Die neue feministische Stimme in der russischen Literatur
Eine junge Frau bringt die Asche ihrer Mutter nach Sibirien, um sie in ihrer Heimatstadt Ust-Ilimsk zu bestatten. Von Wolgograd nach Moskau, von Moskau nach Nowosibirsk und Irkutsk mit dem Flugzeug und dann mit dem Bus durch die Taiga. Es ist eine Reise durch die harte postsowjetische Realität und zugleich eine Suche nach der Herkunft und Identität der Ich-Erzählerin. Sie nimmt Abschied von ihrer Mutter und versucht sie zugleich im Schreiben festzuhalten, bevor sie ihr zu entgleiten droht. Am Ende findet sie eine eigene Sprache, durch die sie bei sich selbst ankommt. Oxana Wassjakina erzählt vom Tod, aber auch vom selbstbestimmten lesbischen Leben und feministischen Schreiben, lakonisch und mit einer Offenheit, die geradezu wehtut.
»Die Wunde« ist der Debtüroman einer neuen aufregenden und ungewöhnlichen Stimme und ein Bestseller in Russland.
Ich tue mich schwer, dieses Buch zu bewerten. Denn auf der einen Seite fand ich es großartig geschrieben - und mindestens genauso großartig von Maria Rajer übersetzt. Die Eigenheiten der russischen Sprache, so weit ich es mit meinen Kenntnissen einschätzen kann, wurden wirklich hervorragend im deutschen Text aufgegriffen. Ich liebe es, wie schonungslos, direkt und ehrlich Oxana Wassjakina über Themen wie Sexualität und sinnlichen Erfahrungen, ihr Lesbisch-sein, ihr Schreiben und Dichten und natürlich den Krebstod ihrer Mutter schreibt, um den sich das Buch stets dreht. Und wie schön dieses Schreiben dabei ist.
Auf der anderen Seite kann mich autofiktionales Schreiben nicht so sehr berühren, wie ich es gern wöllte und ich kann bisher nicht den Finger drauf legen, woran das liegen mag. Vielleicht war es in diesem Fall so, weil mir die soziale Realität eines postsowjetischen Sibiriens aufgrund familiärer Erzählungen nicht ganz unbekannt ist. Oder weil mich dieses lakonische, collagenartige zwischendurch einfach etwas genervt hat und ich manchmal schlichtweg keinen Zugang zu einzelnen Passagen - wie einem langen Gedicht in der Mitte des Buches - hatte.
Insgesamt war es sprachlich zwar eine kleine Herausforderung, aus meinen üblichen Genres hervorzukriechen und ins literarische, teilweise an die Rhythmik von Prosa angelehnte zu blicken, aber es hat sich gelohnt, denn diese Erfahrung hat mir sehr gut gefallen und werde ich bei Zeiten sicherlich wiederholen.
Die Perspektive einer lesbischen, feministisch-aktivistischen russischen Frau aus Sibirien zu lesen war für mich gerade in Zeiten von Anti-LGBTQIA+-Gesetzen und Zensur ein Anstoß, mich weiter mit queerfeministischer Literatur aus Russland zu beschäftigen.
Vielen Dank an Netgalley für dieses Rezensionsexemplar.
„Eine junge Frau bringt die Asche ihrer Mutter nach Sibirien, um sie in ihrer Heimatstadt Ust-Ilimsk zu bestatten. Von Wolgograd nach Moskau, von Moskau nach Nowosibirsk und Irkutsk mit dem Flugzeug und dann mit dem Bus durch die Taiga. Es ist eine Reise durch die harte postsowjetische Realität und zugleich eine Suche nach der Herkunft und Identität der Ich-Erzählerin. Sie nimmt Abschied von ihrer Mutter und versucht sie zugleich im Schreiben festzuhalten, bevor sie ihr zu entgleiten droht. Am Ende findet sie eine eigene Sprache, durch die sie bei sich selbst ankommt. Oxana Wassjakina erzählt vom Tod, aber auch vom selbstbestimmten lesbischen Leben und feministischen Schreiben, lakonisch und mit bemerkenswerter Offenheit.“
Der Buchtitel ist hier absolut Programm. Autorin Oxana Wassjakina verewigt sich auf sprachlich besondere und wirklich anstrengende, man kann es garnicht anders sagen, Weise in der Literaturwelt. Ihr Debüt „Die Wunde“ bohrt tief in ihrer Seele und in die der Leser. Sie schreibt sich mit diesem Buch ihre Seele frei, sie schreibt ihren Kummer nieder und hat Angst davor, wenn dieses Buch beendet ist, was es ja zu sein scheint, keinen Kummer mehr spüren zu können. Ist diese Geschichte autobiografisch? Man könnte es sehr stark vermuten, klar und deutlich wird es aber nur sehr bedingt. Auch damit muss der Leser umgehen können.
