Lateinamerika hat mit seinen Denkanstößen wie der Befreiungstheologie, dem epistemischen Ungehorsam und der materialistischen Theorie der Kolonialität die dekoloniale Theorie entscheidend geprägt. Diese Ansätze, die tief in den sozialen Kämpfen der Region verwurzelt sind, haben dazu beigetragen, die fortbestehenden kolonialen Machtstrukturen in der globalen Weltordnung zu entlarven. Mit Pensées décoloniales: Une introduction aux théories critiques d'Amérique latine tritt jedoch eine neue Perspektive in den Diskurs, die die dekolonialen Studien aus einem marxistischen Blickwinkel heraus scharf kritisiert. Philippe Colin und Lissell Quiroz lenken dabei den Blick auf Schwachstellen und problematische Entwicklungen innerhalb dieser Strömung, die bislang wenig thematisiert wurden.
Im Zentrum ihrer Kritik stehen Aspekte wie die Fokussierung auf 1492 als historische Zäsur, die Essentialisierung indigener Kulturen und die kulturalistische Ausrichtung der dekolonialen Theorie der Macht. (Ein Jahr, das Christoph Kolumbus sicher anders in Erinnerung behalten würde.) Sie verurteilen, was sie als intellektuelle Konterrevolution und populistische Tendenzen wahrnehmen, und mahnen, dass die dekolonialen Studien – statt emanzipatorisch zu wirken – potenziell diskriminierende und ausgrenzende Praktiken rechtfertigen könnten. In Anlehnung an die bolivianische Denkerin Silvia Rivera Cusicanqui, die den "Dekolonialen" als Mode, den "Postkolonialen" als Wunsch und den "Antikolonialen" als Kampf bezeichnet, betonen Colin und Quiroz die Notwendigkeit, den Fokus auf materielle Verhältnisse und historische Prozesse zurückzuführen.
Die dekoloniale Theorie hat jedoch auf diese Kritikpunkte reagiert, indem sie sich kontinuierlich weiterentwickelt hat. Feministische Perspektiven haben etwa den Begriff der "Kolonialität des Geschlechts" eingeführt, während die dekoloniale Ökologie die Verbindung von Umweltschutz und Entkolonialisierung beleuchtet. Darüber hinaus verstehen sich die dekolonialen Studien weniger als historische Analyse, sondern als Philosophie der Geschichte – eine Meta-Geschichte, die universelle Machtstrukturen und Narrative hinterfragt. In dieser Auseinandersetzung offenbart sich ein spannender, aber auch konfliktreicher Diskurs, der die theoretischen und politischen Grundlagen des dekolonialen Denkens neu verhandelt.