Rilke-Bedarf für das Jahr definitiv gedeckt!
Zur Ausgabe: Ich besitze ein paar der Anaconda-Ausgaben von "Gesammelten Werken" zu Poe, Kafka und Rilke. Die machen habtisch einiges her und bieten einen guten Überblick und sind dafür, für ein Hardcover in der Größe, relativ günstig.
Zum Inhalt: Vorher kannte ich Rilke nur als schwermütigen Schriftsteller von Liebesgedichten und wie das oft so ist, wenn der Ruf vorauseilt, versucht man das Gelesene mit Mühe in diese Vorlage zu pressen. Passt auf jeden Fall nicht immer. Gerade das Schreiben über Gott und die religiöse Komponente bei Rilke haben mich (peinlich, dass als Germanistikstudentin zuzugeben) überrascht. Die Gedichte, vor allem die Duineser Elegien habe ich dann auch eher halbherzig gelesen.
Den einzigen Roman in der Ausgabe "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" gefiel mir zu Beginn sehr gut, besonders die Familiengeschichte, die nach und nach aufgedeckt wird. Gen Ende wurde mir auch das zu schwafelig - ehrlich.
Der Rilke der Neue(n) Gedichte gefällt mir wohl am besten: Hier finden sich so viele kraftvolle und moderne Gedichte, die deutlich machen, dass er ein großer Künstler war.
Mein Favorit:
Morgue
Da liegen sie bereit, als ob es gälte,
nachträglich eine Handlung zu erfinden,
die mit einander und mit dieser Kälte
sie zu versöhnen weiß und zu verbinden;
denn das ist alles noch wie ohne Schluss.
Was für ein Name hätte in den Taschen
sich finden sollen? An dem Überdruss
um ihren Mund hat man herumgewaschen:
er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.
Die Bärte stehen, noch ein wenig härter,
doch ordentlicher im Geschmack der Wärter,
nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.
Die Augen haben hinter ihren Lidern
sich umgewandt und schauen jetzt hinein.