Ohne Kompromisse keine Zukunft! Mehr und mehr kennzeichnet radikale Kompromisslosigkeit unsere Diskurse in Politik und Gesellschaft. Gleichzeitig wird klar: Wir kommen kaum voran. Über drängende Themen wie Klimawandel, Impfpflicht, Rassismus bei der Polizei oder Gleichberechtigung zwischen Klassen oder Geschlechtern wird heftig polemisiert, ohne dass es zu Ergebnissen kommt. Die Fronten sind klar: Ihr oder wir. Yasmine M'Barek zeigt, dass es auch anders geht. Dass wir uns dringend vergegenwärtigen müssen, warum wir es verlernt haben, miteinander zu sprechen, und wo die Fehler in der Kommunikation der Idealisten liegen, die in der Konsequenz Kompromisse verhindern, die uns als Gesellschaft weiterbringen würden. Dabei erklärt sie den scheinbar unanfechtbaren Mythos der schwarzen Null (die außerhalb Deutschlands völlig unbekannt ist), warum der Ausstieg aus der Atomkraft ein gutes Beispiel dafür ist, warum man die Meinung der Realisten nicht vernachlässigen sollte, um negative Folgen zu vermeiden, und warum sich der Generationenkonflikt nur lösen lässt, wenn man ihn von der Schuldfrage löst. Radikale Kompromisse ist ein hellsichtiges Plädoyer dafür, zu echter Realpolitik zurückzukehren und mit ihrer Hilfe Wege zu finden, die Mitte der Gesellschaft für die weitreichenden Veränderungen zu gewinnen, vor denen wir unmittelbar stehen. Demokratie bedeutet in erster Linie, miteinander zu sprechen, für Ideen zu werben, und Kompromisse zu schließen, statt die eigene Ansicht gegen den Widerstand der anderen durchzudrücken. Andernfalls verlieren wir alle - trotz der vielen guten Ideen, die derzeit kursieren. Der Erfolg einer Ampelkoalition wird sich auch daran messen lassen müssen, ob ihr genau das gelingt.
Yasmine M'Barek hat die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft besucht und ist Redakteurin bei Zeit Online im Ressort X. 2020 wurde sie vom Medium Magazin unter die Top 30 unter 30-Journalist*innen gewählt. Im März 2022 erschien "Radikale Kompromisse" (Hoffmann & Campe). Yasmine M'Barek ist regelmäßig in politischen TV-Talks zu Gast und hostet den neuen ZEIT Podcast "Ehrlich jetzt". Sie moderiert regelmäßig mit Markus Feldenkirchen den News-Podcast "Apokalypse und Filterkaffee". Sie lebt in Köln und Berlin.
Meine Güte, war dieses Buch anstrengend... Grundsätzlich teile ich das Anliegen von Yasmine M'Barek voll und ganz. Wir brauchen mehr Kompromissbereitschaft, mehr politischen Dialog über Parteigrenzen hinweg. In ihrem Buch liefert sie dazu auch eine Reihe an interessanten Denkanstößen und zeigt Möglichkeiten für eine zielorientierte Realpolitik und das Zusammenspiel von Idealist*innen, Konservativen und Realist*innen auf. Aber - große Teile des Buches lassen sich überspitzt zusammenfassen mit: In 30 Jahren setzen wir die heutigen Vorschläge der Idealist*innen um. Weil es kleinschrittige Kompromisse braucht, um stagnierende Konservative zu überzeugen. An sich eine wahre Aussage. Aber angesichts der Themen, die im Buch genannt werden auch eine recht fatalistische. Wir haben keine 30 Jahre, um der Klimakrise zu begegnen. Und 30 weitere Jahre Warten auf Gleichberechtigung sind viel Zeit im Leben der einzelnen diskriminierten Personen. Absolutes Unbehagen hat mir auch die Forderung bereitet, man hätte den Querdenkern als Mehrheitsgesellschaft einfach mehr entgegenkommen müssen. Nein. Als Ärztin, die auf einer Covid-Intensivstation gearbeitet hat - in Sachsen, dem Bundesland, das durch ständiges Verständnis die Probleme nur weiter verschärft hat - darf es keine Kompromisse geben, die das Leben und die Gesundheit anderer aktiv gefährden. Ich bereue es nicht, das Buch gelesen zu haben. Es war ein Ausflug jenseits meiner eigenen Bubble, den man sich - da stimme ich der Autorin voll und ganz zu, viel öfter gönnen sollte. Sowohl den Blurp als auch die ständige positive Mention von Andreas Scheuer empfinde ich allerdings doch als eher weird.
