Mal eine ganz andere Perspektive!
Wie schon so häufig erwähnt, gehört das 20. Jahrhundert mit dem Mittelalter zu meinen bevorzugten Epochen bei historischen Romanen, weshalb mich dieses Buch rein von der Zeit her angesprochen hat. Von der Autorin habe ich bisher noch nicht gelesen, aber ich fand es interessant, dass in dieser Reihe einmal nicht Fürst:innen, Politiker:innen oder Köng:innen im Vordergrund standen, sondern die „kleinen Leute“, das Personal. Dementsprechend habe ich mich sehr gefreut, dass ich das Buch für eine Lovelybooks-Leserunde als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen habe. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken, meine Meinung beeinflusst dies jedoch nicht.
Das Cover fand ich direkt ansprechend, das Grün ist eine wirklich schöne Farbe, wenn man das Buch in den Händen hält. Mich haben die darauf abgebildeten Frauen in Kombination mit dem Titel vermuten lassen, dass in dem Buch wohl so einige Intrigen gesponnen würden und nach Lesen der Geschichte kann ich dies auf jeden Fall bestätigen. Die äußerliche Gestaltung ist für mich demnach also wirklich gelungen.
Im ersten Teil der „Schloss Liebenberg“-Reihe geht es um die junge Adelheid, Tochter eines Tagelöhners, die aus unerklärlichen Gründen im Schloss des Fürsten Eulenberg als Stubenmädchen anfangen soll. Damit handelt sie sich direkt Neid und Missgunst von Seiten der anderen Angestellten ein und auch sonst muss sie sich fast täglich neuen Herausforderungen stellen. Außerdem ist da noch der geheimnisvolle Viktor Novak, der ihr von Anfang an gefällt. Doch schnell muss Adelheid feststellen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt…
Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, neben Adelheid gibt es noch das Stubenmädchen Hedda, den Ersten Diener Viktor Novak, die Gouvernante der Komtessen Konstanze Maiwald und immer mal wieder die verschiedensten politischen Figuren, die erzählen. Das ist immer sichtbar voneinander getrennt, da auch innerhalb von Kapiteln immer mal wieder Perspektivwechsel erfolgen und das erleichtert das Lesen bzw. das Verständnis, was ich sehr wichtig finde.
Der Schreibstil von Hanna Caspian hat mir sehr gut gefallen, er war flüssig, der Zeit entsprechend, angenehm zu lesen und man kam gut voran.
Anfangs hatte ich schon einige Schwierigkeiten, die Charaktere auseinander zu halten, da es ja doch recht viele sind, da hilft das vorne abgebildete Personenverzeichnis. Ich mochte Adelheid, wobei mir bis zum Schluss nicht ganz klar war, warum ausgerechnet sie ausgewählt worden ist, im Schloss zu arbeiten, vielleicht wird das ja in den weiteren Bänden noch aufgeklärt. Ich fand sie war eine aufgeweckte, lernbegeisterte junge Frauen, der das Leben wirklich oft übel mitgespielt hat. Immer wenn man dachte, dass etwas Ruhe eingekehrt, bahnte sich die nächste Katastrophe an. Ich mochte auch ihre Entwicklung und wie sie für sich eingestanden hat, aber die Richtung, in die sie gegen Ende schreitet, gefällt mir leider nicht so…
Auch Viktor Novak war mir sympathisch, ich bin gespannt, wie lange er sein Geheimnis noch hüten können wird.
Hedda und Konstanze Maiwald waren zwei junge, selbstbewusste Frauen, die den Herausforderungen des Lebens strotzen und für sich einstehen.
Lydia Keller und Oswald Opitz waren zwei wirklich schreckliche Charaktere, bei denen ich hoffe, dass sie in den Folgebänden entlassen werden.
Adelheids Eltern und ihre Geschwister sind wirklich bemitleidenswert, der Vater handelt unfassbar egoistisch und die ganze Familie muss darunter leiden, das ist wirklich schlimm.
Generell zeigt sich in diesem Buch, wie anders die gesellschaftlichen Verhältnisse vor knapp 120 Jahren waren. Mehrfach wurde betont, wie unfassbar es sei, dass Adelheid als Stubenmädchen eingestellt wurde, obwohl ihr Vater ein Tagelöhner ist. Natürlich haben es auch heute die Kinder aus einkommensschwächeren Haushalten immer noch schwerer, eine gute Bildung und einen ausreichend bezahlten Job zu bekommen, aber es hat sich dennoch vieles gebessert. Die Vorstellung, dass vor noch gar nicht allzu langer Zeit so viele Menschen in Deutschland gehungert haben, ist wirklich beängstigen und angesichts der Energiekrise ist es vermutlich auch nicht unwahrscheinlich, dass diesen Winter wieder viele Menschen frieren und hungern müssen
Wie eingangs erwähnt, finde ich es toll, dass in dieser Geschichte auch dem Personal eine Stimme verliehen wurde und dass viele von ihnen so aufgeweckt sind und die Gegebenheiten kritisch hinterfragen. Sicherlich hätte man anhand der Geschehnisse ebenfalls eine Geschichte aus Perspektive der Fürst:innen rekonstruieren können, aber die damals herrschenden politischen Konflikte hat man auch durch die Dienstbot:inneperspektive erfahren können und es ist einfach schön, dass Menschen, für die sich jahrhundertelang niemand interessiert hat, nun auch mal im Vordergrund stehen.
Fazit: Ein sehr gelungener Reihenauftakt, der viele Intrigen beinhaltete und deshalb auch nie langweilig wurde, da man „hinter den hellen Schein“ eines Fürst:innenhaushalts zu Beginn des 20. Jahrhunderts blicken konnte. Ich werde mir auch die anderen Bücher der Autorin mal genauer anschauen und die Reihe definitiv weiterverfolgen.
4/5