Amsterdam, Den Haag, Eindhoven, Marburg, Griechenland, Anfang der 1960-er Jahre; Genre: Magischer Realismus, eine Studentin versteht sich als Mann und irrt durch die Welt.
„Ein zufriedenes Lachen“, nur wenige Buchtitel liegen so neben dem Inhalt des Buches wie dieser Originaltitel von „Rendezvous bei Stella Artois“ („Een tevreden lach“). Besonders heiter, sonnig oder zum Lachen wirkt der kleine Roman, der übrigens keine fest zusammenhängende Geschichte hat, vielmehr aus Momenten und Fingerübungen einer Schriftsteller-Debütantin besteht, wirklich nicht. Der deutsche Titel klingt interessanter, weist aber auch in die Irre. Einmal ist der Ehemann der Protagonistin verschwunden, sie reist ihm nach, trifft ihn in Brüssel, er hat noch was zu tun, aber am Abend werden sie sich dann treffen. Wo denn, fragt sie; er zeigt die Straße hinab, dort hinten, bei Stella Artois natürlich. Erst später scheint sie zu merken, dass Stella Artois der Name einer Brauerei ist und folglich an jeder zweiten Kneipe dransteht. Die Eheleute treffen sich also doch nicht, sondern laufen weiter auseinander.
Und somit merkt man auch schon, dass dieses Buch bisweilen absolut unlogisch und geradezu spinnert ist. Ein leicht irrer Eindruck stellt sich immer wieder ein. Man merkt aber auch die tiefstapelnde Ironie. Wir haben es mit einem kurzen, seltsam mysteriös schillernden Kammerspiel zu tun, das mich an die angenehme Verschrobenheit aus Willem Elsschots „Käse“ und Frans Kellendonks „Buchstabe und Gebiet“ erinnert hat. Es ist Zeugnis individualistischer Anarchie, Lust an Betrunkenheit und Verwischt-Sehen der normalen, spießbürgerlichen Welt. Ein Jux gegen alle, die sich für normal halten und ihr Leben und die Umwelt im Griff zu haben glauben. Da es sich um homosexuelles Schreiben handelt, Burnier gilt als früher Leuchtturm solchen Schreibens auf Niederländisch (wohl neben Gerard Reve), fiel mir gleich noch das ebenfalls besprochene „Unter Hausarrest“ von Jewgenij Charitonow ein. Auch dort finden die disparaten Elemente nicht wirklich zueinander und es bleibt ein Schwanken zwischen Genialität und blauäugiger Stümperei.
Dieses Buch ist in Wirklichkeit auch nicht gut, sondern vor allem extrem seltsam, ganz anders als gewohnt und als erwartet. In seiner Ungeschliffenheit und Kompromisslosigkeit ein wahrer Klassiker, eine angenehme Entdeckung. Ich, der ich privat noch nie ein Freund von Lesben war und auch mitnichten an die Sache der „Queerness“ glaube, die ich vielmehr für an Haaren herbeigezogenes Wunschdenken und Forengeschwätz von US-Kultur-Darstellern halte, staunte doch nicht wenig, dass mir in einem Leben voller schwuler Bezüge diese Autorin nie genannt wurde, ich hier auf der Seite auch keine schwulen Rezensenten bemerke. Auch nicht die mir vertrauten Kollegen, denen ich eine Weile schon folge, dass die es als „to read“ gespeichert hätten. Obwohl Burniers Protagonistin Simone Kontakten zu aus dem Schrank getretenen Lesben aus dem Weg geht, dafür mehrmals jede Woche in schwule Kneipen, dann über schwule Partys schreibt und, wenn sie mit Männern zusammenlebt, diese Männer eher wie Schwule mit Identitätsproblemen wirken.
Kurz gesagt geht es im Roman um eine junge Holländerin, die schon seit der Kindheit weiß, dass sie ein Mann ist, was ihr leider die wenigsten Leute abzunehmen bereit sind. Und wenn sie dann mit jemandem im Bett landet, sind das meistens Männer und keine Mädchen, die sie entweder verschreckt oder an die sie sich vor lauter Schüchternheit nicht ranwagt. Nicht im gesellschaftlichen Kontext der Mittsechziger-Jahre, aber doch von heute aus, müsste man zuerst noch die Frage klären, ob das denn ein Lesben- oder ein Trans-Mann-Roman ist. Obwohl Burnier ihren Erzähler oft genug drauf abheben lässt, dass an der Männlichkeit überhaupt kein Zweifel möglich sei, sie, wie gesagt, mit Lesben auch nicht klarkommt, lege ich mich doch mal fest, es als Lesbenbuch zu begreifen. Also, eine Butch-Lesbe sucht die romantische Liebe.
Burnier war seinerzeit Anfang 30 und hatte einiges hinter sich. Sie versuchte zwei Leben parallel zu führen, eines als jüdische Philosophiestudentin unter ihrem Geburtsnamen Catharina Irma Dessaur und eines als Mann, der Anzüge trug und Bücher schrieb: Andreas Burnier. Das Jüdische kommt in diesem Buch nicht vor, aber die 1931 geborene Catharina hatte im, während des Krieges von Deutschen besetzten Holland 16 mal Wohnort und Name wechseln müssen, um vor den Zügen ins Vernichtungslager bewahrt werden zu können.
Man muss sich bei einem Buch, dessen autobiografische, ja egozentrische Züge auf der Hand liegen, davor hüten, irgendwas als „die wahre Geschichte“ lesen zu wollen. Burnier schreibt mal aus der Er-Außensicht, mal aus der Ich-Erzähler-Perspektive. Sie mixt reportagehafte Züge über Amsterdams Rotlichtdistrikt, philosophische Theorien, literarische Essays und Elemente aus Märchen und Lustspiel zusammen. Simone studiert, unwillig, Medizin und fantasiert sich zwei Buchenden herbei, wo sie das eine Mal lesbische Ärztin mit einer Geliebten ist, das andere Mal ein Mann, der im Bergwerk arbeitet. Ein Mathematikstudium zieht sie in Erwägung, erleidet aber einen Zusammenbruch, bei dem sie erst nichts mehr entziffern, sich dann an nichts mehr erinnern kann, sodass sie in einer Anstalt aufwacht.
Die Autorin dagegen hat zwar kurz Mathematik, aber nicht Medizin studiert, sich akademisch allerdings sehr wohl etabliert. Sie wurde Professorin für Kriminologie und hat nach diesem ersten Buch (an dessen Publikationsfähigkeit sie angeblich nicht glaubte) viele weitere veröffentlicht, darunter das ebenfalls ins Deutsche übersetzte „Knabenzeit“. Sie starb 2002. Im Buch nur vorübergehend mit einem psychisch instabilen, aber zärtlichen Verleger einer Literaturzeitschrift verheiratet, dauerte die reale Ehe der Autorin über zehn Jahre und brachte zwei Kinder hervor.
Es dürfte darum auch nicht ganz korrekt sein, dass Simone, als sie 18 Gläslein gekippt hatte, sich mit einem Mal sturzbetrunken vorkam, sich dennoch ein neunzehntes und zwanzigstes auch noch spendieren ließ.
Bizarr und empfehlenswert. Ein Geheimtipp.