Journalist M'Barek ponders how the ideological deadlock that blocks our political systems can be overcome. Her suggestion: Radical compromise. In her model, society is split up in three groups: "Idealists point out the basic problems of the system, realists look for solutions, the stagnants have to be convinced." To bring about societal change, she maintains, the ideas of the idealists have to become mainstream, realists have to take pragmatic measures that don't lose the major bloc of the stagnants, and the ultimate goals can then be achieved by adding up these small steps. This might sound obvious, but looking at the current state of our discourse which is heavily influenced by sticking to ideological convictions, virtue signalling, trolling, and the blame-game, to bring back Realpolitik is an important move.
It's Realpolitik, the art of the feasible, that furthers progress: It's not enough to be right, actual measures need to be taken, and large amounts of the population have to be convinced of these measures (plus being right is often a very relative conviction). M'Barek takes her model and applies it to current hot button issues like gender-sensitive language, the "black zero" (a concept that is very popular in German financial politics, meaning that the state does not accumulate more debt), the boomer vs. millennial divide, cancel culture, COVID, and climate change.
"Radical Compromise" was first published in March 2022, and it feels like what has happened since proves the author right: Due to the situation in which she wrote, she still talks about the coalition between Social Democrats, Green Party, and Liberals that governed Germany, and how the Green Party simply maintained that money will be available to put the transition into renewable energies into action, which, M'Barek states, is a political hazard: "Trust the process" does not pay the bills or heat your house. Last month, the government collapsed, and the lack of Realpolitik as well as the ideological deadlock (not only in the Green party, but between all parties involved) were the major reasons - so the exact points M'Barek ponders in her book.
I really enjoy listening to M'Barek on the political podcast "Apokalypse & Filterkaffee", and I'm curious what she will write next.
Yasmine M'Barak plädiert in "Radikale Kompromisse" für Realpolitik. Sie kämpft gegen "Ideologie über Inhalt". M'Barek nimmt im politischen Diskurs drei Akteure wahr: Idealisten, Stagnierende und Realisten. Die Realisten haben die Aufgabe argumentationsgeleitet zwischen den beiden anderen zu vermitteln. Die Autorin illustriert dieses anhand kontroverser Themen wie Gendern, AKW-Stilllegungen in Anbetracht der Klimaziele, Klimawandel, Cancel Culture, Impfpflicht usw. Weder die These noch die dargestellten Debatten sind bahnbrechend. Doch das Buch ist intelligent, zugänglich und unterhaltsam. Da Yasmine M'Barak für die ZEIT arbeitet, werden sie viele Leser politisch links verordnen. Es macht mir viel Spaß zu erleben, wie sie diese Erwartungshaltung unerschrocken enttäuscht. Ich werde zukünftige Veröffentlichungen von Frau M'Barak verfolgen. "Radikale Kompromisse" ist noch kein großer Wurf, zeigt aber ein hohes Potenzial.
Yasmine M‘Barek setzt sich ein für eine ‚Realpolitik‘ (das Wort kann ich nach dem Buch echt nicht mehr hören) der radikalen Kompromisse.
Was meint sie damit? Es müsse viel mehr Dialog über Parteigrenzen hinweg geführt werden, denn das ständige Beharren auf eigene Ideologien verhindere jede Art von Fortschritt. Da bin ich durchaus ihrer Meinung. Werden doch viel zu oft Debatten geführt ohne dass inhaltlich eine Annäherung stattfindet, weil jede/r der Meinung ist die Wahrheit gepachtet zu haben und oft voller Verachtung auf den/ die andere/n schaut. Dabei geht, laut M‘Barek jede Empathie verloren und damit auch die Möglichkeit einer inhaltlichen Annäherung. Es dreht sich also größtenteils nur um Nebenschauplätze, aus denen keine innovativen Lösungen entstehen.
Warum nur 3 Sterne? Zuerst einmal habe ich die Audioversion gehört und die Sprecherin klingt ziemlich genervt, als ob es sie wahnsinnig anstrengt uns dummen Hörern mal wieder die Welt zu erklären (die Sprecherin ist übrigens nicht die gleiche Person wie die Autorin). Des Weiteren wiederholen sich einige Themen ständig (Klimakrise, Tempolimit, Corona-Pandemie), was mir das Gefühl gab, dass sich hier thematisch im Kreis gedreht wird.
Fazit: das Buch enthält einige spannende Thesen und der Grundgedanke des radikalen Kompromisses ist durchaus interessant. Der Rest hat mich leider nicht ganz überzeugt.
"Radikale Kompromisse" von Yasmine M'Barek versucht einen Weg aus der festgefahrenen Uneinigkeit unserer Gesellschaft zu finden, doch leider bleibt das Buch weit hinter den Erwartungen zurück. Das Buch bietet nur wenige neue Erkenntnisse oder innovative Lösungsansätze. Stattdessen wird man mit banalen Platitüden und dem Gefühl der Bevormundung konfrontiert. Es fehlt an Substanz und echter Tiefe.
Insgesamt hinterlässt "Radikale Kompromisse" einen zwiegespaltenen Eindruck. Obwohl die Botschaft wichtig ist und manchmal gute Punkte gemacht werden, wird sie von einem überheblichen Ton und einer gewissen Frustration überschattet. Leser_innen, die nach konkreten Lösungen suchen, könnten hier enttäuscht werden.
Den Grundgedanken radikaler Kompromisse unterstütze ich voll und ganz, den Weg dahin nur teilweise. An vielen Stellen für meinen Geschmack etwas zu sehr pauschalisiert, und teilweise in sich widersprüchlich. Als Hörbuch auf Spotify erhältlich 🎧
Die Autorin hätte mit einem Essay nichts von ihrer Message eingebüßt, so wiederholt sie sich trotz ohnehin überschaubarer Seitenzahl ständig. Und irgendwie ist ihre These ja auch recht banal?
Lesenswert! Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll, aber ich finde Radikale Kompromisse in unserer Zeit auf jeden Fall aktuell und wichtig. Dabei hat es genau die richtige Länge und genau die richtigen Themen, um ihren Punkt zu unterstreichen.
"Ein Atomkraftwerk produziert rund 100 000 Tonnen CO2 pro Jahr. Zum Vergleich: Ein Kohlekraftwerk produziert rund 10 Millionen Tonnen im Jahr. (...) Dass Atomkraft keine flächendeckende Lösung mehr sein kann, ist klar. Aber es sollte eine Option sein."
"Dieser Aufprall idealistischer Meinungen auf konservative Mehrheiten führt meistens zu polemischen Debatten, die eher die verbale Eliminierung des politischen Gegners zum Ziel haben als die Überzeugung des anderen."
"Die Kritik der Userin ist nicht das Problem innerhalb der Debatte, sondern der Umgang und die Akzeptanz innerhalb von Diskussionen. Denn eine solche Kritik hat nichts mit Canceln zu tun, sondern mit ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung. Seit einigen Jahren ist es Chuzpe, jede Form des Canceln lächerlich zu machen. (...)"
"Wo soll der globale Anreiz dafür sein, wenn doch letztlich sehr eurozentristisch (also nur auf Europa bedacht, ohne perspektivisch alle Kontinente gleichberechtigt mit einzukalkulieren) gedacht wird? (...) Vor allem dieser - vielleicht einfach unüberlegte, begrenzt perspektivische - nationalistische Beigeschmack, hat doch gerade der westliche Konsum über Jahre hinweg diese Situation mitverursacht."