Um welchen Kummer es es genau geht? Unsere namenlose Ich-Erzählerin geht ihren Weg nun neu. Ihre Mutter ist verstorben und sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Asche ihrer Mutter in ihrer Heimatstadt in Sibirien zu bestatten. Wassjakina erzählt eindrücklich über den Verlust eines geliebten Menschen. Wie diese Liebe ausgesehen hat, das darf jeder Leser selbst erlesen. Die Liebe hat viele Formen und so erzählt sie eine von vielen hier in dieser Geschichte. Der Buchtitel ist mehr als perfekt gewählt und unsere Erzählerin hat viele davon. Nur wieviele Wunden hält man aus? Sie ist bei all dieser speziellen und tief emotionalen Reise auch gleichzeitig für sich selbst unterwegs. Es geht um das Suchen und Finden von Heimat, um die inneren Wurzeln, um die Befreiung der eigenen Gefühle (vor allem wenn sie nicht der „gesellschaftlichen Norm“ entsprechen) und es geht um das Thema Frau-zu-sein. Selbst heute immer noch etwas, was stark benannt werden muss. Die Emotionen in diesem Buch wandeln von jeder Buchseite aufs Neue. Man muss sich als Leser darauf einlassen. Jeder der schonmal einem geliebten Menschen verloren hat, kennt aber genau diese unbeschreibliche emotionale Achterbahn. Aus diesem Grund kann ich hier nur klar sagen: diese Geschichte wird sehr authentisch erzählt. Dass so ein Verlust auch mehr zu Tage bringt als „nur“ mit dem eigentlich Verlust umzugehen, kann eben jeder nachvollziehen der dies durchmachen musste. Dieses Buch hat mich persönlich zu einer sehr tief-traurigen Zeit erwischt und genau da getroffen wo es besonders schmerzt. Wassjakinas Schreibstil ist eine Herausforderung, ja, aber ich konnte ihr dennoch bestens folgen. Ihre Entwicklung und die Entwicklung auf ihre persönliche Sicht der Dinge, auf ihren Befreiungsschlag, ist schlussendlich eine Geschichte von vielen. Sie ist dennoch lesenswert und berührt tief im Herzen. Man muss sich hier frei machen von der eigenen Meinung und sollte diese Geschichte einfach lesen, wirken lassen und darüber nachdenken. Ich habe sie zwei Mal gelesen bevor ich diese Rezension verfassen konnte. Nach dem ersten Mal hätte ich noch anders bewertet aber nach dem zweiten Mal, werden Dinge klarer und verständlicher. Ich kann allen Lesern nur ans Herz legen, diese Buch nicht gleich vorzeitig zu beenden, nur weil es vielleicht hier und da anstrengend erscheint. Es ist definitiv eine lesenswerte Geschichte und für diese vergebe ich 4 sehr gute Sterne!
Ich habe dieses Buch ohne jegliche Erwartungen begonnen, da ich sonst eher Sachbücher lese und keine Romane. Der Titel und die Kurzbeschreibung hatten mich beide jedoch fasziniert auf gewisse Art und Weise - und das zurecht. Ich habe diese Lektüre innerhalb weniger Tage verschlungen.
In dem Buch geht es um eine junge Frau, die aus Sibirien kommt und im Laufe der Geschichte ihre Mutter verliert und beerdigt (wobei es teilweise rückblickend, teilweise auf der realen Timeline erzählt werden, man als Leser*in aber von Anfang an weiß, dass die Mutter stirbt). Das Buch zeigt einen emotionalen Prozess, wie es war / ist in einem Ort aufzuwachsen, der homophob ist (die Protagonistin ist selbst lesbisch), weit weg von größeren Städten, bei und mit einer Mutter, die sich zwar um einen kümmert aber einen nicht liebt. Wie es ist, ein Familienmitglied, das man abgöttisch liebt, zu verlieren und zu beerdigen und sich all den eigenen inneren tiefen Wunden zuzuwenden und diese langsam zu heilen. Es ist für mich als Person, die selbst aus der Ukraine kommt und vieles von dem Gesagten und Erfahrenen nachempfinden kann, ein sehr tolles Buch, das einen in den Bann zieht.
Abseits der Geschichte selbst, baut die Autorin auch spannende Elemente ein wie beispielsweise Gedichte oder philosophiert über das Schreiben selbst, was das Erzählte aufbricht und anders zum Nachdenken anregt.
Also alles in allem eine interessante Lektüre, die ich definitiv empfehlen kann.
Allerdings: Der Anfang war für mich etwas holprig und ich hatte Schwierigkeiten reinzukommen, und auf den ersten Seiten werden einige Begriffe und Vorurteile reproduziert (aus dem Gespräch zweier Männer, dem die Protagonistin zugehört hat), die ich für diskriminierend halte. Abseits davon ist der Rest des Buchs aber besser und sogar sehr gelingen.
(Aus Transparenzgründen möchte ich noch hinzufügen, dass ich dieses (e-)Buch kostenlos über Netgalley gelesen habe im Austausch für meine Bewertung.)
Es ist ein Buch der Suche. Es verirrt sich beim Erzählen, Erinnern und Verdauen von Ereignissen, und die Autorin nimmt den Leser unverschönt mit auf ihre Reise. Zwischendurch war ich mir nicht sicher, was ich hier lese, aber es ist trotzdem ein starker Debütroman. Ich mochte die Ehrlichkeit wie schonungslos Dinge erzählt wurden. Da ich selbst kein Fan von Gedichten bin, habe ich zwar zwischendurch den Faden verloren, aber insgesamt war es trotzdem ein lesenswertes Buch. Vor allem das Ende hat mir sehr gefallen, wie die Autorin den Leser noch ein letztes Mal abgeholt hat; es gibt zwar keine endgültige Erlösung oder ein allgemeines Happy End, aber trotzdem war es ein schöner Abschluss. 3-4 Sterne auf 4 hochgerundet.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **