt) oder alternativ entfernt gesehen hätte, etwa folgende Weisheit: "Jemand hatte mir einmal gesagt, dass Ritterlichkeit eine Form des Frauenhasses sei". Ach was? "Jemand"? "Jemand hatte mir mal gesagt", das ist in Sachen Formulierung nun wirklich das Allerdoofste, das riecht schon fies nach Populismus vermischt mit Blödheit und Meinungsmache. Und dann noch so ein absoluter Quark von einer Behauptung. Ritterlichkeit=Frauenhass, schön, wenn die Welt so schlicht ist, dass man sie mit Pauschalbehauptungen erklären kann. Das sind die Passagen, in denen ich meine 3,5-Sterne-Wertung abrunde auf 3, statt auf 4 hochzugehen.
Vielleicht (hoffentlich) wird das im fertigen Endprodukt korrigiert, aber in meinem Lese-Exemplar fanden sich permanent sie/Sie, ihr/Ihr-Irrläufer, die zwar einerseits unfreiwillige Komik transportierten ("Wie Sie wissen, müssen wir Geräte darauf überprüfen, ob man aus Ihnen eine Waffe herstellen kann."; "Diese Formeln sind so ungeheuer praktisch. Man kann Sie wie einen Schutzschild benutzen"), aber letztlich einfach nur ärgerlich sind: Da wurde beim Korrekturlesen offensichtlich mächtig geschlampt.
Trotzdem, alles in allem hat mir "Totmannalarm" gefallen; ich hatte Spaß beim Lesen und hätte gern noch mehr von "Christiane Richter", ihrer seltsamen Familie und den schlimmen Insassen erfahren. An sich hätte ich gern vier Sterne gegeben, aber der zeitweise doch sehr schlichte Schreibstil bzw. das lieblose Lektorat haben die Wertung leider nach unten korrigiert. Wenn der Verlag eine Idee mehr Zeit und Aufwand investiert hätte, wäre "Totmannalarm" ein richtig gutes Buch geworden.
Meinen Dank an Netgalley & den Verlag für die Überlassung eines Lese-Exemplars im Austausch für meine ehrliche Meinung.