Die erste Hälfte des Buches ist pure Meinung. Die zweite Hälfte wird aber tatsächlich besser und geht darauf ein, wie Kompromisse erreicht werden können und wieso Realpolitik sinnvoll sei.
Miteinander nicht gegeneinander! Kurzmeinung: Lesenswert. In der Schrift „Radikale Kompromisse“ setzt die Autorin sich dafür ein, in den heute aktuellen, brennenden Themen künstliche Feindbilder zurückzubauen. Es muss immer neu möglich sein, miteinander zu reden und Kompromisse auszuhandeln. Es bringt nichts, wenn sich verschiedene Gruppierungen bekämpfen bis aufs Blut. Dabei springt besonders der Generationenkonflikt ins Auge.
Anhand aktueller Streitfelder zeigt sie auf, wie es vielleicht anders gelaufen wäre, wenn man sich kompromissfähig gezeigt hätte. Besonders interessant die Erwähnung, dass die sogenannte "Schwarze Null" nur in Deutschland als Begriff existiert und Investitionsstau zumindest mit auf den Tisch muss, wenn man über die Finanzen verhandelt.
Yasmine M‘Barak teilt die an der Politik teilhabenden Menschen in vier, sich teilweise überlappende Gruppen ein: Die Ideologen, die Realisten, die Stagnierenden und die Konservativen. (An ihrer Spachhandhabung wären „Stagnierende“ zu kritisieren, weil dieser Begriff herabsetzend ist; und wenn sie ins Partizip setzt, dann bitte auch die anderen Gruppen, Ideologisierende, Realisierende, Stagnierende und Konservierende.).
Die Ideologen treiben voran, haben aber keine Ahnung, wie eine Umsetzung zu bewerkstelligen wäre und haben in der Regel weder das Fachwissen dafür noch die notwendige Umsicht noch die Absicht, die Folgen von Veränderungen zu bedenken, die sogenannten "Stagnierenden“ plädieren immer für den Status quo und die Konservativen sorgen sich um ihre Mehrheiten. Die Realisten vermitteln. Stück für Stück und Schritt für Schritt kommt man einer gesellschaftlichen Veränderung näher. Yasmine M’Barak beklagt leidenschaftlich den Verlust der Kompromisswilligkeit und erkennt darauf, dass Demokratie von kleinen Schritten lebt, eben vom Kompromiss.
Der Kommentar: Genau so geht es. Miteinander und nicht gegeneinander.
Verunglimpfende Bezeichnungen und Schuldzuweisungen helfen überhaupt nicht weiter. Die Jugend sollte zudem bedenken, dass sie die Jugend leider nicht für immer gepachtet hat, auch sie wird älter und wird sich dann ihrerseits Respekt und Anerkennung der nachrückenden Generation/en wünschen. Leider fehlt das Schlüsselwort Respekt im Buch. In Punkto cancel culture am Beispiel von J.K. Rowling, zeigt sich die Autorin überheblich und führt sich selbst ad absurdum: hierfür gibt es Punktabzug.
Fazit: Insgesamt erfrischend. Eine junge Stimme, die das Machbare im Blick hat, eine Stimme, die eine gemeinsame Veränderung anmahnt und anstrebt. So könnte Politik wieder Spaß machen. Demokratie, das sind eben wir alle.
Aufruf zu größerer Kompromissbereit, die einen Kern der Demokratie bildet, sowie ein Plädoyer für Realpolitik. Gut verständlich geschrieben, teilweise hatte ich das Gefühl, dass die Kapitel sich wiederholen und im Kreis drehen. Insgesamt werden aber einige anschauliche Themenfelder auf den wenigen Seiten angesprochen
Sehr kurzweilig und verständlich geschrieben, auch für „politische Neulinge“, oder Menschen die sich nicht täglich mit politischen oder gesellschaftlichen Themen beschäftigen. Die Grundaussage des Buches ist schnell erklärt, wird aber durch verschiedene Beispiele nochmal etwas detaillierter deutlich gemacht. Nicht weltbewegend aber definitiv lesenswert.
