Eine Frau liegt. Sie liegt sich durch die Tage und durch die Stadt; liegt, während sie arbeitet, zu Lesungen fährt, Freunde trifft, die Kinder zur Schule bringt, zum Arzt geht. Sie liegt in Gedanken, Büchern und Erinnerungen, liegt vor Bildern, liegt auf thailändischen Bodenmatten und Imbissbänken, in Zugsitzen und Warteräumen; liegt manchmal den Fleißigen im Weg und meistens sich selbst: Warum liegt sie? Ist das noch Widerstand, schon Resignation oder doch eher eine Krankheit? Mit Faulheit darf man das Liegen jedenfalls nicht verwechseln. Angesichts einer Welt, die so eingerichtet ist, dass sie ihre eigenen Möglichkeitsbedingungen lange erschöpft hat und doch unablässig weiter um sich in ihren Untergang kreist, zeichnet Geißlers Liegen. Eine Übung präzise das so abgründige wie manchmal schreiend komische Bild eines Verhaltens, das sich den Festlegungen entzieht.
3.75 Sterne. Enorm interessant. Desto länger ich das Buch gelesen habe, umso klarer wurde der Nebentitel 'Eine Übung' - denn danach hat es sich wirklich durchgehen angefühlt. Wie ein Schreibprompt: schreibe über das Liegen. Wanderungen durch die Gedanken, ein paar Assoziationen, Fragen, die aufkommen etc. Etwas aufgebaut wie ein Journal oder Tagebuch mit einzelnen Einträgen, die mal länger und mal kürzer sind. Gerade als jemand, der chronisch krank ist und deshalb manchmal (unfreiwillig) in der Wohnung bzw. im Bett ist, sehr interessant und effektiv beschrieben.