Wir sprechen von Zufällen, Schicksal, Sternenkonstellationen, Unvorhergesehenem, Unglück, menschlichen Begebenheiten - doch was das Leben für Ada bereithielt ist nur schwer mit Worten zu erfassen.
Ada bringt ein Kind zur Welt, das sie sich so sehr wünscht, mit einem Mann an ihrer Seite, der zu Beginn der Schwangerschaft keine Lust hat, Vater dieser Tochter zu sein. Sie hat alles getan, was sie musste, Vorsorge für Schwangere wie aus dem Bilderbuch quasi - Untersuchungen und Tests. Doch ein Arzt hat einen Fehler gemacht, und dieses winzige Neugeborene, das ständig weint, wird mit einer schweren pränatal entstandenen Fehlbildung des Vorderhirns und des Gesichts geboren - Holoprosenzephalie (HPE), die man mit einem Ultraschall hätte diagnostizieren können - der Ada die Freiheit gegeben hätte, zu wählen.
„In diesen Jahren habe ich zersplitterte Familien kennengelernt, zerbrochene Partnerschaften, Frauen, die in Depressionen versunken sind. Nicht jeder hat die körperliche Stärke, die psychologischen Mittel, die finanziellen Ressourcen oder die notwendige Bildung, um gegen die unerbittliche Bürokratie, die Grausamkeit gewisser Ärzte und die vorherrschende Unzivilisiertheit, die Einsamkeit und die Erschöpfung, und letztendlich gegen sich selbst und die eigene Unzulänglichkeit anzukämpfen. [...] Eine Abtreibung ist eine schmerzhafte Entscheidung für diejenigen, die sie treffen, aber sie ist eine Entscheidung und muss garantiert werden. Auch wenn sie mein Leben auf den Kopf gestellt hat, liebe ich meine wunderbare, unvollkommene Tochter. Aber wenn ich an jenem Tag hätte wählen können, hätte ich mich für einen medizinischen Schwangerschaftsabbruch entschieden. Den Ärzten, die Föten ohne Zustimmung der Mütter reanimieren wollen, sage ich: Verlasst die Intensivstationen und geht mit eigenen Augen sehen, was aus diesen Kindern geworden ist, in welches ewige Jetzt ihr diese Mütter verurteilt habt.“
Ein komplexes und erschöpfendes Leben beginnt, im Dienst von Daria, einem Wesen, das dazu bestimmt ist, niemals den Boden zu berühren, niemals zu gehen. Kämpfe, bürokratische Abläufe, Überlebensstrategien werden zu fast routinemäßigen Alltagsangelegenheiten, bis das nächste Schicksal erneut alles durcheinanderbringt: Ada erkrankt an Krebs. Nun wird das Überleben zur Priorität, und oft bedeutet Überleben, sich von dieser Symbiose zu lösen, die seit Darias Geburt zur Pflicht geworden war.
„Ich bin nicht ich, ich bin ‚Darias Mutter‘. Besser gesagt, ich bin ‚die Mutter‘ und sonst nichts.“
Ein Buch, das real und schonungslos ist, voller Liebe und Verzweiflung. Eine Frau, die alles sein möchte, nur keine "Mutter Courage". Sie behauptet entschlossen, dass Abtreibung ein Recht ist, und wurde stark kritisiert, weil sie sagte, sie hätte abgetrieben, wenn die pränatale Diagnose ihrer geliebten Tochter Daria, die schwer behindert ist, die enormen Probleme vor der Geburt offengelegt hätte.
Nach der Nominierung für den Premio Strega (Italienischer Literaturpreis) und der Aufnahme in die Longlist ist Ada verstorben an ihrer Krebserkrankung . Wieder einmal hat das Schicksal hart und grausam zugeschlagen. Die Entscheidung der Jury war es, das Buch dennoch im Wettbewerb zu belassen. Ada D'Adamo erhält den Preis posthum, da sie am 1. April 2023 stirbt, kurz nachdem sie erfahren hatte, dass sie den Premio Strega Giovani gewonnen hat. Sie hinterlässt ihre Tochter Daria in der Obhut ihres Vaters und des italienischen Gesundheitssystems.
Ein erschütterndes, wahres Buch, das auch die Krankheit beschreibt, mit der die Autorin selbst konfrontiert ist, die Behandlungen, die sie nach und nach schwächen und sie von sich selbst entfernen lassen, und die Ähnlichkeit, die sich mehr und mehr zwischen ihren beiden Körpern entwickelt.
Es mag wie ein Buch voller Schmerz erscheinen – und das ist es auch, zweifellos –, aber es gibt auch unendliche Liebe: zur Tochter, zum Ehemann, zum Leben selbst. Das Buch prangert die Schwierigkeiten an, die die Behinderung in den Schulen und in der Inklusion mit sich bringt, und zeigt ihre Gefühle ohne Schnörkel, genau so, wie sie sind.
Inhaltlich möchte ich ein paar Triggerwarnungen aussprechen, da ich das Buch definitiv zu dem härteren emotionalen Tobak zähle. Die Fehldiagnose, die für den Mediziner ohne Konsequenzen blieb, kann sehr belastend für Leser*innen dieses Buches sein und auch die damit verbundene Hilflosigkeit von Darias Eltern, da leider in Italien kein Auffangnetz für pflegende Familienangehörige existiert. Des Weiteren sollte von der Lektüre absehen, wer Schwangerschaftsabbrüche aus medizinischen Gründen ablehnt.
Für mich ist „Brief an mein Kind“ zweifellos, das emotionalste, traurigste und schmerzhafteste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe - und doch bin ich froh über diese Leseerfahrung, denn ich konnte viel für mich selbst mitnehmen aus der Lektüre - danke Ada D‘Adamo in den Himmel, denn meine Zeilen werden sie auf diesem Wege leider nicht mehr erreichen.