Sinnvoller Ansatz, aber wirkte in der Ausführung doch eher nach einer Rechtfertigung der eigenen Positionen und einer Abrechnung darüber, dass die eigene Meinung zu wenig Gehör oder vermeintlich zu wenig Beachtung findet.
Ich mochte das Buch wirklich gerne. Irgendwie wird mir das auch immer bewusster wie schwierig unser allgemeines schwarz weiß denken ist. Dass wir oft so von unserer Meinung überzeugt sind, dass wir anderen Meinungen gar keinen Platz mehr einräumen. Aber um als Gesellschaft weiterzukommen brauchen wir Kompromisse, brauchen wir Verständnis und insbesondere müssen wir uns zuhören!
Gleich zu Beginn des Buches zeigt Yasmine M´Barek an der Gendern-Debatte, wie wenig Konsens von den verhärteten Fronten angestrebt wird.. Dieses Buch aber plädiert für Kompromisse und das liegt auf meiner Linie, ob radikale Kompromisse immer das richtige sind, ist die Frage. Yasmine M´Barek beklagt, wenn Diskussionen über wichtige Themen abgewürgt werden, als Beispiel nennt sie den Ausstieg aus der Atomenergie.
M´Barek gibt immer wieder Beispiele, wie Sprache die Diskussionen verhärten und Kompromisse verhindern, z.B. die Begriffe Schwarze Null oder die Phrase „OK Boomer“.
Yasmine M´Barek vermag zu argumentieren. Radikale Kompromisse ist ein unterhaltsames Polit-Buch.
Wochtiges Sachbuch über Politik und seine Prozesse. Vor allem in zunehmend polarisierenden Strömungen. Idealisten setzen Impulse, Konservative verwalten und Realisten führen das zusammen. Bedeutet: Es geht nur gemeinsam, es braucht alle Gruppen und Konfrontation bewirkt das Gegenteil des Gewünschten. Klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht und kann man sich auch im privaten im vor Augen führen.
»Radikale Kompromisse: Warum wir uns für eine bessere Politik in der Mitte treffen müssen« von Yasmine M’Barek - Review (🇩🇪)
»Zu oft bewegen sich die Idealisten ausschließlich in ihrer eigenen akademischen Bubble.« (S. 23)
Yasmine M’Barek ruft dazu auf, wieder in den Kompromiss zu gehen. Sie unterteilt die demokratische Bevölkerung dabei in drei Kategorien:
»Radikale Kompromisse braucht das Land! Demokratische Progressivität hat sich stets wie folgt bewiesen: Idealisten zeigen die Grundprobleme des Systems auf, Realisten suchen Lösungsansätze, die Stagnierenden werden überzeugt.« (S. 26)
Dabei bilden die Stagnierenden die Mehrheit. Als Idealist also übergriffig in Schuldzuweisungen zu verfallen oder blinde Ignoranz vorzuwerfen, bringt nicht viel, wenn man eigentlich überzeugen muss. Auf einen Kompromiss folgt immer der nächste. Mit einem Kompromiss ist also auch die eigene (idealistische) Ansicht nicht verloren. Dennoch fühlt es sich manchmal so an:
»Linksregierungen sind für ihre Anhänger fast immer enttäuschend.« (George Orwell, zitiert auf S. 71)
Ich gehe nicht bei allem mit, was hier geschrieben wird. Ingesamt schreibt M’Barek nicht nur über ihre Theorie sondern hält auch mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Gespickt mit einigen Wiederholungen und einem akademisch-saloppen Schreibstil bekommt das Buch von mir ein paar Abzüge. Interessant sind die Ausflüge in die Politikgeschichte (Willy Brandt, Bismarck) und die Erläuterung von Realpolitik.
Bei mir bleibt ein Gefühl der Ungeduld zurück. Aber durch Wut oder Weltschmerz allein werden die Prozesse auch nicht schneller. Der Ansatz, das vorhandene System erstmal hinzunehmen und das Bestmögliche daraus zu machen (Realpolitik…so ein trockenes Wort), klingt etwas ernüchternd. Und ob wir angesichts der Klimakrise so viel Zeit haben, bezweifle ich.
Ich nehme ein paar Denkanstöße mit und habe etwas gelernt. Ihre Basisthese unterstütze ich: Mehr und bessere Kompromisse mit der Erlaubnis, auch mal Fehler zu machen. Besser etwas Fortschritt, als keinen.
"Radikale Kompromisse" reflektiert kompakt und verständlich, was eine Demokratie ist, wie sie funktioniert und wie wir sie am Leben erhalten können. Der rote Faden des Buchs ist der radikale Kompromiss, die Lebensessenz der Demokratie, der dann entstehen kann, wenn sich drei politische Gruppen treffen und miteinander kommunizieren: Die Idealisten, die (utopische) Impulse setzen, reiben sich an den Konservativen, die sich von der Stagnation Sicherheit erwarten. Zwischen ihnen vermitteln die Realisten, damit ein Kompromiss gefunden werden kann, der zwar niemanden ganz befriedigt, der aber ein Schritt in die richtige Richtung ist.
Ein sehr aktuelles und wichtiges Thema, zu dem es natürlich allerlei Perspektiven gibt. M'Barek gibt sich als sehr bodenständig und unbeeinflusst von Ideologien, was für das reine Verständnis natürlich hilfreich ist, für das Finden von Lösungen jedoch nicht - was das Buch aber auch gar nicht erreichen will. Dementsprechend sollte man die Erwartungen beim Lesen anpassen.
"Die Realpolitik steht durchaus in der Kritik, Minderheiten zu benachteiligen, weil sie sich stark nach der öffentlichen Meinung richte. Das ist aber ein Missverständnis. Realpolitik ist ein Prozess, der sich Stück für Stück Idealen nähert. Ihre politischen Entscheidungen sind Kompromisse, die meistens auf der Basis des letzten Kompromisses fußen. So viele aufeinander aufbauende Kompromisse, bis in die Ideologie des einen passt, was dreißig Jahre zuvor nicht vorstellbar gewesen wäre - und ein Sogeffekt erzeugt wird." (S. 136)
Das Buch ist ein starkes Plädoyer für unser demokratisches System in seiner Funktionsweise und für die Realpolitik. Es ist keine Verklärung einer bestimmten politischen Haltung sondern eher ein Fürhalten für eine Art und Methode der Politik. Yasmine M'Barek bringt dieses Plädoyer gegen die Polarisierung. Sie lobt Realpolitik ohne Idealisten zu verunglimpfen.
Es ist genau das Plädoyer, was die Gesellschaft gerade braucht.
fühle mich so, als hätte ich gerade ein einführendes seminar eines geisteswissenschaftlichen studiengangs besucht. dementsprechend war die ausarbeitung der verschiedenen kompromissbereiche aus meiner perspektive als laie sehr verständlich und hat mich auch zur reflektion angeregt (ob das buch neue denkanstöße für bewandertere leser bietet, würde ich zunächst erstmal anzweifeln)
Eine komplett andere Perspektive auf Politik, die ich so selbst noch nie hatte und von der ich sicher auch noch nicht 100% überzeugt bin. Ich bin jedoch gewillt auch meine Perspektive kritisch zu hinterfragen.
This was kind of all over the place and I don’t know how to feel about it. It’s deffo way too short for it’s own good which ends up making the discussed topics feel shallow and too broadly generalised to come to any proper conclusions.
Sehr lesenswert. Konstruktive Diskussionskultur und Kompromissfähigkeit sind so unendlich wichtig für gesunde demokratische Prozesse. Gefühlt sieht man dies selten.